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StartseiteCampus & Karriere"Mehr Geld ins Bildungssystem"16.11.2009

"Mehr Geld ins Bildungssystem"

Studierende verleihen ihren Forderungen mit Streiks Nachdruck

Anja Gadow vom studentischen Dachverband FZS erhofft sich vom Bildungsstreik, dass die Bildungspolitiker die Kritik der Studierenden endlich ernst nehmen und sich mit ihnen an einen Tisch setzen.

Anja Gadow im Gespräch mit Regina Brinkmann

Streikplakate im Innenhof der Luwigs-Maximillian-Universität in München  (AP)
Streikplakate im Innenhof der Luwigs-Maximillian-Universität in München (AP)
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"Diese Streiks haben einen Sachgehalt"

Regina Brinkmann: Wir haben es eben schon gehört, es gibt viel Verständnis für den Protest der Studierenden und den für morgen geplanten bundesweiten Bildungsstreik. Der Wissenschaftsrat spricht von handwerklichen Mängeln bei der Umsetzung der Bologna-Reform, und bezeichnete Bundesbildungsministerin Schavan noch beim letzten Streit im Sommer einige Forderungen der Studierenden als ewig gestrig, so geht sie jetzt schon im Vorfeld der bundesweiten Demos einen Schritt auf die Studierenden zu. Sie werde in den nächsten Tagen mit den Wissenschaftsministern sprechen, die Studenten, so Schavan wörtlich, hätten ein Anrecht zu erfahren, was wir unternehmen, um die Lehre zu verbessern. Anja Gadow vom studentischen Dachverband FZS, wie bewerten Sie dieses Verständnis und all diese Ankündigungen, ist das ein positives politisches Aufbruchsignal?

Anja Gadow: Na ja, also man hatte ja schon die Schavan-Konferenz und die Kultusminister haben sich ja auch schon – ich glaube, am 15. Oktober war das – zusammengesetzt und haben über den Bildungsstreik gesprochen und über die Veränderung vom Bolognaprozess. Ich glaube, wenn dann einfach wieder nur ein Treffen kommt, dann würden gerade bei der Föderalismusreform und diese Bund-Länder-Geschichte, wer ist jetzt wann für was zuständig, da werden sie einfach wieder nur sagen, aber ihr müsst, aber ihr müsst, und so wirkliche Änderungen werden da wahrscheinlich noch nicht kommen. Also zumindest die Äußerungen von Frau Schavan sprechen da eher immer in eine Richtung. Sie liebt ja den Streit und Dialoge, die auch mehr etwas hitziger sind, wie sie das dann immer selber ausdrückt, aber so wirklich eine Einsicht hat sie nicht. Also bestes Beispiel ist da Stipendien versus BAföG. Das Stipendium anheben und das BAföG so lassen, wie es ist, weil das ist ja dann auch schon was, was toll für alle ist, hm.

Brinkmann: Also Sie vermissen eigentlich konkrete Schritte. Ist das Ganze dann am Ende nur Kosmetik?

Gadow: Ich vermute, dass sie darauf hinaus wollen, dass es einfach nur Kosmetik ist, dass man dann halt sagt, hier, wir haben doch was gemacht und jetzt seid doch mal wieder ruhig und studiert und, und, und, und, und. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass das da wirklich jetzt da schon Änderungen herbeitreten. Zu wünschen wäre es und ich hoffe es auch, aber Frau Schavan hat in den letzten vier Jahren nicht gezeigt, dass sie da wirklich so viel machen will, und ich glaube, da wird sie auch in den nächsten vier Jahren nicht viele Veränderungen machen wollen.

Brinkmann: Ja, die Frage ist in der Tat, wer soll was machen, wer steht jetzt in der Pflicht, etwas zu ändern? Zum Beispiel Henry Tesch, Präsident der Kultusministerkonferenz, sieht die Hochschulen in der Bringschuld, nur mal ein Beispiel.

Gadow: Es sind alle in der Bringschuld, die Hochschulen einerseits, dass sie sich, also wenn wir mal ganz unten bei den Hochschulen anfangen. Wir akzeptieren, also jetzt gehen wir einfach mal davon aus, dass dieses Rahmenkorsett, was die Kultusministerkonferenz gegeben hat, sinnvoll wäre, dann hat man halt den Punkt, dass die Hochschulen sich dort auch ein bisschen freier entfalten sollten und demzufolge natürlich auch eine Kompetenzorientierung, die gefordert ist, umsetzen, was halt einfach bedeutet, wesentlich weniger Prüfungen als jetzt, nicht so ein starkes verschultes System und einfach auch eine Öffnung in der Form, dass man halt einfach nicht nur, dass man diesen Begriff des Bulimielernens nicht mehr braucht. Geht man da den Schritt weiter, kann man dann aber auch ankritisieren, dass die Strukturvorgaben, die die KMK, also die Kultusministerin und -minister getroffen haben, wo sie halt ganz klar sagen, ein Bachelor darf nicht mehr als vier Jahre gehen, ein Master nicht mehr als zwei, in der Summe darf es dann nur zehn Semester sein, und, und, und, und, und – da ist einfach der Punkt, das ist auch viel zu starr, das steht nämlich in den Bolognaregeln nicht drin. Also müssen dort auch die Kultusminister was anfassen. Sie müssen auch generell dann mehr Geld an die Hochschulen geben, damit die ausgebaut werden können. Zeitgleich haben wir dann aber auch den Kritikpunkt an der Bundesregierung, so etwas wie das BAföG muss ausgebaut werden und auch sie müssen mehr Geld an die Hochschulen geben. Da gibt es zwar dann immer dieses Kompetenzgerangel, aber da müssen dann einfach mal zum Wohle von Bildung müssen sich Bund und Länder dort mal hinsetzen und dann einfach sinnvolle Wege finden und nicht so was wie eine Exzellenzinitiative oder mehr Stipendien, die jetzt nicht unbedingt sozial so sinnvoll sind, dass sie einfach mehr Leute an die Hochschule bringen und das dann in einer breiteren Förderung machen. Also ...

