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Mit Tempo in den Klassenraum

Schulbuchproduktion in Deutschland

Von Jens P. Rosbach

Das Schulbuch ist im Ranzen - doch bis es dahin ist es ein weiter Weg.
Das Schulbuch ist im Ranzen - doch bis es dahin ist es ein weiter Weg. (AP)

Jedes Jahr bringen die Bildungsverlage 3000 bis 4000 neue Schulbücher und Arbeitshefte auf den Markt. Und zwar unter schwierigen Bedingungen. Denn jedes Bundesland hat eigene Lehrpläne - die zudem ständig geändert werden. Eine Produktion unter Stress.

Glaskolben, Reagenzgläser, Pipetten. Universität Potsdam, im Arbeitsraum von Professor Volkmar Dietrich. Der Experte für Chemie-Didaktik arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten als Schulbuch-Autor und -Herausgeber; Generationen von Jugendlichen sind mit seinen Werken wie "Chemie plus" aufgewachsen. Worin besteht das Geheimnis eines guten Buches? Zum Beispiel im Recycling, schmunzelt der 63-Jährige.

"Man analysiert sämtliche Werke der anderen Verlage. Man könnte mal sagen: Aus zehn alten Büchern wird ein neues geschrieben. Das ist zwar etwas übertrieben, weil immer das eigene natürlich dabei ist. Aber so richtig die eigene Idee, wie die mir gekommen ist, das kann ich jetzt nicht mehr nachvollziehen"

"Ich sitze manchmal an einem Kapitel viele viele Stunden, schreibe es, lese es nach einer Woche und schmeiße es komplett weg. Weil es mir überhaupt nicht mehr gefällt. Oder ich sitze drei Wochen und kriege keine Seite zu Papier. Und dann sitze ich plötzlich drei Tage und habe das ganze Kapitel fertig und mir gefällt's auch. Vielleicht ist das sogar wie bei so einem Schriftsteller, der einen Roman schreibt, manchmal ist das einfach so."

Bevor der Schulbuch-Autor zum Bleistift greift, liest er Fachzeitschriften, hört sich auf Kongressen um, diskutiert mit Wissenschaftlern, Lehrern und Schulräten. Zudem greift er immer wieder zum Bunsenbrenner, um neue Unterrichts-Experimente zu entwickeln: Die Schüler sollen "heiß" gemacht werden auf Chemie.

"Zum Beispiel in dem Gebiet Organische Säuren oder in dem Gebiet Alkohole sind wir mal von was ganz anderem ausgegangen: nämlich von Gerüchen. Also unter dem Motto: Das stinkt mir aber, wo kommen die Gerüche her? Bis dahin, dass nachher am Ende dieses Kapitels die Schüler befähigt werden, experimentell auch selbst ein Parfüm zu komponieren. Da machen wir hinterher harte Chemie, aber die Schüler merken das gar nicht, weil ihnen das Spaß macht."

Volkmar Dietrich kennt keine Ferien. Denn der Professor ist unmittelbar vom rasanten Tempo der Buchproduktion betroffen. So macht sein Auftraggeber - ein großer Schulbuch-Verlag - ständig Druck, die Manuskripte möglichst schnell abzuliefern.


"Und wenn Sie meine Frau interviewen würden, die würde Ihnen sagen, dass wir so gut wie keinen Sonnabend oder Sonntag beide zur Verfügung haben, weil ich am Computer sitze, dass ich abends sehr häufig da sitze und dass ich mit dem einen oder anderen Buch ganz hundertprozentig nicht zufrieden bin. Aber es raus gebracht habe, denn wenn ich es nicht raus bringe: Die Konkurrenz bringt es mit Sicherheit raus."

Bevor ein Schulbuch-Autor sich an den Schreibtisch setzt, muss er wissen, was in den einzelnen Bundesländern in den Klassenstufen verlangt wird. Sprich: Was in den Rahmenlehrplänen steht. Wer entwickelt diese Pläne? Die jeweiligen Lehrplankommissionen und Schulbehörden der Länder. Beispiel Berlin- Brandenburg.

"Nächster Halt Ludwigsfelde ... "

Ludwigsfelde taucht in keinem Schulbuch auf, obwohl hier die Weichen gestellt werden für tausende Lehrwerke. In der Kleinstadt südlich von Berlin sitzt das LISUM, das Landesinstitut für Schule und Medien: der Ort, an dem die Lehrpläne für Berlin und Brandenburg geschrieben werden. Institutsdirektor Jan Hofmann schaut beim "Pläne schmieden" in Richtung Pisa. Die internationalen Bildungsstandards, die dort formuliert wurden, fordern etwa mehr Schüler-Kompetenzen.

"In der traditionellen Form war das Abfragen von Wissen eine zentrale, wichtige Kategorie. Heute geht es wesentlich mehr auch darum, welche Fähigkeiten die Schüler bei der Gestaltung und Lösung von komplexen Aufgaben in die Waagschale werfen können, inwieweit sie in der Lage sind, Zusammenhänge zu erkennen und inwieweit sie in der Lage sind, Schlussfolgerungen aus dem Erlernten für ihre eigene Lebenspraxis abzuleiten."

Das Landesinstitut beruft Lehrplan-Kommissionen ein. Darin sitzen engagierte Lehrer und Wissenschaftler. Die Spezialisten deklinieren für jedes Fach die Pisa-Standards durch. Oder setzen Forderungen der Regierung um - wie die Verkürzung des Abiturs auf zwölf Jahre. In letzter Zeit häuften sich die Bildungs-Reformen. Die Folge: Immer wieder werden neue Lehrpläne veröffentlicht - und häufig auf den letzten Drücker, im Frühjahr. Die Verlage haben also kaum Zeit, ihre Materialien zum Schuljahresbeginn im August/September heraus zu bringen.

