• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturMeilenstein in der Geschichtsschreibung über Horthy15.04.2013

Meilenstein in der Geschichtsschreibung über Horthy

Kursiv - Krisztian Ungvary: "Die Bilanz der Horthy-Ordnung", Jelenkor Verlag

In Ungarn gibt es einen neuen Kult um das Staatsoberhaupt des Landes von 1920 bis 1944: Miklós Horthy. Die Regierungspartei Fidesz sieht wohlwollend zu. Dabei war Horthy ein erklärter Antisemit. Der Historiker Krisztián Ungváry hat ein fundiertes Buch über die Horthy-Ordnung geschrieben und eine Debatte entfacht.

Von Keno Verseck

Der ungarische Historiker Krisztián Ungváry (privat)
Der ungarische Historiker Krisztián Ungváry (privat)

Das Dorf Csókakö westlich von Budapest, im Juni letzten Jahres. Paramilitärische Bürgerwehren sind aufmarschiert, der Bürgermeister György Fürész, Mitglied der ungarischen Regierungspartei Fidesz, enthüllt eine Statue von Miklós Horthy, dem autoritären Herrscher im Ungarn der Zwischenkriegszeit. Fürész sagt: "Wir versammeln uns hier für jene Sache, die Horthy symbolisiert – den Zusammenschluss aller Ungarn."

Ungarn im Horthy-Fieber: Seit einiger Zeit betreiben viele sogenannte "national empfindende" Ungarn einen regelrechten Kult um den Reichsverweser, der von 1920 bis 1944 ungarisches Staatsoberhaupt war. Die Regierungspartei Fidesz unter dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán sieht wohlwollend zu. Dabei war Horthy ein erklärter Antisemit und mitverantwortlich für die Deportation von 437.000 Juden in deutsche Vernichtungslager. Der neue Kult um Horthy war auch Anlass für einen ungarischen Historikerstreit, der vor einem Jahr entbrannte. Ende 2012 ist im Jelenkor-Verlag mit Sitz im südungarischen Pécs ein Buch erschienen, das einen Meilenstein in dieser Debatte darstellt. Das Buch trägt den Titel "Die Bilanz der Horthy-Ordnung. Diskriminierung, Sozialpolitik und Antisemitismus in Ungarn". Geschrieben hat das umfangreiche Werk der 43-jährige Budapester Historiker Krisztián Ungváry, der in Ungarn zu den bedeutendsten Vertretern seiner Zunft gehört.

Die Horthy-Ordnung ist untrennbar mit ihrem apokalyptischen Ende verbunden: den Judendeportationen 1944 und der Ermordung von 300.000 ungarischen Juden in nur sechs Wochen in deutschen Vernichtungslagern. Ungváry zeigt in seinem Buch, dass der Auftakt zu dieser Katastrophe bereits in die Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg fiel. Er deutet den Antisemitismus der Horthy-Zeit als Modernisierungsfeindlichkeit gegenüber den Trägern der Modernisierung, die zum großen Teil intellektuelle oder unternehmerisch erfolgreiche Juden waren, und er beschreibt, wie mit der Diskriminierung der Juden, angefangen beim Numerus clausus 1920 für jüdische Studenten, schon frühzeitig das Ziel ihrer systematischen Verdrängung aus Staat, Gesellschaft und Wirtschaft verfolgt wurde.

Ein Vorhaben, das schließlich im vollständigen Raub ihres Eigentums endete, von dem nahezu alle ungarischen Familien profitierten. Von großer Bedeutung ist Ungvárys Werk vor allem aus zwei Gründen: Zum einen ist es die erste große Untersuchung, die für das Horthy-Ungarn einen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und der wirtschaftspolitisch motivierten Verdrängung von Juden sowie der Umverteilung jüdischer Vermögen belegt. Zum anderen zeigt Ungváry, dass es zumindest bis 1938, dem Jahr des ersten großen Judengesetzes in Ungarn, wiederholt Optionen eines politischen Weges gab, der nicht zwangsläufig in die Katastrophe hätte führen müssen. Weil es diese Optionen gab, so der Autor, könne man die Verantwortung einzelner Akteure im Horthy-Ungarn für die Katastrophe 1944 umso dingfester machen. Zugleich räumt Ungváry mit vielen kleinen und großen Mythen auf, die in Ungarn noch immer bestehen. Einige seiner Erkenntnisse sind besonders bedrückend: Weite Teile der Gesellschaft und der Elite waren über den Massenmord an den Juden genauestens im Bilde. Ja, Ungarn kämpfte sogar zäh darum, die deutschen Forderungen überzuerfüllen.

"Entgegen aller Gerüchte war die Durchführung des Holocaust in Ungarn noch radikaler als in Deutschland. Auf deutscher Seite stellte man überrascht fest, dass die ungarischen Vollstrecker ein viel höheres Tempo diktierten, als man erwartet hatte."

Hätten sich die ungarischen Behörden lediglich an die deutschen Vorgaben gehalten, rechnet Ungváry aus, dann hätten rund 200.000 Juden mehr überlebt. Sein Buch wurde sofort nach Erscheinen zu einem Bestseller. Es dürfte an der wissenschaftlichen Akribie des Autors liegen, dass bis jetzt fast nur positive Rezensionen erschienen sind. So sehr allerdings das Buch ein Meilenstein in der Geschichtsschreibung über Horthy und seine Ordnung ist, so lange dürfte es dauern, bis seine Fakten in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit in Ungarn oder auch nur in das der politischen Elite dringen. Ungarns Staatspräsident János Áder sprach bei einem Israel-Besuch im Juli letzten Jahres davon, dass "der ungarische Staat tatenlos zugesehen" habe, wie seine jüdischen Bürger deportiert und vernichtet wurden. Solche Aussagen, sagt Krisztián Ungváry, seien "Geschichtsklitterung der schlimmsten Sorte".


Krisztian Ungvary: "A Horthy-rendszer mérlege. Diszkrimináció, szociálpolitika és antiszemitizmus Magyarországon", Jelenkor Verlag, Budapest 2012, 650 Seiten, ISBN: 978-9-636-76522-4

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk