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StartseiteComputer und KommunikationMit Knowhow gegen den Computer-GAU25.09.2004

Mit Knowhow gegen den Computer-GAU

Gesellschaft für Informatik fordert mehr Einfluss auf die Politik

<strong>Gleich zwei Informatiker-Tagungen fanden vergangene Woche an der Universität Ulm statt. Zum einen trafen sich rund 750 Computerwissenschaftler und Entwickler zur 34. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik. Im Rahmen der 27. Jahrestagung "Künstliche Intelligenz" diskutierten 250 Forscher neueste Ergebnisse bei neuronalen Netzwerken, maschinellem Lernen und neurobiologische Ansätze in der Robotik. Doch nicht nur Wissenschaft, sondern auch Politik stand auf der Agenda beider Treffen.</strong>

Jarke: Experten sollen sich stärker in Politik einbringen. (gi-ev.de)
Jarke: Experten sollen sich stärker in Politik einbringen. (gi-ev.de)

Im Trubel jüngster Wahlen waren die Teilnehmer der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Informatik GI sowie der Konferenz zu "Künstlicher Intelligenz" ganz unter sich. Politiker, sonst öffentlichkeitsträchtigen Terminen stets zugetan, hatten offenbar anderes im Sinn. So ließ sich Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg durch seinen Staatssekretär vertreten und auch das Bundesforschungsministerium hatte bereits im Vorfeld dankend abgewunken. So blieben die Macher und Entwickler Weg weisender und umsatzträchtiger Zukunftstechnologien wie das vermutlich bald allgegenwärtige Invisible Computing mit bis in den Teppichboden eingewobenen Rechnern oder die Ambient Intelligence in alltäglichen Gebrauchsgegenständen ganz unter sich. Trotzdem setzten die angereisten Redner deutliche politische Akzente, darunter auch Professor August-Wilhelm Scheer vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Saarbrücken. Der Wirtschaftsinformatiker und Berater des saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller mahnte etwa eine Reorganisation der Hochschullandschaft an. Universitäten, so seine Forderung, müssten stärker unternehmerisch geführt werden. Dabei könne auch Software für die Unternehmenslenkung eine bedeutende Rolle einnehmen. "Universitäten als Dienstleistungsunternehmen bieten Prozesse an. Ausbildung ist ja selbst ein Prozess. Der Professor hat seine Lesungen im Internet gespeichert oder er präsentiert seine Inhalte in einer Vorlesung frontal – alles das sind Prozesse. Also ist der Produktionsprozess der Universität auch ganz elementar von diesen Überlegungen betroffen", unterstreicht Scheer.

Bislang aber seien diese Produktionsprozesse der Hochschulen nur schlecht organisiert, zu langsam, zu behäbig und auch zu teuer. Auch dürften universitäre Weiterbildungsangebote nicht auf den Bereich der Erstausbildung beschränkt bleiben, sondern müssten auch durch Universitäten freier vermarktet werden dürfen. Das aber werde zurzeit durch ein Dickicht von Verordnungen, Regulierungen und ministerialen Erlassen behindert. Hier wollen sich die Informatik-Hochschullehrer stärker in die Politik einbringen. Doch die Problematik sei nicht auf Universitäten beschränkt. Insgesamt, so forderte der Präsident der Gesellschaft für Informatik, Matthias Jarke, nachdrücklich, müssten Politik und Verwaltung stärker vom Sachverstand der Informatik Gebrauch machen. Spektakuläre Computerflops wie das Mautsystem "Toll Collect", die Prosoz-Software für das Arbeitslosengeld II, die Gesundheitskarte oder die Finanzamtssoftware Fiscus – sie alle werden von schweren Pannen und Verzögerungen überschattet. Dazu Jarke: "Das erste Grundproblem ist, dass dort typischerweise Informatik-Experten, die wirklich unabhängig von der Anbieterseite sind, in aller Regel praktisch überhaupt nicht beteiligt sind. Vielmehr stehen dort eigentlich Anwender, die typischerweise sehr computernaiv sind - denn Informatikkenntnisse sind im Bereich von Verwaltung und Politik sehr wenig verbreitet - den Anbietern gegenüber, die eben Technologiekenntnisse besitzen." Um diesen Missstand zu beseitigen, fordert der GI-Präsident seine Mitglieder auf, sich aktiver in die Entscheidungsprozesse einzubringen.

