Kultur heute / Archiv /

 

Mythos vom Wüstenfuchs

Der ARD-Spielfilm "Rommel" aus militärhistorischer Sicht

Thomas Vogel vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam im Gespräch

Die Schauspieler Ulrich Tukur und Aglaia Szyszkowitz, Tukurs Frau Katharina John und der Produzent Nico Hofmann (v.l.n.r.) bei der Premiere des Films "Rommel" in Berlin.
Die Schauspieler Ulrich Tukur und Aglaia Szyszkowitz, Tukurs Frau Katharina John und der Produzent Nico Hofmann (v.l.n.r.) bei der Premiere des Films "Rommel" in Berlin. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Bei Rommel könne man keine rasseideologische Nähe zum Regime feststellen, sagt der Historiker Thomas Vogel, er sei also nach der klassischen Definition des Nationalsozialismus kein Nazi gewesen. Der Film "Rommel" zeige den Menschen Rommel - und den mache auch der Dackel an seiner Seite aus.

Michael Köhler: Das Interesse am Widerstand gegen Nazi-Deutschland ist groß, aber ist die Missachtung eines Haltebefehls schon verschwörerischer Widerstand? Kaum! Heute Abend läuft unter erheblichem Werbeaufwand "Rommel" - im Ersten -, über die letzten sieben Monate des Generalfeldmarschalls. Regisseur Niki Stein wollte darin eine tragische Figur zeigen, also eher ein Königsdrama:

O-Ton Niki Stein: "Also zu der Genese der Rommel-Darstellung muss man ja sagen, es gibt natürlich auch die ganz andere Seite: die breite Öffentlichkeit, sage ich mal, der unmittelbaren Nachkriegszeit, die ja Rommel viel, viel mehr auf den Widerstandspodest gehoben hat, als Stauffenberg und die es verdient hätten, die damals noch verteufelt wurden als Hochverräter. In dem Zusammenhang muss man Rommel sehen. Rommel war im Bewusstsein der 50er-Jahre eben kein Hochverräter, sondern ein ehrenwerter Verräter."

Köhler: Soweit Regisseur Niki Stein über seinen Film. - Heute Abend nach den Nachrichten läuft er im Ersten: Rommel. Ein klangvoller Name, mythisch, ohne Untertitel, reicht aus für einen Fernsehfilm über eine tragische Figur innerhalb der Generalität des Zweiten Weltkrieges. Das Filmporträt widmet sich dem späten Erwin Rommel bis zu seinem verordneten Selbstmord. Der sogenannte "Wüstenfuchs", er war ein Heros der Nazi-Ideologie und blieb es noch, als er selber schon beträchtliche Zweifel an Sinn und Erfolg des Krieges vortrug.

Thomas Vogel vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, der im Anschluss an den Film in einer Dokumentation auch zu sehen ist, mit ihm habe ich darüber gesprochen. Er sagte mir im Vorgespräch, der frühe Rommel ist eigentlich unspannend. Ein Vorwurf an den Film lautet aber, dass gerade der Eintritt in die Nazi-Ideologie, also der frühe Rommel, unbeleuchtet bleibt. Soll da am Mythos vom väterlichen Heerführer etwa weitergestrickt werden?

Thomas Vogel: Ach das glaube ich nicht. Ich kenne den Film nicht, aber ich meine zu erkennen, dass er in der Hinsicht nicht unkritisch ist. In der Tat: Der Berufssoldat Rommel bleibt sehr lange in politischer Hinsicht unkonkret.

Köhler: Er hat den Führer bewundert, aber war kein Nazi? Wollen Sie das so sagen?

