Kultur heute / Archiv /

 

Menschliches Versagen einer Lehrerin

Florian Fiedler inszeniert das Stück "Der Hals der Giraffe" am Schauspiel Frankfurt

Von Cornelie Ueding

Die Biologielehrerin (gespielt von Heidi Ecks) zeichnet sich nicht gerade durch ein Übermaß an Sympathie aus.
Die Biologielehrerin (gespielt von Heidi Ecks) zeichnet sich nicht gerade durch ein Übermaß an Sympathie aus. (AP)

Die Biolehrerin Inge Lohmark ist in dem Stück "Der Hals der Giraffe" eine Repräsentantin eines rigiden Survival-of-the-Fittest-Systems. Weshalb und wie Selektion erfolgt, erklärt sie anhand der Giraffe. Regisseur Florian Fiedler inszeniert den Roman "Der Hals der Giraffe" am Schauspiel Frankfurt.

Man sitzt zwischen Dinosaurierskeletten und zoologischen Schaubildern im Senckenberg Naturmuseum – und Präparate ausgestopfter oder aussterbender Spezies säumen auch den Argumentationsweg der Biologie- und Sportlehrerin Inge Lohmark, die es gewohnt ist, Tag für Tag ihre Klasse zur Schnecke zu machen, die Individuen vor ihr aufzuspießen, zu kategorisieren und abzulegen.

Heidi Ecks spielt die drahtig-sportive Mittfünfzigerin mit dem straff nach hinten gestriegelten Haar, die sich nicht gerade durch ein Übermaß an Empathie auszeichnet – die sich im Gegenteil in der Rolle der nahezu emotionsfreien Exekutorin reiner Wissenschaftlichkeit gefällt und "unappetitliche Vertrautheiten" zwischen Lehrern und Schülern hasst. Halb Relikt straffer DDR-Pädagogik, halb enttäuschte Mutter spielt diese Bio-Domina auch eine Zeitlang ganz erfolgreich auf der Klaviatur der Hypothese-Induktion-Deduktion-Philosophie. Überforderung und Strenge als Methode – wer kennt das derzeitige Bedürfnis nach einem Mehr an Disziplin nicht. Die vom Darwinismus-Gen getriebene Propagandistin von Konkurrenz und Evolutionstheorien trägt heftige Auseinandersetzungen mit einer rundum wohlmeinenden Gutmensch-Kollegin aus – und doch hört es sich so an, als führte sie einen Gespräch mit sich selbst, denn es ist ihr Gesicht mit anderem Text, das auf die Leinwand über dem Lehrerpult projiziert wird.

Aber diese Dialogreste aus der Konserve verschwinden allmählich und aus dem Monolog wird – etwas ruppig und gewollt - ein Monodram. Auf den letzten Stationen ihrer anthropologischen Selbstentblößung führt sie uns, die Zuschauer, wie eine ihrer entmündigten Schülergruppen als Taschenlampen-zitterndes Geschwader durch die dunklen Gänge des nächtlichen Museums. Am Beispiel der Giraffe erklärt sie, weshalb und wie Selektion erfolgt – und wird dann selbst von ihrem evolutionsbiologischen Höhenflug eingeholt.

Als Inge Lohmarks menschliches Versagen auf allen Ebenen offenkundig wird und sie bloßgestellt ist, müssen wir, die Schüler, nicht mehr brav auf den Stühlen sitzen bleiben. Regisseur Florian Fiedler lässt sie im dunklen Raum zwischen den Zuschauern hin und her hasten, die stehen, ihr nachsehen, nachgehen können. Das ist einsichtig – fördert aber nicht eben die Verständlichkeit dieses wichtigen Umschwungs.

Gekrönt wird die traurige Enthüllungsgeschichte der Inge Lohmark durch eine nachgeschobene Episode: jenen Moment, in dem sie ihre Tochter zwar nicht physisch, aber wohl mental "abgetrieben" hatte: Ihre Tochter, deren Lehrerin sie auch war, kam in einem jämmerlichen Zustand, Mama-wimmernd in die Klasse, aber niemand ging auf sie zu, keiner tröstete sie. Auch sie nicht. Unmöglich! Vor der ganzen Klasse! Schließlich sei sie zuallererst ihre Lehrerin gewesen. Diese Wahrheit kann sie freilich nicht aussprechen – nur der Text dieser tieftraurigen Geschichte flimmert wie ein Menetekel über die Musemswände. Und die Repräsentantin eines rigiden survival-of-the-fittest-Systems zerbricht sang- und klanglos im off zwischen alten Saurierknochen. Ob die Zuschauer als flüchtige Beobachter sich auf diesen Fehlversuch der Natur einen Reim machen können oder sollen, bleibt an diesem Abend ebenso offen wie die Frage, ob man das Houellebecq-artige Kältegefühl der Protagonistin letztlich teilen oder abwehren soll.



