• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteForschung aktuellMehr Wild, weniger Lamm13.03.2012

Mehr Wild, weniger Lamm

Forscher haben den Speiseplan von Wölfen untersucht

Forscher der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung in Görlitz haben mehr als 3000 Kotproben von Wölfen auf unverdaute Beutereste untersucht. Hermann Ansorge war an der Untersuchung beteiligt und erläutert im Interview die - teilweise überraschenden - Ergebnisse.

Wölfe fressen offenbar mehr wilde Rehe als domestizierte Schafe.  (AP)
Wölfe fressen offenbar mehr wilde Rehe als domestizierte Schafe. (AP)

Arndt Reuning: Canis lupus - so lautet der wissenschaftliche Name des Wolfes. Seit zehn Jahren leben Wölfe nun wieder in Deutschland, vor allem in der Lausitz. Und obwohl sich Mensch und Wolf wieder einander angenähert haben, ranken sich doch noch viele Fabeln und Legenden um Canis lupus - ganz besonders, wenn es um sein Fressverhalten geht. Wilde Wölfe könnten Schafe reißen, so eine der Befürchtungen. Ob das tatsächlich zutrifft, wollte der Zoologe Professor Hermann Ansorge von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung genauer wissen. Ich habe vor der Sendung mit ihm telefoniert und wollte wissen: Was steht denn ganz genau auf dem Speiseplan der Wölfe?

Hermann Ansorge: Es war eine unserer Aufgaben in den letzten zehn, elf Jahren, harte, konkrete Daten zu sammeln über das, was die Wölfe wirklich fressen. Und das sieht jetzt nicht nur für die Lausitz, sondern auch für die Ecken in Deutschland, wo sich der Wolf bereits schon angesiedelt hat, so aus, dass über die Hälfte der Nahrung des Wolfes bei uns die Rehe ausmachen. Die anderen beiden Viertel der Nahrung teilen sich in Wildschwein und Rothirsch. Und nur ganz wenige Hasen, ab und zu ein paar Mäuse. Und ein geringer Prozentteil, ein Haustier, bilden die Nahrung der Wölfe bei uns.

Reuning: Das heißt, die Wölfe stehen eher auf Wild und nicht auf Lamm?

Ansorge: Das kann man so nicht genau sagen. Weil: Ich stehe auch auf Geld, auch wenn ich keines kriegen kann. Und so ergeht es den Wölfen. Dass die Haustiere so einen geringen Anteil an der Nahrung ausmachen, liegt vor allem an dem guten Schutz, der sich hier auch durch die Förderung durch das Umweltministerium oder die Umweltministerien etabliert hat. Die Wölfe haben geringe Chancen, an Haustiere ranzukommen. Das ist der einfache Grund.

Reuning: Weil die Haustiere so gut geschützt sind, bewacht sind?

Ansorge: Ja, so ist es. Wenn Wölfe neues Terrain erschließen, also in neue Gebiete, die sie vorher nicht besiedelt haben, eindringen, dann gibt es meist mehr Konflikte mit den Nutztierhaltern. Dort sind die Menschen noch nicht gewohnt, mit dem Wolf zu leben. Die Tiere werden zum Teil über Nacht draußen gelassen, ohne ausreichenden Schutz, ohne Herdenschutzhund oder Elektrozaun, mitunter sogar einfach an der Kette angebunden. Und das ist natürlich eine Einladung für Wölfe, sich da zu bedienen.

Reuning: Wie sieht das denn mit Haustieren aus? Muss man sich um Katzen und Hunde Sorgen machen, die durch den Wald stromern?

Ansorge: Sie meinen, diese Katzen und Hunde, die durch den Wald stromern, sind durch Wölfe gefährdet? Das stimmt. Ob man sich deswegen Sorgen machen soll, weiß ich nicht. Denn eigentlich sollte ein Hund nicht nachts durch den Wald stromern.

Reuning: Haben Sie die Wölfe denn rund um die Uhr beobachtet, oder woher wissen Sie so genau, was auf dem Speiseplan der Wölfe steht?

Ansorge: Eine gute Frage. Natürlich hat niemand die Wölfe rund um die Uhr beobachtet. Es gibt eine sehr elegante Methode, indem die Hinterlassenschaften der Wölfe aufsammelt, sprich den Kot, Losung genannt. Und die Losungen werden dann minutiös untersucht auf das, was sie noch enthalten von der Nahrung der Wölfe. In der Regel, wie ich eben sagte, wild lebende Huftiere, allgemein Wild genannt.

Reuning: Sie haben es ja selbst schon angesprochen: Die Wölfe haben sich ein neues Gebiet erobert. Wie gut können sich denn diese Tiere überhaupt an ein neues Nahrungsangebot anpassen?

Ansorge: Da sind geradezu Wölfe, wie auch andere Raubtiere, insbesondere aber Wölfe sehr flexibel. Wir haben das hier in Deutschland erlebt, dass innerhalb einer Generation des Wolfes, also seit zwei, drei Jahren, sich total darauf eingestellt haben: Was bei uns am ehesten, am leichtesten und am sichersten zu erbeuten ist, sind die Rehe. Das ist in anderen Gebiete, oder wo diese Wölfe herkamen, nämlich Nordost-Polen, nicht der Fall. Dort ist es das Rotwild.

Reuning: Im Jahr 2006 hat ja der sogenannte Problembär Bruno für Schlagzeilen gesorgt. Er hatte offenbar keine Scheu vor den Menschen und hat auch Schafe gerissen. Kann man sich bei Wölfen so etwas auch vorstellen, eine Art Problemwolf?

Ansorge: Der Begriff "Problemwolf" taucht auch in den Management-Plänen der Umweltministerien auf. Dort ist aber eher an so etwas gedacht wie ein Wolf, der, wie auch immer, sogenannt habituiert ist, also an den Menschen gewöhnt ist, möglicherweise gefüttert worden ist, dann sein Futter weiter verlangt. Das war ja bei Bruno eine ganz andere Geschichte. Ein Bär ist auch ein ganz anderes Raubtier als ein Wolf. Problemwölfe würden bei uns Wölfe heißen, die wirklich keine Scheu mehr vor dem Menschen haben. Die sich so sehr nähern, dass es zu Unfällen kommen kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk