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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Nannte und kannte Schuldige auf beiden Seiten19.02.2007

Nannte und kannte Schuldige auf beiden Seiten

Der Journalist Norbert Schreiber über die russische Journalistin Politkowskaja

Die russische Journalistin machte sich mit einfühlsamen Reportagen über die einfachen Menschen in der umkämpften Nordkaukasusrepublik Tschetschenien international einen Namen, in Russland selbst brachten sie ihr viele Feinde. Ihre Wahrheitssuche bezahlte sie mit dem Leben. Eine Rezension von Karla Engelhard.

Moderation: Marcus Heumann

Eine alte Frau zündet eine Kerze am Sarg der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau an. (AP)
Eine alte Frau zündet eine Kerze am Sarg der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau an. (AP)

Anna Politkowskaja ist tot. Ermordet am 7.Oktober 2006. Der Journalist Norbert Schreiber versucht wenige Monate später die Chronik ihres angekündigten Mordes zu schreiben. Schreiber lernte Anna Politkowskaja auf der Leipziger Buchmesse eineinhalb Jahre vor ihrem Tod kennen. Die russische Journalistin war da schon keine Unbekannte mehr. In ihrem Buch "Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg" zerrt sie Willkür, Gewalt und Bestialität in der umkämpften Kaukasusrepublik Tschetschenien in die Öffentlichkeit. Sie schockiert mit realistischen Schilderungen des Krieges. Sie nennt und kennt Schuldige auf beiden Seiten - russische Militärs, die im Auftrag des Kremls morden und tschetschenische Terroristen, die brutal vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt. Opfer beider: Kinder, Frauen, Männer in Tschetschenien. Für sie ist Politkowskaja letzte Hoffnung. Die von ihr entlarvten Mörder antworten mit Morddrohungen. Für den russischen Staat ist sie eine Nestbeschmutzerin. Der Hörfunkjournalist Norbert Schreiber fragt sie Monate vor ihrem Tod, wie sie den Druck und die ständige Bedrohung aushalte:

"Viele Menschen in meinem Land bezahlen mit dem Leben, weil sie laut sagen, was sie denken. Ich versuche, nicht daran zu denken, weil ich ansonsten nicht arbeiten könnte, es wäre unmöglich. Also blende ich diese Gedanken aus und sage, dass ich einfach das Schicksal derjenigen teile, die dafür kämpfen, dass demokratische Prinzipien in Russland endlich installiert werden und das Leben ein demokratisches wird, wobei es möglich ist, dass dieser Kampf nicht gut ausgeht. Aber das ist dann einfach so."

So beginnt Schreibers eigener Beitrag zur Chronik eines angekündigten Mordes. Immer wieder kommt die Journalistin im Buch zu Wort, in Interviews, mit Reportagen und Auszügen aus ihren Büchern. Einige ihrer Reportagen entstanden kurz vor ihrem Tod und werden hier zum ersten Mal veröffentlicht. Für ihre journalistische Arbeit wird sie zu Lebzeiten mit internationalen Preisen geradezu überhäuft, wie den "Lettre Ulysses Award" für die beste europäische Reportage, den Olof-Palme-Preis für ihren Einsatz für Menschenrechte und für ihren persönlichen Mut. 2005 erhält sie den Leipziger Medienpreis. Jedoch internationale Aufmerksamkeit und Preise können Anna Politkowskaja nicht schützen. Am 7. Oktober 2006, Samstagnachmittag, 16.05 Uhr Moskauer Zeit, kommt Anna Politkowskaja vom Einkauf. Die Rekonstruktion des Mordes liest sich so:

"Anna Politkowskaja hat zwei Tüten in ihre Wohnung getragen. In ihrem silbernen Lada, der vor dem Eingang geparkt ist und in dem ihre Tochter sitzt, liegen noch Einkaufstüten, die sie in ihre Wohnung tragen möchte. Ein paar Lebensmittel, etwas Gemüse, Sanitärartikel. Anna Politkowskaja will mit dem Lift ein drittes Mal nach oben fahren. Sie hat den Rufknopf gedrückt, kommt aber nicht mehr dazu, den Fahrstuhl zu betreten. Als sich die Lifttür öffnet, fallen drei Schüsse - zwei treffen sie dicht neben dem Herz, die dritte Kugel zerfetzt ihre Schulter. Dann gibt der Mörder einen gezielten Schuss in den Kopf ab, den so genannten "Kontrollschuss". Das Opfer war längst tot. Am Ort des Mordanschlags finden die Ermittler neben der Handfeuerwaffe, Marke Makarow-Pistole, vier Patronenhülsen. Dieser Typ war als Ordonnanzpistole in der Sowjetarmee eingesetzt. Anna Politkowskaja wurde auf dem Trojekurow-Friedhof im Südwesten Moskaus beigesetzt. Auf ein orthodoxes Holzkreuz ist ihr Name geritzt. Sie wurde 48 Jahre alt.