Mehr bei deutschlandradio.de

 

Externe Links:

Schauspiel Frankfurt

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Manifesta 10Performances als Unterwanderung des Alltags

Männer leeren Beutel mit Schnee für die Performance "Cold Painting" des russischen Künstlers Pavel Braila.

Performances für die Straße sind in Paris oder Berlin bei Kunstfestivals Routine. In St. Petersburg gehören sie jedoch zum heikelsten Teil der Manifesta. Zumal die polnische Kuratorin, Joanna Warsza, dafür vor allem Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Staaten des einstigen Warschauer Paktes eingeladen hat.

Salzburger Festspiele 2014 Gepflegte Langeweile mit "Don Giovanni"

Festspielhäuser an der Hofstallgasse  in Salzburg

Zum Auftakt der Salzburger Festspiele 2014 wurde eine Neuinszenierung von Mozarts "Don Giovanni" gezeigt. Der Schauplatz: eine Hotellobby mit gedämpften Licht, ein Allerweltsort gepflegter Langeweile. Insgesamt hat die Inszenierung von Christoph Eschenbach und Sven-Eric Bechtolf den Rezensenten nicht überzeugt.

"Fremde Welten", Teil 1Orban, Rechtsrock und der ungarische Nationalstolz

Ungarn demonstrieren am Nationalfeiertag in Budapest für Regierungschef Orban.

Rechtsrock-Bands sind bei Ungarns Jugend sehr beliebt. Sie stehen für einen Nationalismus, der nicht nur als Subkultur gelebt wird: Auch Ministerpräsident Viktor Orbán beschwört den Zusammenhalt gegen Feinde wie die EU. Als historische Ursache dieser Tendenzen gilt der Trianon-Friedensvertrag von 1920.

 

Kultur

Manifesta 10Performances als Unterwanderung des Alltags

Männer leeren Beutel mit Schnee für die Performance "Cold Painting" des russischen Künstlers Pavel Braila.

Performances für die Straße sind in Paris oder Berlin bei Kunstfestivals Routine. In St. Petersburg gehören sie jedoch zum heikelsten Teil der Manifesta. Zumal die polnische Kuratorin, Joanna Warsza, dafür vor allem Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Staaten des einstigen Warschauer Paktes eingeladen hat.

Moderne KunstSammlung eines Kunsthändlerehepaars

Blick auf den Eingangsbereich der Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence bei Nizza, ein Museum für zeitgenössische Kunst. Das Ehepaar Marguerite und Aime Maeght gründete die Stiftung 1964, um einen Teil ihrer Sammlung dort auszustellen. Der katalanische Architekt Josep Lluis Sert schuf in Zusammenarbeit mit bekannten Künstlern wie Joan Miro, Georges Braque und Henri Matisse das Gebäudeensemble.

Im Hinterland der Côte d'Azur liegt eine der schönsten und bedeutendsten privaten Kunststiftungen der Welt: die Fondation Maeght. Ihre Gründung am 28. Juli 1964 ist der Freundschaft zwischen dem Kunsthändlerehepaar Marguerite und Aimé Maeght und Künstlern wie Giacometti, Miró, Braque, Calder oder Matisse zu verdanken.

FilmAuthentisches Bild von Schillers Liebe zu dritt

Hannah Herzsprung (links, als Caroline von Beulwitz), Florian Stetter (Friedrich Schiller) und Henriette Confurius (Charlotte Lengefeld) in Weimar während der Dreharbeiten von Dominik Grafs Film "Die geliebten Schwestern".

Charlotte und Caroline sind die Schwestern, in die sich der Dichter Friedrich Schiller im Sommer 1788 verliebte - in beide. Dominik Graf hat diese aufregende Dreiecksbeziehung verfilmt. Dabei erweist er sich als ein sinnlicher Filmemacher, der jene historische Epoche eindrucksvoll zum Leben erweckt.