Vogel: In gewisser Weise ja. Ich möchte also wirklich behaupten, dass Rommel kein Nazi war - jedenfalls nicht, wenn man die Definition von Nationalsozialismus nimmt, die die Nazis selber gebraucht haben, und wenn wir die Definition von Nationalsozialismus nehmen, die wir heute verwenden, wonach der Nationalsozialismus ja aus zwei wesentlichen Komponenten sich zusammensetzt. Das eine ist diese klassische politische Seite, außenpolitische Zielrichtungen, Größe des Reiches, nationaler Gedanke. Das andere ist die rassepolitische Seite. Beides muss zusammenkommen, um diese nationalsozialistische Ideologie und entsprechend ihre Anhänger auszumachen.

Beides trifft auf Rommel nicht zu. Rommel war sicherlich im Sinne des Nationalsozialismus ein von der nationalen Größe Deutschlands beseelter Berufsoffizier, der alles daran setzte, um die Nation wieder wehrhaft zu machen. Aber was wir bei Rommel eben nicht feststellen können, ist irgendwelche rasseideologische Nähe zum System, zum Regime.

Köhler: Na ja, aber eine Million Militärinternierte, Italiener, die dann als Zwangsarbeiter verbracht wurden, das ist ja auch nicht nichts.

Vogel: Das ist richtig. Das würde ich aber nicht unter Rasseideologie und nationalsozialistischer Rasseideologie verstanden wissen wollen. Die Internierung der italienischen Soldaten Ende 1943 beruhte auf dem Willen Hitlers. Dieser Wille Hitlers wurde von den militärischen Befehlshabern in Italien umgesetzt - nicht nur von Rommel, sondern von allen militärischen Befehlshabern im italienischen Machtbereich. Rommel hat in seiner Funktion als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B in Norditalien diese Befehle umgesetzt. Aber nach all dem, was wir heute wissen, verlief es im Befehlsbereich von Rommel relativ am harmlosesten.

Köhler: Thomas Vogel, ein Spielfilm - damit sage ich nichts großartig Neues - ist naturgemäß was anderes als eine Dokumentation. Das ist eine dramatische Form, das ist ein Unterhaltungs-Genre. Geschichts- und erinnerungspolitisch aber ist das dann doch eine ein bisschen fragwürdige Sache. Also Rommel mit Dackel, der für den Widerstand in Gestalt von Stabschef Speidel oder auch anderen ein Gehör findet - wird uns da der sympathische Nazi gezeigt?

Vogel: Das glaube ich nicht unbedingt. Aber es wird der Mensch Rommel natürlich gezeigt und ich glaube, es ist schon ein legitimes Unterfangen, im Rahmen einer solchen historischen Darstellung auch nicht nur den Generalfeldmarschall in seiner Aktion als militärischer Befehlshaber zu zeigen, sondern ihn eben auch als Menschen, als Alltagsmenschen zu zeigen, und diesen Alltagsmenschen Rommel macht eben auch der Dackel an seiner Seite aus.

Köhler: Ist es sträflich, sozusagen die ganze Frühgeschichte auszublenden?

Vogel: Das kann man schon machen, wenn man mit dieser Zeit respektvoll umgeht im Rahmen der Darstellung, der man sich dann widmet. Das ist schon legitim. Man muss es dann - da sind nun mal die Fähigkeiten eines Regisseurs gefragt -, man muss dann in geeigneter Form die Gesamtbiographie der Person immer mal wieder aufleuchten lassen. Aber das ist letztendlich, würde ich sagen, eine künstlerische Frage, und daran wird sich ja auch zeigen, ob der Film wirklich gelungen ist, den wir heute Abend sehen.

Köhler: Glauben Sie, abschließend gefragt, es wird einen Beitrag dazu leisten, auch erinnerungsgeschichtlich, erinnerungspolitisch darüber nachzudenken, ob da vielleicht in den Reihen der Generalität es doch den einen oder anderen versteckten Widerständler gab?