Norbert Schreiber beschreibt in seiner Einleitung nicht nur den Mord an Anna Politkowskaja eindringlich, sondern auch ihr Leben und ihre Arbeit. Sein Fazit: Anna Politkowskaja wurde Opfer eines feigen Mordanschlags, weil sie unbeugsam der Pressefreiheit diente. Schreiber will Ursachen und Folgen dieses Mordes analysieren. Der Titel "Chronik eines angekündigten Mordes" ist bewusst gewählt und soll an das Werk des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel Garcia Marquez, "Chronik eines angekündigten Todes", erinnern. Marquez erzählt in seinem Roman dokumentarisch, fast mit journalistischer Genauigkeit, die Umstände einer Gewalttat die sich für ein ganzes Dorf unausweichlich ankündigt, die aber niemand zu verhindern vermag. Auch der Mord an Anna Politkowskaja kam nicht überraschend. Auch dass er schnell aus der Öffentlichkeit verschwunden war, erstaunt wenig. Der Journalist Norbert Schreiber kennt dieses Phänomen nur zu gut:

""Wir sind in der Mediengesellschaft unterwegs und vergessen sehr schnell solche Ereignisse wie den Mord an Politkowskaja. Es kommt ein nächstes Ereignis, und es ist vergessen, was diese Frau getan hat, zu recherchieren, aufzuklären, die Wahrheit zu sagen, und wir fanden, dass es einfach aufgeklärt werden muss, was sich dort abgespielt hat. Denn wir fanden, dass man nicht die Wahrheit erschießt, dass man die Pressefreiheit nicht tötet, dass man eine kritische Journalistin nicht ermordet. Das war in der öffentlichen Diskussion so selbstverständlich geworden, es wird eine Statistik geführt, es wird aufgezählt, wie gefährlich der Beruf Journalismus ist, und dann geht man wieder zur Tagesordnung über. Und das, fanden wir, sollte im Fall Politkowskja eben nicht so folgen, und deswegen haben wir dieses Buch gemacht."

Mit "wir" meint Schreiber Journalisten, die Anna Politkowskaja begegnet sind, ihre Bücher oder Russland kennen, wie der ehemalige ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen, Harald Loch oder Natascha Liublina. Dazu gehören auch die Russlandexpertin Margareta Mommsen, die Historikerin Irina Scherbakowa, der Filmregisseur Andrej Nekrasov oder der Gründer der Hilfsorganisation "Cap-Anamur", Rupert Neudeck. Wer bei dieser Autorenpalette bereits große Vielfalt ahnt, wird dies beim Lesen bestätigt finden. Die einigende Frage ist dabei: hat Russland auf dem Weg zu einer Bürgergesellschaft noch eine Chance? Die Antworten darauf sind in der Form sehr unterschiedlich. Besonders interessant und gut zu lesen sind meines Erachtens: Irina Scherbakowas Beschreibung eines langjährigen Schülerwettbewerbs zur Geschichte Russlands. An Beispielen zeigt sie den schweren Umgang mit dem Erbe einer Diktatur. In ihrer fundierten Analyse belegt Russland-Expertin Margareta Mommsen an Hand der politischen Entwicklung von Gorbatschow über Jelzin zu Putin, dass Russland eine "gelenkte Demokratie ohne Demokaten" ist. Der Filmregisseur und Dramatiker Andrej Nekrasovs schreibt in seinem Brief aus Russland über die "Leichen im Keller der neuen Stabilität" und warum es "cool" und modern in Russland ist, nationalistisch zu sein, noch moderner, antiwestlich. Bei aller Vielfalt ist die Antwort auf die Frage, ob die Bürgergesellschaft in Russland eine Chance hat, einstimmig. Herausgeber Norbert Schreiber resümiert:

"Die Arbeit an diesem Buch hat mir gezeigt, dass es eine Gefährdung der Demokratie nach innen gibt, der Stabilität nach innen, durch die gelenkte Putinsche Demokratie einerseits, und die Münchener Sicherheitstage haben gezeigt, dss das Muskelspiel und das Spiel um Öl in der internationalen Politik auch das gefährden könnte, was wir über die Jahre hinweg unter Ost-West-Entspannung verstanden haben und mühsam in Vertragsverhandlungen aufgebaut haben. Diese Stabilität könnte brüchig werden. Das andere sind demokratischen Werte, die wir eigentlich geglaubt haben, sich auch in Russland entwickeln, und die sind nun wirklich ein ganz kleines Pflänzchen, was mühsam gegossen wird, von einer ganz kleinen Menschenrechtsbewegung unterstützt wird. Aber im Großen und Ganzen weder entwickelt, noch eigentlich richtig verstanden wird."

Das Buch "Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes" hilft Russland besser zu verstehen, denn man sollte versuchen, dieses Land mit dem Verstand zu begreifen - gerade wir Deutschen. Anna Politkowskaja antwortete in einem ihrer letzten Interviews auf die Frage, welche Erwartungen sie an den Deutschen Bundestag, an die Parlamentarier habe:

"Sehr, sehr oft kommen Mitglieder des Deutschen Bundestags in die Redaktion der Zeitung, zur "Nowaja Gaseta" zu uns, auf eigenen Wunsch, sie melden sich an, sie möchten mit uns ein Gespräch haben. Wir nehmen uns die Zeit, setzen uns hin, führen stundenlange Gespräche mit ihnen, erklären ihnen Russland von A bis Z, von vorne bis hinten, und was ist das Resultat? Es passiert nichts, rein gar nichts. Und sobald es um konkrete Fragen geht, sobald man anfängt zu fragen, könnten Sie irgendwie dazu beitragen, dass es Verhandlungen gibt oder dass es zu einem Treffen mit den Soldatenmüttern und Vertretern des tschetschenischen Widerstands kommt, fällt automatisch eine ablehnende Antwort."

Das Buch endet mit einem sehr persönlichen Nachruf von Irina Scherbakowa und ihrer Hoffnung, dass Annas Tod diejenigen zum Nachdenken über das Schicksal des Landes bringen möge, die noch in der Lage seien, darüber nachzudenken.

Karla Engelhard über den von Norbert Schreiber herausgegebenen Band "Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes". Das Buch erscheint Ende des Monats im Wieser Verlag Klagenfurt, 200 Seiten zum Preis von 19 Euro und 80 Cent.

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