"Landesinstitut für Schule und Medien Berlin Brandenburg, Guten Tag!"

Einige Monate vor Inkraftsetzung eines Lehrplanes veröffentlichen die Behörden bereits erste, unverbindliche Plan-Entwürfe. Aber auch dieser Termin ist für die Verlagskaufleute zu spät; zu ihrem ABC gehört es deshalb, ständig beim Landesinstitut anzuklingeln.

Sie rufen relativ regelmäßig an. Also wenn im Prinzip in der Branche sich herumspricht, dass wir für das meinetwegen Schuljahr 200X neue Lehrpläne in der Röhre haben sozusagen, dann gehen von dem Moment an die Plänkeleien, die Diskussionen, die Nachfragen los. Und wir müssen dann eben sehen, dass wir in einer intelligenten Informationspolitik die Verlage dicht bei uns halten, aber wiederum auch nicht zu früh über möglicherweise Wege, die sich dann möglicherweise als Irrwege erweisen, informieren. 027

Ortswechsel. Sitzung in einem Berliner Schulbuchverlag - im Verlag Duden-Paetec.

"Ja, wir haben jetzt den nächsten Besprechungspunkt. Wir sind ja am Ende des Arbeitsjahres 2007/08, waren in den letzten Monaten sehr stark beschäftigt mit sehr spät kommenden Lehrplänen ... "

Ein neuer Lehrplan verlangt neue Schulbücher. Konzipieren Verlags-Redakteure und Fachgebietsleiter die Broschüren, Lehrwerke oder Buchreihen, halten sie sich buchstabengetreu an das Diktat der Behörden.

"In allen Kernlehrplänen oder Lehrplänen, egal wie kurz und knapp sie sind, gibt es inhaltliche Vorgaben. Also es wird zum Beispiel ausgesagt, welche Fähigkeiten müssen die Schüler erwerben beim Rechnen mit Zahlen. Also dann steht drin: Klasse 5/6: Sie müssen also mit natürlichen Zahlen arbeiten können, sie müssen eventuell schon die ganzen Zahlen kennen lernen und dazu kommen dann die Einstiege, Ideen, die dann dieses Gerüst füllen."

Michael Unger ist Redaktionsleiter für den Bereich Mathematik. Der 53-Jährige entwickelt aus den Vorgaben ein didaktisches Konzept, also Module, die aufeinander aufbauen. Dann beauftragt er Autoren oder Autorengruppen, entsprechende Kapitel zu verfassen - oder gleich ganze Lehrbücher. Die meisten Schreiber arbeiten nebenberuflich und sind im Hauptjob Lehrer. Allerdings ist nicht jeder Pädagoge ein Profi-Texter. Redakteur Unger hat aber viel Geduld mit ihnen - schließlich hat er früher selbst einmal Schüler unterrichtet.

"Also es gibt viele Kollegen, die im Vorfeld sprachlich sehe gute Ideen haben und in dem Moment, wenn sie sich hinsetzen müssen und müssen es dann zu Papier bringen, gibt's das große Problem. Also die Formulierungen zu finden, die dann auch den Spagat zwischen schülergemäß und fachlich sauber hinzubekommen, ist relativ schwer. Es gibt einige Kollegen, die dann Probleme haben, was passt auf eine Seite, dann anfangen zu spielen: Da müssen noch zwei Zeilen raufpassen, unbedingt, damit das Bild rund ist und wir haben dann in der Redaktion die schwierige Aufgabe, Ihnen dann zu zeigen, also es passt nicht. Es geht darum zu kürzen. Manche Autoren machen es selbst, bei anderen machen wir dann Vorschläge, wie dann die Seiten passen können."

"Also ich bekomme so ungefähr - ich kann ja die Zahl nennen - für die vielen Dinge, die ich schreibe, im Jahr ungefähr 8000 Euro. Und wenn ich überlege, ich sitze eigentlich fast jeden Tag abends nach dem Dienst und viele Sonnabende/Sonntage - würde ich sagen 30 Cent, das könnte ungefähr der Stundenlohn sein."

Der Potsdamer Chemie-Experte Volkmar Dietrich arbeitet - wie zahlreiche andere Autoren - aus pädagogischer Leidenschaft an den Schulbüchern. Und für Ruhm und Ehre. Was Dietrich "ätzend" findet: Die Verlage zahlen zwar nur geringe Honorare, dennoch binden sie die Autoren mit strengen Verträgen an sich. Eine Zusammenarbeit mit einem anderen Hersteller etwa wird jedem Schreiber angekreidet.

"Ich war noch mal bei einem anderen Verlag, aber es gibt in Deutschland eine ziemlich strenge Konkurrenzklausel. Und wenn ich bei einem anderen Verlag ein Werk schreibe, das in Konkurrenz zu dem Werk ist, an dem ich bei dem Heimatverlag arbeite, ist das verboten. Das kann zu großen Konventionalstrafen führen. Also mir hat mal der Geschäftsführer von Volk und Wissen eine Konventionalstrafe von zwei Millionen Mark angeboten - und deshalb habe ich dann bei dem anderen Verlag aufgehört."

