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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland14.02.2005

Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland

Kiepenheuer & Witsch Köln 2005, 267 Seiten, Euro 18,90

<strong>Themenwechsel – hin zu einem Problem, das uns in den nächsten Jahren schon aus demographischen Gründen immer mehr berühren und beschäftigen wird: die Integration der in Deutschland lebenden Türken. Wer sich fernab von verträumter Multikulti-Romantik einen Blick hinter die Kulissen der türkischen Parallelgesellschaft in Deutschland verschaffen möchte, für den ist das in unserer nächsten Rezension vorgestellte Buch eine gleichsam informative wie bedrückende Lektüre. Denn sein Hauptthema ist die Situation der so genannten "Import-Gelinnen" , der meist zwangsverheirateten türkischen Import-Bräute.

Von Henry Bernhardt

Durch Familien- zusammenführungen kommen junge Türkinnen nach Deutschland (AP-Archiv)
Durch Familien- zusammenführungen kommen junge Türkinnen nach Deutschland (AP-Archiv)
<p>Von ihren Familien verschachert wie ein Stück Vieh, werden sie als junge Frauen mit in Deutschland lebenden Türken verheiratet – oft haben sie ihren Mann vor der Hochzeit nur ein einziges Mal gesehen, und um ihr Einverständnis werden sie nur selten gefragt. Per Familienzusammenführung nach Deutschland geholt, werden sie fortan – allermeist unserer Sprache nicht mächtig – vom Familienclan systematisch von der Außenwelt abgeschottet, zu Gebärmaschinen degradiert. Wenn Sie das Haus überhaupt verlassen dürfen, dann oft nur zum Gang in die Moschee. Das alles geschieht tausendfach, Tag für Tag, mitten in Deutschland – bisher noch immer mit staatlicher Duldung. Wie lange noch – fragt die türkischstämmige Autorin des Buches "Die fremde Braut", Necla Kelek. Henry Bernhardt stellt es ihnen vor. </strong><br /><br /><em>Die Türken haben sich massenhaft in ihre Moscheen zurückgezogen und verteidigen ihre islamische Welt. Sie haben sich längst ihre eigene Parallelgesellschaft geschaffen, auch mithilfe der deutschen Errungenschaften von Sozialversicherung und Arbeitslosenunterstützung. Und trotzdem meint die deutsche Gesellschaft, bei den Ausländern in der Schuld zu stehen. Das kann ich nicht verstehen.</em><br /><br />So schreibt Necla Kelek über die in Deutschland lebenden Türken. Ihre Integration sei gescheitert. Nicht an Deutschland und an seiner halbherzigen Ausländerpolitik, sondern am Unwillen der Türken, im demokratischen Deutschland mit seinen liberalen Freiheitswerten anzukommen. Ihre Tradition, so schreibt sie, "fresse die Moderne".<br /><br />Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund. Noch auf der ersten Seite ihres Buches fordert sie : "Ich möchte, dass sich das ändert. Ich möchte, dass auch in Deutschland die Menschenrechte ohne Ausnahme gelten." Eine Kampfansage anstatt einer bloßen Zustandsbeschreibung. <br /><br />Necla Kelek ist selbst in der Türkei geboren und 1966 als Kind eines Gastarbeiters nach Deutschland gekommen. Sie hat einen schmerzhaften Abnabelungsprozess von ihrer Familie hinter sich und ist inzwischen deutsche Staatsbürgerin. Und zwar eine, die bereit ist, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Allein für diesen Mut gebührt ihr Anerkennung.<br /><br /> Keleks Hauptthema ist das bekannte, aber vielfach verschwiegene Phänomen der arrangierten Ehe bzw. der Zwangsehe in türkischen Familien: Die türkische Ehe beschreibt sie nicht als Resultat einer persönlichen Entscheidung, sondern als zivilrechtlichen Vertrag zwischen zwei Familien. Es geht dabei um Macht, um Geld, um die Familienehre und um falsche Versprechungen. Der Wille des jungen Ehemannes zählt dabei kaum, der der oftmals noch minderjährigen Ehefrau überhaupt nicht. <br /><br /><em>Die typische Importbraut ist meist gerade eben 18 Jahre alt, stammt aus einem Dorf und hat in vier oder sechs Jahren notdürftig lesen und schreiben gelernt. Sie wird von ihren Eltern mit einem ihr unbekannten, vielleicht verwandten Mann türkischer Herkunft aus Deutschland verheiratet. Sie kommt nach der Hochzeit in eine deutsche Stadt, in eine türkische Familie. Sie lebt ausschließlich in der Familie, hat keinen Kontakt zu Menschen außerhalb der