Kultur heute /

"Mitten drin in einem sehr aufwendigen Forschungsprozess"

Bibliothekare und ihre Rolle im Nationalsozialismus

Michael Knoche im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

"Von der Mentalität her war der Berufsstand erstaunlich unpolitisch."
"Von der Mentalität her war der Berufsstand erstaunlich unpolitisch." (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

Über die Rolle der Bibliothekare während der NS-Zeit hat man bislang wenig gehört. Dabei gelte es bis heute, die eigenen Bestände auf NS-Raubgut hin zu untersuchen, sagt Michael Knoche, Direktor der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.

Burkhard Müller-Ullrich: Alle reden von Bücherverbrennung, wir sprechen über Bibliothekare in der NS-Zeit – und zwar mit Michael Knoche, Direktor der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Herr Knoche, während inzwischen fast jeder Berufsstand seine Vergangenheit erforscht und aufgearbeitet hat – von den Juristen bis zu den Ärzten und von den Germanisten bis zu den Historikern –, hat man von den Bibliothekaren in dieser Sache noch recht wenig gehört. Warum? Waren die zu unwichtig?

Michael Knoche: Ja, kann man fast sagen. Sie waren natürlich Teil der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik – wenigstens die wissenschaftlichen Bibliothekare – und als solche standen sie nicht in der ersten Linie des Interesses der Nationalsozialisten. Bei den Volksbibliothekaren war die Sache ganz anders. Sie waren natürlich ideologisch außerordentlich interessant für die Nationalsozialisten und hier hat es auch sehr viel prononciertere Bekenntnisse zum neuen Staat gegeben als bei den wissenschaftlichen Bibliothekaren.

Müller-Ullrich: Wenn man diesen Bereich jetzt mal ein bisschen näher anschaut, dann kann man sich zum einen natürlich um Lebensläufe kümmern – das haben Sie getan. Man kann auch zunächst mal schauen: Was ist eigentlich in den Bibliotheken selbst gelandet – natürlich viele Nachlässe aus sozialdemokratischem Besitz und vor allem aus jüdischem Besitz.

Knoche: Ja. Das sind die Dinge, die uns eigentlich heute noch beschäftigen. Ich habe Anfang der 90er-Jahre mein Amt in Weimar angetreten und hatte es damals nicht für möglich gehalten, dass wir noch NS-Raubgut in den Beständen hätten, und heute sind wir mitten drin in einem sehr aufwendigen Forschungsprozess, die Provenienzen unserer Erwerbungen seit 1933 zu klären, und zwar nicht nur bis 1945, sondern eigentlich bis in die Gegenwart hinein.

Müller-Ullrich: Das stelle ich mir äußerst schwer vor zu klären. Man weiß ja, wie schwer es schon bei berühmten Bildern ist.

Knoche: Richtig. Es ist ein Riesenprozess und ich merke, dass wir kaum in der Lage sind, den alleine auch zu Ende zu führen. Ich habe mich zum Beispiel um Sponsorengelder bemüht und dann immer gerne zu hören gekriegt, das ist doch nun mal eine Aufgabe, die der Staat längst selber erledigt haben sollte, da können Sie doch nicht an uns herantreten. Aber es war doch auch ein Problem der ganzen Gesellschaft, dass damals dieses Unrecht, diese Verbrechen passiert sind.

Müller-Ullrich: Gehen wir mal zurück in die Zeit des Nationalsozialismus. Die Benutzung von Bibliotheken war für Juden ab einem gewissen Zeitpunkt verboten. Hatten die Bibliothekare da irgendeine Gestaltungsfreiheit?

Knoche: Ja durchaus, jedenfalls in den wissenschaftlichen Bibliotheken. Die Möglichkeit für Juden, wissenschaftliche Bibliotheken zu benutzen, bestand auf jeden Fall bis in die Kriegszeit, also etwa 1940/41, und da hat es natürlich Kollegen unter den Bibliothekaren gegeben, die schon in vorauseilendem Gehorsam 1933 bis '35 Ausschluss von Juden verfügt haben. Aber andere sind da sehr aufrecht und sehr cool gewesen und haben gesagt, wo ist bitte die Rechtsgrundlage, mir liegt hier nichts vor, und dann wurden die jüdischen Benutzer zugelassen.

Müller-Ullrich: Die verfemten Bücher, die verbrannten Bücher wurden nicht durchweg aussortiert. Die waren nur weggeschlossen?

Knoche: Richtig. Während die Volksbibliotheken richtig gesäubert wurden, durften die wissenschaftlichen Bibliotheken diese Literatur wegschließen – sekretieren hieß das – und das haben die wissenschaftlichen Bibliotheken auch gemacht und haben so sozusagen auch einen Bestand überliefert, der heute für die Forschung außerordentlich wichtig ist.

Müller-Ullrich: Bibliothekare zeichnen sich ja aus durch eine große Identifizierung mit ihrem Gegenstand. Es ist ja fast karikatural: der Bibliothekar, der seine Bücher bewacht. Haben das viele dann auch sozusagen damit gerechtfertigt, dass sie in die Partei eingetreten sind, weil sie ja sich um die Bücher kümmern mussten?

Knoche: Richtig. Das hat es auf jeden Fall gegeben. Ich würde sagen, von der Mentalität her war der Berufsstand erstaunlich unpolitisch und hat sich möglichst raushalten wollen. Aber es gab einige Pragmatiker, die geglaubt hatten, durch Parteieintritt "Schlimmeres" verhüten zu können, und die mussten sich aber schnell belehren lassen, dass sie als kleines aufrechtes Rädchen im Getriebe überhaupt keine Chance hatten. Und es gibt Zeugnisse dieser Bibliothekare nach 1945, die das auch ordentlich bereut haben und dann zu den Protagonisten des Wiederaufbaus des Bibliothekswesens nach '45 auch gezählt wurden.

Müller-Ullrich: Die deutschen Bibliothekare in der NS-Zeit – das waren Auskünfte des Direktors der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, Michael Knoche. Vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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