Mit klarem Praxisbezug präsentierte sich dagegen die 27. Jahrestagung "Künstliche Intelligenz", die parallel in Ulm stattfand. Computer, so konstatierten die Auguren einmal mehr, stünden auf dem Sprung vom Schreibtisch in alltägliche Gebrauchsgegenstände hinein - und damit in eine unsichtbare Allgegenwärtigkeit. Mit diesem so genannten Pervasive Computing drohe aber auch mehr denn je der "gläserne" Anwender. Dass diese Gefahr schon heute äußerst real ist, belegt etwa der Einsatz intelligenter Warenetiketten, so genannter RFIDs. Sie werden derzeit weltweit erstmals im "Future Store" der Metro AG eingesetzt und sollen dort den Warenbestand kontrollieren und die Rücksortierung von Artikeln sowie das Bezahlen vereinfachen. Andererseits kann damit - zumindest theoretisch - exakt verfolgt werden, wer was gekauft hat. Überdies können die über Funk aktivierten und ausgelesenen winzigen Chips auch nach dem Verlassen des Geschäfts ihre Daten verräterisch preisgeben. Das kann sicherlich hilfreich sein, beispielsweise in einem Krankenhaus, meint Werner Weber von der Forschungsabteilung des Chipherstellers Infineon: "Da gibt es viele Gänge und es ist nicht immer leicht, da das Ziel zu finden. Man könnte Leuten am Eingang einfach ein kleines Gerät in die Hand geben und am Boden würden Leuchtstreifen die Leute individuell zu ihrem Ziel führen." Das kann aber auch missbraucht werden: ein Klinikbetreiber könnte so stets nachvollziehen, wie lange eine Krankenschwester vor dem Kaffeeautomaten gestanden hat, in der Kantine war oder am Patientenbett.

Angesichts dieser neuen, umfassenden Überwachungsmöglichkeiten fordern Experten dringend Schutzkonzepte. So müssten zunächst Betroffene darüber informiert werden, welche Daten erhoben werden. Daneben müsste sichergestellt werden, dass bestimmte Bereiche von derlei Kontrolle ausgenommen sind, also beispielsweise RFIDs im Krankenhaus nur den Besuchern angeboten werden, nicht aber in die Dienstausweise dort arbeitender Angestellter wandern. Auch müsse die Vorhaltung der anfallenden Daten strikt geregelt werden. Der Anwender müsse quasi eine Datenhoheit besitzen, betonte Professor Kurt Rothermel von der Universität Stuttgart: "Sie haben ja beispielsweise bei ihrem GPS-Gerät etwa auf ihrem Handy durchaus die Kontrolle und können also bestimmen, wie die Information weitergegeben werden soll oder ob sie überhaupt nicht weitergegeben werden soll." Andererseits wären Benutzer in dem Modell des "intelligenten Hauses", bei dem auf jedem Schritt Daten erhoben werden können, schlicht überfordert. Profile über die zu verwendenden und weiterzuleitenden Informationen, so meinen Experten, könnten dabei Abhilfe leisten. Trotzdem müsste der Anwender immer noch festlegen, welche Angaben sein neuer Pullover an die Waschmaschine oder möglicherweise an das Internet schicken darf. Dass die gesprächigen Sender indes durchaus nützlich sein können, belegt das Pilotvorhaben des Wein-Netzwerks. Dazu wurde ein Weinberg mit rund 9000 Minisensoren gespickt, die Werte wie Temperatur, Bodenfeuchtigkeit und Sonneneinstrahlung erheben. Anhand dieser Informationen wird die Traubenreife und der optimale Zeitpunkt für die Lese exakt berechnet. Ebenfalls bald in den Läden zu haben ist eine neue Sportjacke mit Mehrwert: Handy und MP3-Spieler sind dabei gleich mit eingebaut. Besonderes Interesse zeigen an solchen Lösungen auch Mediziner, die mit ähnlicher Technik bei kritischen Patienten Temperatur, Blutdruck und Atemfrequenz kontrollieren wollen.

[Quelle: Peter Welchering]

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