Berlin-Steglitz, im Cornelsen-Verlag, einem der größten deutschen Schulbuchverlage. Der Medienproduzent bringt jedes Jahr rund 1500 neue Schul-Materialien heraus - unter schwierigen Rahmenbedingungen. So schimpft Marketingchef Wolf-Rüdiger Feldmann in seinem geräumigen, stilvollen Büro auf die Bildungspolitik, die kurzfristig agiere. Die schlimmste Geschichte habe er 2005 erlebt, als in Nordrhein-Westfalen gewählt wurde.

"Die alte Regierung hatte einen integrierten Lehrplan Naturwissenschaften entwickelt. Das heißt, eine Kombination der Fächer Physik, Chemie, Biologie. Dieser Lehrplan wurde evaluiert, wurde in Kraft gesetzt, die Verlage haben dafür Bildungsmedien angeboten. Dann kam der Regierungswechsel und dieser Lehrplan verschwand - und zwar innerhalb von einem Monat. Es war tatsächlich so, dass die Produkte bei vielen Unternehmen fertig waren - und das letztendlich natürlich für den Papierkorb."

Der neue Lehrplan, berichtet der Verlagsmann, schreibe wieder einzelne Fächer Physik, Chemie und Biologie vor. Das entscheidende Papier sei seinem Haus erst vier Monate vor Schuljahresbeginn zur Verfügung gestellt worden.

"Und insofern ist dies ein äußerst knapper Zeitraum, in dem man Medien entwickeln kann. Immer unter dem Anspruch, eine vernünftige Qualität abzuliefern. Das ist banal. Je enger ... je weniger Zeit Sie dafür haben, desto schwieriger ist eine solche Aufgabe."

Vernünftige Qualität - bei dem Zeitdruck? Kein Wunder, dass nicht jedes Verlagsprodukt zum Schülerliebling wird. In Rheinland-Pfalz etwa kam ein neues Deutschlesebuch für Achtklässler gar nicht gut an.

"
Das ist eher so langweilig geschrieben, aber das ist nicht so geschrieben, dass es einen berührt.

Vor allem manchmal sind da so kleinere Geschichten drinne, die sind so Niveau Grundschule, weil da geht's so um Zauberer und so"

"Wir haben bei den Biologiebüchern im Schnitt auf jeder fünften Seite einen schwereren Fehler, eine schwerere Ungenauigkeit gefunden. Teilweise gab es Bücher, die auf jeder Seite hier eine Schwäche hatten."

So gab es in einem Lehrwerk eine Formel zur Bestimmung des Blutalkoholgehalts. Die Formel führte zu dem Ergebnis, dass der Genuss einer Flasche Schnaps einen Alkohol-Spiegel von 0,002 Promille zur Folge hat. Das Tausendfache wäre richtig gewesen. In den Geschichtsbüchern wiederum, kritisieren die Tester, werde die DDR häufig falsch beschrieben. So sei mitunter die Situation der DDR-Frauen im Sinne der alten SED-Propaganda dargestellt worden.

"Natürlich müssen erst einmal die Daten stimmen. Das war in einzelnen Geschichtsbüchern auch schon nicht der Fall. Da ist beispielsweise Erich Honecker einen Monat zu früh zurück getreten und auch die Amtszeit seines Nachfolgers Krenz stimmte nicht so ganz. So war die Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR um ein Jahr falsch in einem Buch oder auch das Datum der Einführung der Jugendweihe passte nicht in jedem Geschichtsbuch."

Die Schulbuch-Benotung, die erste ihrer Art, sorgte für Entsetzen in der Verlagsszene. Denn wie bei Stiftung Warentest üblich wurden die Produkte, in diesem Fall: die Bücher konkret benannt. Dazu das jeweilige Verlagshaus und Kommentare wie: "Didaktisch noch 'befriedigend': blasses Layout mit teils veralteten Bildern und überfrachteten Seiten, wenig nutzerfreundlich, methodisch schwach." Rino Mikulic vom Verband der Schulbuchverlage VdS Bildungsmedien, hat dazu viele Korrekturanmerkungen.

"Was war das, was uns eigentlich sehr geärgert hat bei dem Test der Stiftung Warentest? Wir fanden ihn erstmal sehr wenig kompetent und in Teilen sogar unseriös. Also geprüft wurden 17 Bücher und von diesen Büchern eigentlich auch nur wenige Seiten. Und geschlussfolgert wurde auf rund 40.000 Schulbücher in Deutschland. Und das war etwas, was uns sehr sehr geärgert hat, zumal diese hohe Fehlerhaftigkeit, die da behauptet wurde, eigentlich nicht nachvollziehbar war."

Etwas offener für die Test-Kritik zeigt sich der Duden-Paetec-Verlag. Der Duden Biologie, Gesamtband Sekundarstufe, hatte ebenfalls einen Tadel der Tester bekommen. Fachliche Eignung: befriedigend, Fehlerfreiheit: befriedigend, bilanzierten die Prüfer.

"Es gibt in jedem Buch Druckfehler, die waren auch da drin. Das ist völlig klar, die muss man korrigieren, das machen alle Verlage. Wenn da Rückmeldungen kommen, dann wird das korrigiert, fertig.

Räumt Verlagsgeschäftsführer Gerd-Dietrich Schmidt ein - um dann der Stiftung Warentest ebenfalls etwas "Nachhilfeunterricht" zu geben.

