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StartseiteKultur heute Mit Lasern, Scannern und 3D-Technologie19.07.2010

Mit Lasern, Scannern und 3D-Technologie

Das Kloster von Cluny - virtuell

Vom allergrößten Teil der Abtei von Cluny ist nichts mehr zu sehen. Vieles wurde in den Wirren der Französischen Revolution abgerissen und als Steinbruch verkauft. Doch zum 1100. Gründungsjubiläum des Klosters entsteht das Gebäude neu - im Rechner.

Von Werner Bloch

Cluny war das spirituelle Zentrum des mittelalterlichen Frankreich.  (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Cluny war das spirituelle Zentrum des mittelalterlichen Frankreich. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Cluny - spirituelles Zentrum des mittelalterlichen Frankreich. Von hier aus breitete sich klösterliches Leben und christliches Gedankengut in halb Europa aus - eine Zentrale, die mächtiger war als heute jedes Firmenimperium, sagt der staatliche Verwalter von Cluny, Xavier Verger:

"Cluny ist eine der symbolträchtigsten Orte des Mittelalters. Und es war eine Ausnahme in seiner Zeit. Denn Cluny unterstand nicht den örtlichen Bischöfen oder Adeligen, sondern unmittelbar Rom. Diese Eigenständigkeit gegenüber den feudalistischen Strukturen nutzte Cluny, um auf seine Art eine spirituelle Weltmacht zu werden. Deren sinnliches Abbild war die Hauptkirche 'Ecclesia maior', die 187 Meter lang war und in ihren Dimensionen erst 500 Jahre später vom Petersdom übertroffen wurde."

Wer heute nach Cluny kommt, der stellt sich allerdings die Frage: Wo ist sie eigentlich, diese gigantische Kirche? Und wo verlaufen ihre Grundrisse? Vom allergrößten Teil der Abtei ist praktisch nichts mehr zu sehen. Vieles wurde in den Wirren der Französischen Revolution abgerissen und als Steinbruch verkauft.

Heute geht es darum, diesen Ort wieder herzustellen, ihn für die Besucher begreifbar zu machen. Der wunderschöne Spitzturm im Osten, die Bögen im Kreuzgang, die Kapellen – sie sind ja noch sichtbar, aber jetzt soll auch die umliegende Kirche teilweise restauriert und Cluny wieder zum Leben erweckt werden.

Dazu gehört auch durch eine Ausstellung. Die Schau mit dem Titel "Cluny als europäischer Gipfelpunkt romanischer Kunst" ist ein Höhepunkt im europäischen Kunstkalender. Eine glänzende Feier von Ästhetik und Spiritualität der Romanik.

Der Kurator Jean-Paul Ciret:

"Dies ist eine Ausstellung, wie sie noch nie zu sehen war. Dutzende Objekte, die seit dem 18.Jahrhundert getrennt waren und in ganz verschiedenen Ländern lagerten, werden jetzt zum ersten Mal wieder gezeigt. Und vielleicht auch zum letzten Mal. Wir haben von dieser Ausstellung immer wieder geträumt. Der große Cluny-Forscher Neil Stratford hat versucht, sie nach Brüssel zur EU zu holen – das ist immer wieder gescheitert. Aber jetzt ist sie hier, und darüber sind wir sehr glücklich."

Wer die fantastischen Säulen mit ihren Verzierungen aus dem 11. und 12. Jahrhundert gesehen hat, die machtvolle Kunst des Geschichtenerzählens durch Skulpturen, Reliefs und Kapitele, der sieht die romanische Kunst ganz neu: nicht als geduckten Vorläufer der Gotik, sondern als einen Höhepunkt der europäischen Kulturgeschichte. Schon wegen dieser Ausstellung lohnt der Weg nach Cluny.

Und dann gibt es noch etwas ganz anderes, geradezu Futuristisches: das Gonzo-Projekt, eine virtuelle Darstellung, die Cluny so zeigt, wie es einmal war. Im Computer entstehen Hunderte hintereinander gelegter Steinbögen neu, die Kaskaden von Spitzpfeilern und Fenstern, Säulengängen, Bilder, die die Romantik mit Zeichnungen erträumt hat. Schon eine Nebenkapelle war hier so groß wie anderswo eine Kirche.

Der Informatiker Christian Père, der viele Jahre für Boeing und EADS gearbeitet hat, hat diese einmalige virtuelle Welt im Computer geschaffen – zusammen mit Kunsthistorikern, Archäologen und Historikern – ein Gipfel interdisziplinärer Zusammenarbeit. Christian Père:

"Von der großen Kirche in Cluny mit 187 Metern Länge sind heute nur noch acht Prozent übrig. Dank der Informationstechnologie können wir jetzt die übrigen 92 Prozent errechnen und damit 100 Prozent der Kirche wiederherstellen. Mit Lasern, Scannern und 3D-Technologie haben wir, ausgehend von den Fundstücken, den Raum vermessen. Die 100.000 Besucher von Cluny pro Jahr, die eine Kirche besuchen wollen, die paradoxerweise verschwunden ist – sie werden bald einen ganz neuen Film sehen."

Gonzo war der Gründervater und Inspirator von Cluny. Ein Mönch aus dem 11. Jahrhundert, der der Legende nach von Cluny geträumt hat. Gott befahl ihm im Traum, diese Kirche zu bauen. Jetzt, im Jahre 2010, da Cluny neu entsteht, wird Gonzos Traum noch einmal wahr.

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