Brinkmann: Wie groß ist denn jetzt Ihre Hoffnung, Frau Gadow, dass ein zweiter Bildungsstreik, immerhin der zweite in einem Jahr, da etwas bewegen könnte?

Gadow: Nach dem ersten Bildungsstreik hat Frau Schavan und die Kultusminister sich ja bemüßigt gefühlt, in irgendeiner Form zu reagieren, das heißt, Frau Schavan hatte die Konferenz, die Kultusminister haben sich damit zusammengesetzt. Ich hoffe einfach, dass die Hochschule mitkriegen, was sie zu ändern haben, und den Frust und die Kritik der Studierenden einfach auch mal ernst nimmt und sich gemeinsam an den Tisch setzt. Und ich hoffe auch, dass Bund und Länder realisieren, dass es einfach mehr Geld ins Bildungssystem benötigt und dass, damit das dann einfach funktioniert. Also ich hoffe, dass man dort, dass sie jetzt nach dem Streik ein bisschen weiter gehen und dann einfach auch wirkliche Forderungen aufnehmen und einfach nicht immer nur so Kleinigkeiten und sagen, ja, wir haben uns ja damit beschäftigt.

Brinkmann: Blicken wir mal auf den morgigen großen Kampftag. Beim letzten Bildungsstreik sind ja 240.000 Menschen bundesweit zusammengekommen – was glauben Sie, wie groß ist das Engagement morgen und welche Aktionen sind geplant?

Gadow: Also Zahlen werden Sie von mir nicht hören, weil ich war beim letzten Mal überrascht, ich hoffe, dass mich morgen die Beteiligung bei den Demonstrationen noch wesentlich mehr überrascht. Was jetzt ja schon aufgefallen ist, ist, dass sich zum Teil Gewerkschaften und auch Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer wesentlich stärker mit den Protestierenden solidarisieren, als noch beim ersten Mal das der Fall war. Ja, also da glaube ich schon, dass mehr kommen wird.

Brinkmann: Nun gibt es ja auch in den Hochschulen schon an ganz vielen Standorten – die Zahl ist nicht ganz festgelegt, so um die 50 müssten es sein – viele Besetzungen, schon über mehrere Tage, teilweise Wochen auch, da ist aber allerdings mitzubekommen, das sind teilweise mehrere Hundert Studierende, ist das ein Protest, der auf einer breiten Basismasse fußt? Also wenn man jetzt zum Beispiel mal sieht, Hunderte Studierende an der Uni Berlin im Vergleich zu einer, ja, Uni, die Tausende von Studierenden hat, ist das nicht eine viel zu kleine Zahl?

Gadow: Ich glaube, man sollte das nicht so gegeneinanderpacken. Da können wir jetzt das aktuellste Beispiel nehmen: Die Beuth Hochschule für Technik, das sind knapp achteinhalb, 9000 Studis, da waren es heute knapp 350, 400 Leute. Es ist auch so, es liegt halt nicht unbedingt allen diese Form des Protests, dass man halt dann Räume besetzt, da gibt es aber relativ viele drumherum, die einfach dann auch sich mit den Leuten solidarisieren, das heißt Essen ranschaffen oder aber vorbeikommen und sagen, das ist toll, was ihr macht, oder auch für die Stimmung sorgen. Also man kann das da nicht mit den Zahlen abwägen. Was es jetzt auch gibt, dass zum Beispiel an der Hochschule Niederrhein in Nordrhein-Westfalen, das hat die HU auch ein bisschen, man hat den Hörsaal in eine Wohngemeinschaft umgeräumt und in der HU, also in der Hochschule Niederrhein finden trotzdem die Vorlesungen statt. Die Protestierenden bleiben aber drin, stören aber diesen Bereich auch nicht. Und so ähnlich macht das ja die HU auch, wo man einfach die Art des Protests und sagt, hier, wir sind hier, wir wollen mit Euch sprechen, reagiert auf uns und schmeißt uns nicht einfach aus den Hochschulen, da gibt es schon unterschiedliche Formen. Und ich glaube, die werden jetzt auch noch ein bisschen kreativer als beim letzten Mal.

Brinkmann: Und wie kreativ, das werden wir heute beziehungsweise morgen spätestens sehen beim bundesweiten Bildungsstreik. Anja Gadow, vielen Dank, Vorstandsmitglied im freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften FZS.

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