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"Mittagsdisco" gegen Bürofrust

"Mittagsdisko" nennen die Betreiber der Münchener "Minibar" die einstündige, kreative Mittagspause mit Musikbeschallung. Zielgruppe: die Geschäftsleute aus den umliegenden Bürogebäuden. Tanzen ist Pflicht und über die Arbeit reden ist verboten.

Von Andi Hörmann |
    München, wochentags, 12:30 Uhr. Zeit für die Mittagspause. Angestellte in Krawatten und Kostümen, Freiberufler in Sweatshirts und Jeans: Aus Bürogebäuden stürzen sie auf die Straße, flüchten vor dem Computermonitor - an die Imbissbude oder zur Entspannung in den Park. Neuerdings gibt es auch ein Alternativprogramm: Die "Mittagsdisco".

    "Unser Plan war eine Stunde Vollgas und danach wieder ran an die Arbeit. Aber wenn der ein oder andere sagt: ey, die Arbeit kann warten. Super, dann machen wir ein bisschen länger."

    Die Diskosause zur Mittagspause: Gregor Sander, einer der beiden Betreiber der Minibar und Mitveranstalter der ersten "Mittagsdisco". Erholung durch Bewegung ist die Idee. Spaß bringt die Musik. Hannes, der DJ hinterm Laptop, steckt in einem Ganzkörper-Karotten-Kostüm:

    "Ich habe auf jeden Fall ein paar Songs, was natürlich in Richtung Kanonenpulver geht, was dann auch verschossen werden muss. Weil eben in den 60 Minuten kann man eben all die Sachen raus hauen, die man sonst über den ganzen Abend gewissenhaft zurechtlegt."

    An der rechteckigen Bar stehen oder auf schwarzen Würfeln sitzen. Dazwischen: Tanzfläche statt Kantine. Die Wände der Minibar sind grau. Die Musik: schrille Funk- und Soulmashups. Die Sonnenmarkise hält das Tageslicht von der Tanzfläche fern. Das Publikum ist bunt gemischt - vom Anzugsträger bis zum Fahrradkurier. Einer der ersten Gäste ist der Schauspiellehrer Glenn: In weißem Hemd und Pilotenlederjacke wippt er mit einem Mineralwasser in der Hand zum Takt:

    "Ich habe gesehen, dass es recht klein ist, aber trotzdem total cool. Das Buffet sieht super aus. Und auch mit Projektionen an der Wand. Die Musik schön laut. Genau."

    Seit Sommer 2010 gibt es solche Partys zur Mittagszeit für die Büroangestellten in Schweden. "Lunchbeat" nennen die Vordenker ihr Konzept, das sie sogar schriftlich festgehalten haben - mit einem zehn Punkte Manifest. Der Grundgedanke: Essen, Tanzen, Energie tanken.

    Sander: "Wir kennen das Manifest aus Skandinavien. Haben aber, weil wir die Minibar sind und die Dinge klein und knapphalten, ein eigenes Manifest gemacht. Das besteht aus drei Regeln. Die erste Regel ist: Jeder der kommt muss tanzen! Es gibt ausschließlich gesundes Essen! Und die dritte Regel: Es darf nicht über Arbeit geredet werden! - Ganz wichtig."

    100 Prozent Erholung in 60 Minuten Mittagspause für neun Euro. Die Snacks am Eingang sind in kleinen handlichen Würfelschälchen angerichtet. Gemüsewraps und Fruchtsalat: Fingerfoodbüffet für mehr Beweglichkeit auf der Tanzfläche. An der Bar: alkoholfreie Cocktails.

    "Super Idee, tolles Konzept, guter Laden. Ich glaube, das wird ganz gut angenommen werden. Wenn es mal ein bisschen bekannter ist."

    Blond, leuchtend blaue Röhrenjeans und pink lackierte Fingernägel - die freiberufliche Modejournalistin Enni steht mit ihrem Freund am Eingang. Beide habe sie ihre Smartphones in den Händen. Klick, klack - Schnappschuss. Tipp, tipp, tipp - Textkommentar: Und auch ihre Freunde auf Facebook wissen Bescheid.

    "Wir wollen praktisch posten, dass wir hier sind. Wir wollen sie alle her locken."

    Eine kreative Mittagspause mit gesundem Suchtpotenzial: Gegen Ende der einstündigen "Mittagsdisco" stehen fast alle der Gäste auf der Tanzfläche. Die meisten bewegen sich auch tatsächlich zur Musik. Die ersten machen sich auf den Weg zurück ins Büro und nehmen den Schwung der Tanzfläche mit an den Rechner.

    Enni: "Ich glaube, dass manche sich so ein bisschen schwer tun. Es ist auch schwierig so umzuswitchen von Job, Stress und dann auf Knopfdruck hier reintanzen, Spaß haben. Aber wenn du dich mal eingegroovt hast, dann ist alles super. Ich hab jetzt auch keine Lust ins Büro zurückzugehen. Ich glaub ich bleib noch ein bisschen."

    Infos unter:
    minibarmuenchen.de