"Das Zweite: Es gibt Dinge, wo man sehr unterschiedlicher Meinung sein kann, was eigentlich richtig ist. Wir schreiben keine Fachbücher, das muss man ganz klar sagen. Wir schreiben Bücher für Kinder. Und wir müssen didaktisch vereinfachen. Wir müssen das auf das Niveau der Schulkinder bringen. Und bei diesen Vereinfachungen muss man natürlich auch Abstriche machen. Also wenn sich ein Fachwissenschaftler daran setzt und mit Fachbüchern vergleicht, natürlich wird er da Unterschiede feststellen. Und das war eigentlich der häufigste Fall bei diesen Diskussionen, dass dort diese didaktische Reduktion nicht richtig bewertet wurde."

Das Paradebeispiel aus einem Bio-Buch: die Nahrungspyramide. Heiß diskutiert wurde hierbei, ob der Uhu an die Spitze der Nahrungspyramide gehört, obwohl der Uhu vom Fuchs, der unter ihm steht, gefressen werden kann. Bis heute ist der Streit um den Schulbuchtest nicht geklärt: Der Verband der Schulbuchverlage veröffentlichte eine detaillierte Erwiderung - Stiftung Warentest erwiderte die Erwiderung.

"Also wir haben uns diese Gegenargumente der Schulbuchverlage genau angeschaut, haben das natürlich auch mit unseren Gutachtern noch einmal diskutiert und konnten also die Argumente der Schulbuchverlage hier auch im Einzelnen widerlegen."

Die Stiftung Warentest empfiehlt, Schulbücher künftig regelmäßig von unabhängigen Bildungs-Instituten überprüfen zu lassen. Die Verlagsszene hält dies jedoch für überflüssig. Auch die zuständigen Landesministerien zeigen sich unbeeindruckt von den Ratschlägen der Tester. Nachfragen haben ergeben, dass die meisten Behörden die aufgezeigten Schulbuch-Fehler als Marginalien betrachten.

Internationale Standards, die Auflagen der Bildungsministerien, die Vorstellungen der Lehrplankommissionen, die Ideen der Schulbuch-Redakteure, die Einfälle der Autoren: die Zutaten für ein Schulbuch. Gibt es schließlich, nach wochen- bzw. monatelanger Arbeit, ein vorläufiges Manuskript, werden die Grafiker und Layouter "ins Bild gesetzt". Natürlich möglichst schnell. Katharina Wolff-Steininger entwickelt bei Cornelsen Bild- und Grafikstile. Zum Einmaleins der Schulbuchoptik gehören auch Identifikations-Figuren - vor allem in der Unterstufe.

"Wir haben ein Mathematikwerk Einstern und dieses Mathematikwerk geht über diesen kleinen Zauberlehrling, der so heißt. Der heißt Einstern. Und dieser kleine Zauberlehrling, der wandert mit durch die Seiten im Sinne von: Er zeigt, wie die Kinder schreiben sollen. Oder wo sie ansetzen sollen mit dem Stift. Oder er sagt: Das ist eine ganz wichtige Information, merke sie Dir! Und dieser kleine Tutor braucht dann auch ihren Platz und ihren Raum, damit sie wahr genommen wird."

Immer wieder muss der Radiergummi ran, denn die Redaktionen wollen häufig mehr Text unterbringen, als es Fotos, Pfeile, Piktogramme und Tabellen eigentlich zulassen. Oder die Verlagsleitung pocht auf bestimmte Farben für Lehrbuchreihen. Denn schließlich soll sich ein Produkt auf dem Markt behaupten.

"Wir sind jetzt in so einem Zeitalter der frischen Farben, des Auffallens. Während wir vor vielen Jahren eher der Typografie den Vorrang gegeben haben und Bilder noch gar nicht so mutig eingesetzt wurden - Bilder sind in stärkerem Maße wirklich die Blickfänger. So dass man schon sagen kann, dass die Modernität, die ja auch in sämtlichen anderen Medien - ob Fernsehen oder Zeitschriften auch statt findet - auch in und auf die Schulbücher kommt."

Mehrfach pendeln nun Vorabdrucke zwischen Redaktion und Grafik hin und her. Die Endfassung wird schließlich von externen Korrektoren beäugt - soweit Zeit und Geld vorhanden sind. Dann wird das nächste Kapitel der Buchentstehung aufgeschlagen: der Druck.

"Nimmt man zum Beispiel Produkte für die Grundschule, Arbeitshefte, in die hineingeschrieben werden muss. Dann ist das so, dass wir darauf achten müssen, dass diese Papiere tintenfest sind, die Tinte sich nicht durchdrückt auf die Rückseite. Im Bereich der höheren Schuljahre kommt es darauf an, dass die Papiere reißfest sind, dass sie einen guten Kontrast haben, dass sie nicht spiegeln im Unterricht bei der entsprechenden Beleuchtung."

Bei Matthias Mantey laufen alle Fäden für die drucktechnische Herstellung der Cornelsen-Bücher zusammen.

"Noch wichtiger ist die Bindetechnik der Bücher, dass die Bücher flach auf den Tischen liegen bleiben, wenn sie aufgeschlagen werden und nicht wieder automatisch zuklappen. Unsere Bücher werden teilweise zwischen acht und zehn Jahren ausgeliehen in den Schulen, und wir bekommen relativ selten Exemplare aus den Schulen zurück. "

"Hinzu kommt ja, wenn sie sie entwickelt haben auf diesen neuen Lehrplan, wir diese Schulbücher auch noch den Ministerien zur Genehmigung vorlegen müssen."

Schulbuchproduktion unter Druck: Die Verleger klagen nicht nur über spät veröffentlichte Lehrpläne, sondern auch über die staatliche Überprüfung ihrer neuen Werke. Dies geschieht, indem die Behörden externe Gutachter beauftragen, etwa Universitätsprofessoren.

