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Naturschutz
Generalinventur der deutschen Natur

Wie steht es um Artenvielfalt und Schutzgebiete in Deutschland, das ist dem heute veröffentlichten Bericht des Bundesamtes für Naturschutz zu entnehmen. In der Bilanz halten sich Verschlechterungen und Verbesserungen die Waage. Für die Umweltverbände besonders alarmierend ist allerdings die Tatsache, dass rund 75 Hektar Naturraum täglich verloren geht - als Folge der intensivierten Landwirtschaft.

Von Dieter Nürnberger |
    Frage: Um was geht es in dem Bericht genau?
    Es gibt zwei bedeutende Richtlinien der EU hinsichtlich des Naturschutzes. Das sind zum einen die Vogelschutz-Richtlinie und zum anderen die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Und der heutige Bericht schaut, inwieweit Deutschland diese beiden Richtlinien, auch erfüllen kann. Die beiden Richtlinien gehen auf die 90er-Jahre zurück. Ziel ist es, für wildlebende Tiere und Pflanzen Lebensräume in den einzelnen EU-Staaten zu erhalten oder unter Schutz zu stellen. Eines der wesentlichen Instrumente ist es, ein zusammenhängendes Netz an Schutzgebieten zu schaffen. Im Grunde wird mit dem Bericht eine Zustandsbeschreibung für Deutschland vorgelegt. Es ist eine Inventur und Bewertung der biologischen Vielfalt hierzulande.
    Frage: Mit welchen Ergebnissen?
    Das Besondere am Bericht des Bundesamtes für Naturschutz ist, dass für bestimmte Arten, auch kleine Steckbriefe erarbeitet wurden, die detailliert aufzeigen, wo sie vorkommen. Beispiel Feldlerche: Das war ein in Europa weit verbreiteter Brutvogel, der vor allem auf offenem Gelände heimisch war und auch noch ist. Dichte Vegetation wird eher gemieden.
    Die Bestände haben sich europaweit in den vergangenen 35 Jahren halbiert. In Deutschland ist die Feldlerche zwar noch weit verbreitet, aber die Art wird längst in der aktuellen roten Liste als gefährdet angesehen. Wesentlicher Grund für den starken Rückgang der Populationen ist die intensivierte Landwirtschaft, es fehlen inzwischen geeignete Nahrungs- und Brutplätze. So werden - laut Bericht - auch durch den zunehmenden Maisanbau zur Gewinnung von Biogas die Bestände weiterhin negativ beeinflusst.
    Dieser Teilbericht über den Vogelschutz zeigt, dass es generell in Deutschland im Grunde eine Dreiteilung gibt. Ein Drittel der Arten nimmt ab, ein Drittel ist relativ stabil und immerhin nehmen die Populationen bei rund einem Drittel auch zu. Es gibt auch einige positive Teilaspekte im Bericht - zum Beispiel überwiegen bei den hierzulande überwinternden Watt- und Wasservögeln inzwischen jene Arten, die zunehmen.
    Der Bericht kann sich auch auf eine verbesserte Datenerfassung berufen, es ist eine Generalinventur des Flora- und Faunabestandes in Deutschland. Und zur Information: Das Wichtigste Instrumentarium der beiden EU-Richtlinien ist ja die Schaffung von Schutzgebieten. Und für Deutschland gilt, dass inzwischen rund 15 Prozent der Landes- und 45 Prozent der angrenzenden Meeresflächen unter Schutz gestellt wurden.
    Frage: Wie kann man den Bericht nun werten – zeigt er eher Verbesserungen für den Natur- und Artenschutz in Deutschland oder untermauern die Ergebnisse einen weiterhin negativen Trend?
    Hier verhält es sich - wie so oft bei statistischen Erhebungen. Für die einen ist das Glas halb voll, für die anderen dagegen halb leer.
    Natürlich verweist der Bericht des Bundesamtes für Naturschutz auch auf Erfolge. Der Bericht sagt, Verschlechterungen und Verbesserungen halten sich ungefähr die Waage. Man verweist auch darauf, dass einzelne Arten inzwischen wieder eingewandert sind - beispielsweise Libellenarten im nordwestlichen Tiefland der Republik. Das Bundesamt für Naturschutz betont auch, dass sich strenger Artenschutz lohne. Man zeigt aber auch auf, was beispielsweise die Folgen einer intensivierten Landwirtschaft sein können. Ebenso wird der weiterhin anhaltende Flächenverbrauch angesprochen: In Deutschland werden derzeit rund 75 Hektar Naturflächen täglich umgewandelt, gehen also als Naturräume verloren. Das Ziel heißt übrigens 30 Hektar im Jahr 2020.
    Andererseits haben auch Umweltverbände schon reagiert: Der Naturschutzbund Deutschland, kurz NABU, sagt: Deutschlands Natur blutet weiter aus. Der heutige Bericht sollte eher ein Weckruf für die Politik sein. Auch hier beruft man sich auf die Zahlen: Denn wenn 70 Prozent der Lebensräume in einen schlechten oder nur unzureichenden Zustand seien, dann sei der Trend weiter negativ.