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Nach dem Beben in der Emilia Romagna

Eine Schadensbilanz der kulturellen Zerstörung und die Pläne für den Wiederaufbau

Von Thomas Migge

Der durch das Beben zerstörte Glockenturm in Finale Emilia, Modena. (picture alliance/dpa /ELISABETTA BARACCHI)
Der durch das Beben zerstörte Glockenturm in Finale Emilia, Modena. (picture alliance/dpa /ELISABETTA BARACCHI)

1500 leicht bis mittelschwer beschädigte Kirchen, 2500 teilweise eingestürzte Palazzi, Burgen und Wohnhäuser aus der Zeit zwischen 1100 und 1800. So lautet die bisherige Schadensbilanz nach dem Beben im Norden Italiens. Konkrete Hilfszusagen zum Wiederaufbau von Seiten des Kulturministeriums gibt es derzeit nicht.

Den dramatischen Moment des Hauptbebens in Sant'Agostino hat eine Handykamera festgehalten. Deutlich zu erkennen: ein Teil der Fassade des eleganten neoklassizistischen Rathauses stürzt ein. Menschen laufen durcheinander, von Panik ergriffen, Sirenen heulen auf. Die Fassade sieht aus wie von einer Kanonenkugel getroffen: ein riesiges Loch klafft in der Fassade. Der Bürgermeister der Kleinstadt bei Ferrara erklärte bereits, dass man das gesamte Gebäude aus statischen Gründen abreißen muss.

Das Hauptbeben am Samstag vor einer Woche und die tagelang anhaltenden Nachbeben setzten den Kulturgütern der Region Emilia Romagna kräftig zu. Betroffen ist vor allem der westliche Teil der Region, die Emilia, denn dort lag, bei der Ortschaft Finale Emilia, das Epizentrum der Katastrophe. Das 16-Tausend-Seelen-Städtchen war bis zum Erdbeben einer der malerischsten Orte der Region: mit historischen Altbauten, die nahezu komplett erhalten geblieben sind. Bis zum Tag des Erdbebens. So auch das Castello delle Rocche, eine Burg im Stadtzentrum aus dem Jahr 1402. Errichtet von dem Architekten der berühmten Stadtburgen in Ferrara und Mantua für Herzog Nicolo III. aus der Fürstenfamilie d'Este. Diese Burg, eines der Meisterwerke der norditalienischen Wehrarchitektur, ist zum Teil eingestürzt. Das Mauerwerk des Hauptturms zeigt bedenkliche Risse. Der Kunsthistoriker Valdo Martinotti lebt in Sant'Agostino und unterrichtet in Bologna. Auch er verließ in der Erdbebennacht sein Haus und wohnt derzeit in einer Notunterkunft:

"Ich spürte, wie sich das Haus bewegte und bin sofort hinaus gelaufen. Ich wohne im historischen Zentrum und sah gleich was los war. Der mittelalterliche Uhrturm, der Torre dei Modenesi, war nur noch eine Ruine. Inzwischen ist er komplett eingestürzt. Fast alle unsere Kirchen aus Renaissance und Barock sehen wie bombardiert aus. Man kann nur froh sein, dass die eingestürzten historischen Bauten keine Wohnhäuser beschädigt haben."

Kulturminister Lorenzo Ornaghi kam vor wenigen Tagen nach Sant'Agostino, bereiste auch aber andere Städte, um sich ein ungefähres Bild vom Ausmaß der Zerstörung zu machen. Genaue Informationen liegen auch über eine Woche nach dem Erdbeben nicht vor. Der Schaden wird momentan auf rund 1500 leicht bis mittelschwer beschädigte Kirchen und mindestens 2500 oder teilweise eingestürzte Palazzi, Burgen und Wohnhäuser aus der Zeit zwischen 1100 und 1800 geschätzt.

Weltberühmte Kulturgüter wie der Palazzo dei Diamanti in Ferrara und die Burg Rocca di Fontanellato, mit den Fresken des Renaissancemalers Parmiggianino, kamen nicht zu Schaden – sind aber bis auf weiteres geschlossen. Das Plazet für eine Wiedereröffnung muss von den Stadtvätern kommen - und die richten sich nach den Erdbebenforschern. Diese Experten geben aber noch keine Entwarnung: mit weiteren Nachbeben wird gerechnet.

Der Kunsthistoriker Valdo Martinotti: "Es gibt viele Schäden. Das Dachfries des Castello Estense fiel zu Boden. Zahllose Skulpturen der Renaissance und des Barock stürzten von Kirchen- und Palastdächern. Ganze Kirchen sind nur noch Ruinen. Wir Bürger müssen hier mithelfen, diese Schäden schnell zu beseitigen."

In verschiedenen Ortschaften haben Bürger direkt nach dem Hauptbeben die Steine zusammengestürzter architektonischer Monumente durchnummeriert. In der vagen Hoffnung, dass bald die Restaurierungsarbeiten beginnen. Doch Kulturminister Ornaghi ergeht sich nur in schwammigen Solidaritätsbekundungen. Konkrete Versprechungen für Gelder aus dem Kulturministerium zum Wiederaufbau historischer Bauwerke machte er bisher nicht. Befürchtet wird, dass der Fall der Erdbebenregion Emilia Romagna traurig abgewickelt werden könnte wie der Fall Abruzzen: Dort bebte 2009 die Erde und es kam zu verheerenden Zerstörungen wichtiger Kulturgüter. Bis heute wurde davon nur ein minimaler Bruchteil restauriert. Nur im Fall des prominenten Pilgerziels Assisi, wo die berühmte Kirche des Heiligen Franziskus 1997 bei einem Erdbeben beschädigt ging es mit den Restaurierungsarbeiten schnell voran. Was die Wiederaufbauarbeiten angeht, scheinen in Italien jene Orte, die nicht an den Hauptreiserouten kulturinteressierter Touristen liegen, eher benachteiligt zu sein.

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