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Musizieren in Modulen

Produzentenlegende Steve Albini nimmt neues Album der Münchner Girl-Band Candelilla auf

Von Andi Hörmann

Auch seiner eigenen Band Shellac hat Produzent und Musiker Steve Albini den perfekten Sound verpasst
Auch seiner eigenen Band Shellac hat Produzent und Musiker Steve Albini den perfekten Sound verpasst (picture alliance / dpa / Jose Coelho)

Für die vier Mittzwanzigerinnen der Münchner Band Candelilla ist Musik Forschungsarbeit. Durchdacht versuchen sie in ihrem neuen Album "HeartMutter", die Tradition von Post-Rock und Grunge zeitgemäß auf den Punkt zu bringen. Produziert hat das Album die amerikanische Produzentenlegende Steve Albini.

"Wenn man die kleinen Facetten unserer Musik einzeln nimmt, spürt man da schon etwas Innerliches und etwas Warmes - was Aufrichtiges. Aber eben die Art und Weise, wie wir den Song schreiben, das ist tatsächlich mit Kopf und Verstand arrangiert. Aber der Inhalt ist bei uns ganz oft irgendwo hier oder hier. Das kommt jetzt im Radio nicht so gut. Hier: im Herzen. Hier: im Bauch."

Gefühl und Verstand. Für Mira Mann, Bassistin und eine der Sängerinnen von Candelilla, haben die Kompositionen ihrer Band schon etwas von einer Kopfgeburt. Doch in den Songtexten ist Kribbeln im Bauch angesagt.

"Wenn ich uns so anschaue, glaube ich, es ist wirklich so. Wir graben unseren Weg. Back to life. Durch die Risse, durch die Wege, die die Serien uns lassen. Wir spielen wieder. Oh ja, wir spielen wieder. Wir lassen sie uns alle Werkzeug sein."

Die deutsch-englisch getexteten Songs erinnern schon mal an vertonten Slam Poetry, die durch die Instrumentierung erst richtig zünden. Die Musik der vier Mittzwanzigerinnen von Candelilla entsteht durch Jammen im Proberaum. Bass, Schlagzeug, Gitarre, Piano - einfach mal drauf los spielen. Jede bringt ihren Teil ein. Jede singt. Candelilla sind eine demokratische Frauenband.

Die Lieder tragen keine Titel, sie sind durchnummeriert. Die Musik: tief im Grunge verwurzelt, mit viel Raum für durchdachtes Songwriting. Da ist etwa der gebürstete, stampfende Gitarrenrock im Lied "21", tänzelnde Pianofiguren über hämmerndem Beatgerüst in dem Stück "25" und Riot-Girrrl-Wutausbrüche mit implodierendem Gitarrengeschrammel in der "23".

Takt für Takt, Baustein für Baustein, basteln Candelilla an ihrer Musik. Weg vom klassischen Song-Schema mit Strophe und Refrain. Musizieren in Modulen. Über Versatzstücke aus acht oder 16 Takten entstehen Patchwork-Song-Strukturen.

Für die Aufnahmen zu "HeartMutter" haben Candelilla die Produzenten-Legende Steve Albini gewinnen können. Rita Argauer, Piano und Gesang, kann es heute noch kaum glauben, wie einfach das war: eine Mail, ein Demo, eine Einladung.

"Ein Freund von uns hat uns erzählt, dass Valina - eine Band aus Österreich - zweimal bei ihm aufgenommen hat. Dann haben wir die gefragt, wie war das denn? Ja, easy-easy, schreibt ihm doch mal! Dann haben wir eine Email geschrieben. Dann hat er zurückgeschrieben: Können wir schon machen. Dann haben wir einen Termin gesucht. Also es war relativ easy."

Steve Albini produziert Musik aus der Warte eines Toningenieurs - mehr Klangmeister als Soundmischer. Die Aufnahmen in seinem Studio sind live und analog, nicht digital und nachbearbeitet. Die Gitarristin von Candelilla, Lina Seibold, erinnert sich noch gut an die ersten Tage bei Steve Albini in Chicago.

"Das hat im Prinzip so angefangen, dass wir uns bei seinen Verzerrern und Verstärkern einfach Sachen rausgesucht haben, ausprobiert haben und das, was uns dann gefallen hat, genommen haben. Und er ist dann hergegangen und hat gesagt: Hey, du willst einen warmen, schönen, krass verzerrten Gitarrensound. Gut. Dann geht er in sein Kämmerchen, holt einen kleinen Verstärker, stellt ihn hin und das ist der perfekte Sound."

Die Pixis, die Breeders, Bush - auch der letzte Nirvana-Platte "In Utero" und seiner eigenen Band Shellac hat Steve Albini den "perfekten Sound" verpasst. Bass, Schlagzeug, Gitarre in räumlicher Akustik. Und vor allem dieser metallene und massive, aber doch auch weiche und warme Gitarren-Sound ist zum Markenzeichen von Steve Albini geworden. Auch auf dem neuen Candelilla-Album fehlen sie nicht, die magischen Steve-Albini-Momente. Etwa in dem Stück "29":

"Die Strophen-Teile sind relativ klar mit Klavier und Bass geschrieben, und im Mittelteil bricht eine Gitarre hinein. Und dieses Einbrechen der Gitarre hat er wahnsinnig plastisch hinbekommen. Da hat er auch gesagt: Ah, ich verstehe, an dieser Stelle sollte die Gitarre einem die Haare anzünden."

Für die vier Münchnerinnen von Candelilla ist das Musik machen immer auch eine Art Forschungsarbeit. Für ihren Merchandise-Stand auf Tour hat jedes Bandmitglied in alter DIY-Tradition ein Heft gestaltet - zum großen Thema Wirklichkeiten. Ein Reiseführer, ein Gedichtband, eine Literaturliste, ein Notizheft. Form und Inhalt - Kunst und Realität. Candelilla sind eben eine Band zwischen verkopft und verträumt.

"Wir sind große Freunde der Analyse."

"Aber hey, wenn wir das die ganze Zeit immer so sagen, was wir uns da alles denken ... Klar, denken wir uns viel, und mit den Heften haben wir da jetzt auch noch mal versucht, etwas festzuhalten. Aber im Grunde sind wir eine Rockband, die wahnsinnig gerne auf Tour geht. Punkt!"

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