"Die Kosten dieses Verfahrens werden natürlich voll auf die Verlage umgelegt. Das ist vom Bundesland zu Bundesland ein bisschen verschieden. Bewegt sich aber durchaus bis auf 1000 Euro pro Buch zu. Das sind also die Kosten für die Gutachter selber. Und die Verwaltungskosten, die da dran hängen. Und wenn man eine große Produktion an Neuerscheinungen hat, dann sind das auch schon einige zehntausend Euro, die man im Jahr, die man im Jahr da ausgeben kann."

Die Verlags-Kaufleute stellen den Bildungsministerien der Länder auch in punkto Geschwindigkeit ein schlechtes Zeugnis aus. So schimpft der Verband der Schulbuchverlage, dass die Behördenzensur mitunter bis zu acht Monate lang dauere.

"Die zweite Problematik, die ist heute aber nicht mehr so stark wie früher. Die ist, dass einzelne Länder sehr sehr stark in die Bücher rein gegangen sind. Ich will nicht sagen politisch, aber doch sehr stark darauf geachtet haben, dass sie den Büchern ihre eigene Note geben. Das ging hin bis zu Definitionen, dass man gesagt hat, wir dürfen hier nicht von Waldsterben sprechen. Oder das geht bis hin dazu, dass man verlangt, dass also die heimischen Dichter in einer bestimmten Anzahl vorkommen müssen in den Deutschbüchern und so weiter."

In den vergangenen Jahren wurde die staatliche Genehmigungspraxis liberalisiert. Viele Bundesländer prüfen nur noch Bücher, die bislang in keinem anderen Bundesland genehmigt wurden. Andere Länder - wie Brandenburg - inspizieren die Werke generell nur stichprobenartig. Berlin verzichtet mittlerweile sogar ganz und gar auf eine Untersuchung. Landesschulrat Hans-Jürgen-Pokall sieht es nicht als seine Aufgabe an, Schulbücher abzusegnen. Die Ergebnisse der Stiftung Warentest sind in seinen Augen nicht verallgemeinerbar.

"Schulbücher sind heute auch durch die Konkurrenz auf dem Schulbuchmarkt in solch einer Qualität, dass also ein staatliches Eingreifen praktisch gar nicht mehr vorgekommen ist. Und da hat sich einfach ergeben, dass auf der einen Seite eigenverantwortliche Schule, auf der anderen Seite Bürokratieabbau, die entscheidenden Kriterien waren, warum wir das hier so gemacht haben. Also die Gemeinschaft der Lehrerinnen und Lehrer an einer Schule entscheidet darüber, welche Unterrichtsbücher in der Schule eingeführt werden. Wir praktizieren das jetzt seit 2004. Es hat sich eigentlich in wunderbarer Weise so eingerichtet."

Die Medienproduzenten loben den Berliner Weg: weniger Staat, mehr Markt. Und vor allem: keine Zeitverzögerung. Kleine Fußnote zum Buchgeschäft: Manch ein Traditionsverlag trauert allerdings über den Wegfall der Zensur. Cornelsen-Marketing-Chef Wolf-Rüdiger Feldmann plädiert - betont selbstbewusst - f ü r eine gewisse Behördenaufsicht.

"Das ist ein zusätzliches Element der Qualitätssicherung. Sie ist deswegen wichtig, weil sie die Markteintrittsbarrieren für Nicht-Qualitätsanbieter entsprechend hoch hält. Ganz simpel. Wir könnten auch ohne, andere nicht."

Die unterschiedliche Genehmigungspraxis der Länder, der Wirrwarr durch die insgesamt 3000 Lehrpläne in Deutschland und die Debatten um Qualitätsstandards führen immer wieder zu einer politischen Forderung: zur Forderung nach einheitlichen Schulbüchern. Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan, CDU, plädiert für mehr Übersichtlichkeit.

"Ich finde, es ist schwer erklärbar, dass ein Mathematikbuch für die fünfte Klasse in Deutschland in zig Auflagen unterschiedlich nach Ländern existieren. Wer Bildungsstandards hat, kann auch mehr gemeinsame Schulbücher haben."

Gemeinsame Schulbücher - gerne!, antworten die Verlagskaufleute. Ein Lehrwerk, das in mehreren Bundesländern gleichzeitig verkauft werden kann, rentiere sich mehr. Allerdings müssten die Länder erstmal ihre Hausaufgaben machen, nämlich Schulstrukturen angleichen und Einheits-Lehrpläne heraus geben. Autor und Herausgeber Professor Volkmar Dietrich bringt es für die Branche auf den Punkt.

"Ich bin der Meinung, es dürfte für jedes Fach, für jede Schulstufe nur einen Lehrplan geben. Aber Lehrbücher müsste es schon viele geben. Weil man ganz unterschiedlich an Inhalte herangehen kann. Aber ich hab so immer den Eindruck, das wollen die Kulturministerien nicht, denn dann müssen vielleicht Stellen abgebaut werden. Da werden Pfründe aufgegeben."

In der Bundeshauptstadt hat man bereits Pfründe aufgegeben. Berlin entwickelt derzeit Rahmenlehrpläne zusammen mit Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und zum Teil auch Bremen: eine positive Seite für das Buchgeschäft.