Vogel: Ja! Wir wissen ja bereits von einigen Widerständlern in den Reihen der Generalität, da gab es ja einige. Ich darf nur an Carl-Heinrich von Stülpnagel erinnern, den Militärbefehlshaber in Frankreich, der wegen seiner Mitwirkung am 20. Juli dann schließlich Opfer des Nationalsozialismus wurde. Es gab auch andere Generale wie den Generalobersten a.D. Beck, der sich den Verschwörern zur Verfügung stellte und deswegen erschossen wurde am Abend des 20. Juli.

Köhler: Aber Rommel war kein Verschwörer!

Vogel: Rommel war kein Verschwörer. Aber er macht natürlich sichtbar, dass es auch in der Wehrmacht-Elite unterschiedliche Einstellungen zum Regime gab, unterschiedliche Auffassungen über die Kriegführung, und sich diese Situation im zunehmenden Verlauf des Krieges auch immer stärker stellte. Rommel ist ja ein gutes Beispiel dafür, dass man sehr spät, aber immerhin doch noch, in hoher militärischer Funktion zum Nachdenken kam über den Sinn des Krieges.

Köhler: Sie spielen auf das Ultimatum an vom Juli 44, 15. Juli.

Vogel: Das auch, aber nicht erst damals, sondern es ist ja bereits überliefert, dass Rommel Wochen und Monate vorher bereits für seine Verhältnisse recht offensiv gegenüber Hitler auftrat und ihn letztendlich dazu aufforderte, die Konsequenzen aus der für Deutschland verheerenden Entwicklung der militärischen Situation zu ziehen. Insofern ist dieses Ultimatum, dieses sogenannte Ultimatum vom 15. Juli, nur der Gipfel dieser Entwicklung.

Köhler: Und wie sagte er eingangs: An Rommel scheiden sich die Geister. - Thomas Vogel vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt war das zu dem Film, den wir heute Abend im Ersten sehen können: "Rommel".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Ausstellung "RAF - Terroristische Gewalt""Wir dokumentieren vor allem die Zerstörung"

Zwei Männer lesen am 2. Juni 1978 Handzettel der Polizei, mit denen nach RAF-Terroristen gefahndet wird.

Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt eine Ausstellung über den Terror der RAF. Darin sollen auch Aspekte aufgezeigt werden, die dem kollektiven Gedächtnis womöglich verborgen geblieben sind, sagte Kuratorin Sabrina Müller sinngemäß im DLF.

Staatsgalerie Stuttgart "Visionen einer neuen Welt"

Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" Muss Stiftungsdirektor Manfred Kittel gehen?

 

Kultur

Chinesische KunstsammlerNachhilfeunterricht in westlicher Kunstgeschichte

Goldene Bilderrahmen hängen an einer Wand.

China bestimmt inzwischen den Kunstmarkt mit. So werden auf der Art Basel in Hongkong höchste Umsätze erzielt. Doch wie baut man eine Sammlung mit westlicher Kunst auf? Chinesische Sammler, Kunstberater und Unternehmensführer sind nach Deutschland gekommen, um die Geheimnisse des deutschen Kunstgeschehens kennenzulernen.

"Les pêcheurs de perles"Ab ins Dschungelcamp

Ein roter Theatervorhang

Lotte de Beer siedelt die Oper "Les pêcheurs de perles" im TV-Dschungelcamp an. Mit der eigentlich sehr platten Idee hat das Theater an der Wien es nach Meinung unseres Kritikers geschafft, ein ziemlich unmögliches Stück für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

Opernpremiere in MünchenEiskaltes Psychostück mit "perückenden" Momenten

Jonas Kaufmann und Kristine Opolais singend in halber Umarmung.

Jonas Kaufmann und Anna Netrebko sollten die Stars sein in dieser Operninszenierung von Puccinis "Manon Lescault" in München. Doch Netrebko sagte ab - angeblich unzufrieden mit dem Regiekonzept, an dem unser Rezensent jedoch kaum etwas zu kritisieren hat. Trotzdem handelte sich Regisseur Hans Neuenfels auch viele Buh-Rufe ein.