Thema heute in PisaPlus: Mit Tempo in den Klassenraum - wie Schulbücher in Deutschland entstehen. Die bisherigen Akteure bei der Herstellung: Lehrplanmacher, Verlags-Redakteure, Autoren, Layouter, Drucker und Zensoren. Das Buch ist fertig produziert und genehmigt. Und wer bringt es nun zum Leser? So genannte Schulbuchberater wie Olaf Mundt.

Olaf Mundt fährt für einen prominenten Verlag von Schule zu Schule. Mehr als 400 Lehrer-Kollegien in Berlin und Brandenburg stehen auf seiner Kundenliste. Der 38-Jährige hat seinen Kofferraum vollgestopft mit Lehrwerken, Vorabdrucken, Arbeitsheften und pädagogischen Handreichungen. Das Material soll die Lehrer überzeugen, möglichst kistenweise davon zu bestellen. Mundt kennt seine Zielgruppe genau, hat er doch einst selbst auf Lehramt studiert. Der Verlagsmann will nicht wie ein Staubsauger-Verkäufer auftreten. Ganz locker, in Bluejeans und ärmellosem Hemd, putzt er die "Schulklinken".

"Ich probiere auch nicht als Vertreter rüber zu kommen, sondern wirklich als Berater. Und ich hab auch keine Provision, wenn gekauft wird, kann wirklich auch sagen: Das würde ich Ihnen nicht empfehlen von uns, sondern ich empfehle Ihnen das. Und verkaufe lieber etwas nicht, um in den nächsten Jahren wieder Erfolg zu haben, als den Kollegen etwas aufzuquatschen, was überhaupt nicht passend ist. Und ein Staubsaugerverkäufer denke ich, der muss möglichst zum Abschluss kommen, er verdient daran, wenn er direkt, und da ist es eventuell egal, was danach folgt. "

Die Schulen bestellen ihre Bücher in der Regel zwischen Frühjahr und Sommerferien. Vorher vergleichen die Lehrer die Angebote der Verlage. In dieser Zeit versuchen die Schulbuchberater, möglichst in eine Fachkonferenz eingeladen zu werden. Denn hier sitzen die Lehrer, die dann dem Gesamtkollegium bzw. der Schulleitung Kaufvorschläge unterbreiten. Olaf Mundt muss sich an diesem Tag in der Berliner Kastanienbaum-Grundschule aber erstmal anhören, dass die Lehrer schlechte Erfahrungen gemacht haben mit einem Verlagsprodukt. Die Pädagogen wollen das Material wechseln.


"Ich hab` heute auch wieder eine Seite gehabt, da sind unwahrscheinlich lange Sätze, die die Kinder ja noch gar nicht auf die Reihe kriegen. Die können die Aufgaben von vornherein nicht lösen, weil das da so umfangreich ist.

Diese geflügelte Wort, sage ich mal, den Schüler da abholen, wo er steht - das ist ja so ein bisschen ein Wunschtraum eigentlich. Nur mit dem Material gelingt es eigentlich noch ganz gut."

Der Joker des Verlagsvertreters: Freiexemplare für die Lehrer - kostenlose Bücher, Handreichungen und Unterrichtshilfen. Die Fachkonferenz streckt geschlossen die Finger: für mich bitte auch eins!

"Alles kann ich jetzt auch nicht an der Stelle, aber ich probiere natürlich..

Ich sage einfach mal, was ich gerne hätte. Also diesen Schuber und haben Sie noch Lollipop-2?

Ja, da können wir ja noch ... was Herr Mundt uns hier zuschanzen kann, macht er schon!"

Schulberater Mundt ist nur einer von vielen. Auch andere Verlage schicken ihre Werber in die Lehrerzimmer. Grundschullehrerin Anne Lücking ist froh, dass sie die große Auswahl hat. Dass Berlin nicht - wie andere Bundesländer - Listen genehmigter Bücher herausgibt, so genannte Schulbuchverzeichnisse.

"Wenn das Lehrmittel vom Ministerium vorgegeben wird, dann kann es ja auch sein, dass das gar nicht zur Klasse oder zur Schule passt. Und darum denke ich, ist es besser, dass jetzt hier die Lehrmittel frei gestellt sind."

Die 35-Jährige, die aus Nordrhein-Westfalen stammt, stößt mit ihrer liberalen Meinung auf Widerspruch bei ihrer Kollegin Kersten Hage, die aus Ostberlin kommt. Hage fühlt sich von der Büchervielfalt etwas überrollt. Bis zu zehn verschiedene Angebote pro Fach und Klassenstufe muss sie prüfen. In der DDR sei das einfacher gewesen, meint die 51-Jährige.

"Das war ja früher so. Machen wir uns nichts vor. Da gab es nur einen Buchverlag. Und ich glaube auch nicht, dass wir dümmer geworden sind. Wir haben auch studiert, wir haben auch Bildung genossen, auch wenn es nur einen Verlag gab, wo also sämtliche Unterrichtsfächer damit abgedeckt worden sind. Und hier mit dieser Vielfalt ... dadurch, dass die Auswahl größer ist, da fällt es einem da noch schwerer, auch das Richtige zu finden. Und dann kann man sich auch mal vergreifen."

Schulbuch-Vielfalt hin oder her - räumt die Lehrerin schließlich ein - letztlich habe man sowieso kaum Zeit, alle Angebote gründlich zu prüfen. Unterrichtsvorbereitung, Elterngespräche, Vergleichstests und Statistiken - i h r e Schulwoche kenne keine Pausenzeichen.

"Ich bin tot, wenn ich hier raus komme. Schulbücher ist eine Sache - es ist aber nur ein ganz kleines Bausteinchen im Schulalltag, was uns beschäftigt."

Keine Buchvielfalt ohne Verlagsvielfalt. Auf dem deutschen Schulbuchmarkt geben vor allem die drei Multis Klett-Verlag, Cornelsen-Verlag und Westermann-Gruppe den Ton an. Danach kommt eine Handvoll mittelgroßer Unternehmen wie Buchner-, Militzke und Duden-Peatec-Verlag. Außerdem gibt es rund 30, 40 Kleinverlage, die sich auf bestimmte Fächer, Bundesländer oder Materialien spezialisiert haben. Die Branche setzt jedes Jahr mit ihren bis zu 4000 Neuerscheinungen zirka 350 Millionen Euro um. Cornelsens Marketing-Mann Wolf-Rüdiger Feldmann resümiert, dass bei der Schulbuch-Herstellung nicht nur das Tempo ein Problem sei. Sondern auch der Konkurrenzkampf.

"Wir haben einen komplett verteilten Markt, also einen absolut geregelten Markt, und insofern ist der Wettbewerb hier extrem groß. Weil Veränderungen ihrer Marktanteile können sie grundsätzlich nur durch Verdrängung anderer generieren."

Seine Verlagskollegin, die Redaktionsleiterin Anja Hagen, plaudert etwas aus dem Nähkästchen: Die Verdrängung beginne bereits am Anfang der Schulbuchproduktion - bei der Autorensuche.

"Natürlich stellen wir auch immer mal wieder fest, dass wir auf einen Tipp hin jemanden finden, sagen: Wunderbar, willst Du nicht mit uns zusammenarbeiten? Und der sagt: Tut mir leid, da hat mich gestern jemand anders schon gefragt. Es gibt auch Autoren-Abwerbungen. Also ganz klar. Wo wir selber versuchen oder der Mitbewerber versucht, durch ein besseres Angebot, bessere Konditionen, einen Autor abzuwerben."

Konkurrent Gerd-Dietrich Schmidt vom Duden-Paetec-Verlag gesteht, dass besonders gern Lehrplanmacher angefragt werden. Denn diese Insider wissen heute schon, was morgen unterrichtet werden soll. Die Anwerbung ist umstritten, denn die offiziell bestellten Experten sollen eigentlich unabhängig sein.

"Ich denke mal alle Schulbuchverlage versuchen auch, Mitarbeiter aus den Lehrplankommissionen, aus den Ministerien selber, als Autoren zu gewinnen und über diesen mehr inoffiziellen Weg dann auch rechtzeitig Detailinformationen zu bekommen. Natürlich gibt's auch hier einige Regeln: In manchen Ländern dürfen solche Mitarbeiter von Lehrplankommissionen erst dann mitarbeiten bei Schulbuchverlagen, wenn die Arbeit an den Rahmenlehrplänen abgeschlossen ist. In manchen Ländern kann man auch parallel arbeiten, das ist sehr unterschiedlich."

Verdrängung durch Autoren-Abwerbung, Verdrängung durch exklusive Informationen - schließlich: Verdrängung durch "Materialschlacht" an den Schulen. Das Spendieren einzelner Schulbücher, Arbeitshefte und Unterrichtshilfen an die Lehrer gehöre noch zum guten "Betragen", erklärt Verlagschef Schmidt.

"Das ist sicher legitim. Genauso ist es legitim, Lehrer zu Lehrerfortbildungen einzuladen, denn der Staat verlässt sich mittlerweile bei Lehrerfortbildungen völlig auf die Verlage, dass sie sie machen. Es gibt aber auch paar Praktiken, die durchaus sehr störend sind. Also wenn wirklich Klassensätze verschenkt werden, wo man quasi den Markt damit zu macht, dann denke ich ist das außerhalb des Üblichen. Das sind Praktiken, die wir nicht mitmachen."

Die Verlage werden sich künftig noch mehr an den Schulen "herumprügeln". Demographische Studien gehen davon aus, dass die Schülerzahlen stark zurück gehen werden. Sprich: Weniger Käufer, weniger Umsatz, mehr Ellenbogen-Marketing. Der Verband der Schulbuchverlage VdS Bildungsmedien empfiehlt seinen Mitgliedern, sich zusätzliche Absatzmärkte zu erschließen.

"Bei den großen Unternehmen, das merkt man ja, die versuchen in weitere, in andere Bereiche rein zu kommen: Weiterbildung, ob das jetzt beim Lernen von Fremdsprachen ist oder eben auch im beruflichen Weiterbildungsbereich. Und ich denke, dass zum Beispiel Bildungsmedienanbieter in dem Vorschulbereich, wo es eben um Erzieherinnen geht, um Erzieher geht, die jetzt die Kinder auch auf die Schule vorbereiten sollen, dass es da jetzt so einen neuen Markt gibt. "


"Eltern in Bayern müssen kein Büchergeld mehr bezahlen.

Der neue Ministerpräsident Beckstein schafft die Büchergelder ab, weil es gibt in ganz Bayern arme Leute und die können das vielleicht nicht bezahlen."

Wer finanziert die Schulbücher? Die Produktion - vom Manuskript bis zum gedruckten Werk- ist aufwändig. Und die Werbung verschlingt viel Geld. Die Folge: Buchpreise bis zu 35 Euro. In Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen und Bremen gibt es die so genannte Lehrmittelfreiheit: Dort bezahlt der Staat die Bildungsmedien. In anderen Bundesländern müssen die Eltern einen Zuschuss - das Büchergeld - zahlen. In Berlin etwa beträgt es bis zu 100 Euro pro Jahr, sozial schwachen Familien wird es allerdings erlassen. Auch Bayern führte 2005 ein Büchergeld ein, doch nach zahlreichen Protesten schaffte der neue Regierungschef den Obolus 2007 wieder ab.

"Bezahlt das Büchergeld jetzt der Ministerpräsident Beckstein?"

Ab und an engagieren sich auch einzelne Kommunen beim Kauf der Unterrichtsmittel. So zahlt zum Beispiel die sächsische Stadt Flöha neuerdings alle Schulbücher und Materialien. Die Eltern freuen sich über das Plus im Portemonnaie.

"Man kann vielleicht mit den Kindern auch was unternehmen. Man kann vielleicht mal einen Kinobesuch starten oder sonst irgendwas. Und es sind auch Freizeitaktivitäten in der Schule, die och Geld kosten. Wo man da sagt: Da hat man fünf Euro, da hat man fünf Euro. Und solche Sachen fallen dann etwas leichter vielleicht."

Die Verlags-Branche hält nicht viel von der Lehrmittelfreiheit. Marketing-Experte Wolf-Rüdiger Feldmann malt buchstäblich den Teufel an die Tafel: Seiner Beobachtung nach werden die Buch-Bestände an den Schulen viel zu selten erneuert, wenn allein der Staat dafür aufkommt. Durchschnittlich neun Jahre lang reiche man die Leih-Werke an die nächste Schüler-Generation weiter.

"Wenn es richtig ist, dass Bildungsmedien Veränderungen von Lehrplänen in Schulen zu transportieren haben, wenn es richtig ist, dass Bildungsmedien auch die Lehrerrinnen und Lehrer unterstützen, diese Veränderungen umzusetzen, dann wird es keine Reform geben, die in Schule kommt, bei Schulbüchern die neun Jahre ausgeliehen werden. Das widerspricht sich."

Planung, Produktion, Werbung, Finanzierung. Nun können die Schulen die Bücher kaufen bzw. die jeweiligen Schulträger. Die Eltern haben in der Regel keinen Einfluss auf die Auswahl und den Erwerb der Lehrwerke. Sie bekommen lediglich in einigen Bundesländern Bücherlisten, mit denen sie in eine Buchhandlung gehen. Die Rechnungssumme entspricht dann dem vorgeschriebenen Büchergeld. Eltern-Kauf und Schul-Lieferung erfolgen zumeist im Sommer - mitunter bis zum Anfang des neuen Schuljahrs. Nun ist das Buch, mit viel Aufwand und Tempo, endlich dort angelangt, wo es hin soll: im Klassenraum.

"Guten Morgen!

Guten Morgen Frau Kilic!

Setzt Euch hin!"

Ausblick: Was wird aus dem klassischen Lehrbuch?

"Ich glaube, dass es durchaus noch Lehrbücher gibt. Aber die alleine nicht mehr existieren können, sondern die sozusagen in einen Medienverbund eingebunden sein müssen, damit verschiedenste Zugänge da sind."

" Im Jahre 1508 erhielt Michel Angelo Bonarotti den Auftrag, die ursprünglich blau gestrichene Decke der Sixtinischen Kapelle zu freskieren. Papst Julius II. wollte, dass der Künstler ein Fresko mit den 12 Aposteln malte ... "

Zauberwort Multimedia: Mit dem Aufkommen des Internets zählten die Verleger eins und eins zusammen: Nun brauche man auch im Unterricht Videos auf CD und Präsentationen zum Herunterladen von einer Verlagswebseite, glaubte die Branche. Ein Drittel des Umsatzes wollte man auf diese Weise machen. Der Schulalltag belehrte die Medienmacher eines Besseren: In den Klassenräumen fehlte häufig die notwendige Technik; zudem wollten Lehrer nicht auf gewohnte Lehrmethoden verzichten. Heute wissen Buch-Hersteller wie Wolf-Rüdiger Feldmann, dass nur ein kleiner Teil des Unterrichts multimedial ist. "Klassenbester" bleibt somit das Lehrbuch aus Papier.

"Also insofern ist das Schulbuch vermutlich - und davon sind wir überzeugt - ein Produktformat, dass noch viele viele viele Jahre, vielleicht sogar auch dauerhaft, Leitmedium im Unterricht sein kann.

Internetadressen zum Thema:

Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg: www.lisum.berlin-brandenburg.de

Verband der Schulbuchverlage:
www.vds-bildungsmedien.de

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Bildung im Vollzug Wie funktioniert Schule hinter Gittern?

Zwei Gefangene gehen am 18.09.2012 in Betreuung eines Justizangestellten über das Gelände der Untersuchungs- und Jugendhaftanstalt Berlin-Tegel.

Die Grundrechenarten wiederholen, üben wie man eine Bewerbung schreibt und der Hauptmann von Köpenick - das Curriculum in einer Justizvollzugsanstalt sieht nicht anders aus als an vielen Schulen in ganz Deutschland. Die Umstände sind aber natürlich andere, wenn Schüler gleichzeitig Insassen sind.

Bildung im Strafvollzug Lernen hinter Gefängnismauern

LesenScannen oder schmökern - Wie lesen wir in Zukunft?

Eine junge Frau schaut auf ihr Mobiltelefon, während sie in einem Cafe sitzt.

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse will PISAplus einen Blick in die Zukunft des Lesens wagen und fragt: Wie lesen wir heute, auf Papier oder auf Bildschirm? Scannen oder schmökern wir? Und wie werden wir in Zukunft lesen?