türkischen Gemeinde. Sie kennt weder die Stadt noch das Land, in dem sie lebt. Sie spricht kein Deutsch, kennt ihre Rechte nicht, noch weiß sie, an wen sie sich in ihrer Bedrängnis wenden könnte. Wenn sie nicht macht, was man ihr sagt, kann sie von ihrem Ehemann in die Türkei zurück geschickt werden – das würde ihren sozialen oder realen Tod bedeuten. Sie wird bald ein, zwei, drei Kinder bekommen. Ohne das gilt sie nichts und könnte wieder verstoßen werden. Damit ist sie auf Jahre an das Haus gebunden. Da sie nichts von der deutschen Gesellschaft weiß, und auch keine Gelegenheit hat, etwas zu erfahren, wenn es ihr niemand aus der Familie gestattet, wird sie ihre Kinder so erziehen, wie sie es in der Türkei gesehen hat. Sie wird mit dem Kind Türkisch sprechen, es so erziehen, wie sie erzogen wurde, nach islamischer Tradition. Sie wird in Deutschland leben, aber nie angekommen sein.</em><br /><br />So wie die heute 28 jährige Zeynep, die seit 12 Jahren in Hamburg lebt und noch immer kein Wort Deutsch spricht. <br /><br /><em>Anfangs konnte sie nicht aus dem Haus, sie hatte keinen Mantel. Ihren Mann sah sie nur nach Mitternacht, und sie hatte keine Ahnung, was er den Tag über trieb. Zeynep sagt, dass sie ihre drei Kinder in ihrem Kummer oft geschlagen hat. Seit sie in die Moschee gehe, sei vieles leichter geworden. Der Koran wird zu ihrem Leben. Er hat sie aus ihrer Isolation befreit.</em><br /><br />Denn die Moschee ist der einzige Ort außerhalb der Wohnung, an den sich viele türkische Importbräute begeben können, ohne familiäre Sanktionen zu fürchten. So treibt die soziale Isolierung die betroffenen Frauen makabererweise auch noch weiter in die religiös motivierte Abschottung. <br /><br />Die Autorin hat eine ganze Reihe Lebensgeschichten recherchiert, die sich in ihrer Traurigkeit gleichen: Junge Türken, ob nun in der Türkei oder in Deutschland, haben sich ihrer Familie unterzuordnen. Das Höchste für ein junges Mädchen ist die Hochzeit. Danach hat sie sich ihrem Mann und v.a. ihrer Schwiegermutter zu beugen. Freiheitsrechte und Selbstbestimmung sind für sie nicht vorgesehen. Egal, ob die Braut, auf türkisch "Gelin", in Anatolien oder in Berlin-Kreuzberg lebt. Deshalb ist es am besten, wenn sie von der deutschen Außenwelt, von Freizügigkeit und Selbstbestimmung, gar nichts mitbekommt.<br /><br /><em>Der Zweck der Geschichte ist, warum man sie aus der Türkei holt, dass sie halt sich nach den alten Traditionen sich hier benimmt. Also, sie fügt sich der Familie und nicht ihrem Mann. Sie dient der gesamten Familie und ist gehorsam. Und eine, die man hier kaufen würde, würde das nicht so mitmachen. Und um die Großfamilie zusammenzuhalten und auch die Tradition aufrecht zu erhalten, braucht man eine Import-Gelin, und dafür dient sie. </em><br /><br /> Viele Autoren haben in den letzten Jahren auf die Gefahren einer muslimischen Parallelgesellschaft in Deutschland hingewiesen. Hier blüht der islamische Fundamentalismus unter dem Schutz des Grundgesetzes – und genau wie in der Türkei selbst ist er auch bei den Türken in Deutschland auf dem Vormarsch. Als die Autorin 1966 aus Istanbul nach Deutschland kam, war in den türkischen Metropolen wie auch bei Türkinnen in Deutschland das Tragen eines Kopftuches die Ausnahme. Das war einmal. Nach einer Studie des Zentrums für Türkeistudien, die Kelek zitiert, definierten sich 2003 71 Prozent der Migranten als religiös, davon 19 Prozent als sehr religiös. Im Jahr 2000, vor den Anschlägen des 11. September, waren es noch 14 Prozent weniger. Das Interesse der Autorin gilt den schwächsten Gliedern dieser Immigrantengesellschaft, den "importierten Bräuten". Mit Verve und Wut wirft sie sich auf den ersten 10 Seiten ihres Buches für sie in die Bresche, bereit, sich mit Gegnern verschiedenster Coleur anzulegen. Nur leider verlässt sie diese Wut und Dynamik auf den folgenden 120 Seiten, auf denen sie, durchaus interessant, mit Liebe und Stilgefühl, ihre Familiengeschichte erzählt: Von ihrem Urgroßvater, der Sklavinnen an den Sultan verkaufte, ihrem revolutionären Großvater und ihrem Vater, der zu den ersten Gastarbeitern in Deutschland gehörte und seine Kinder noch in der Türkei das Deutschlandlied üben ließ. Lesenswert auch ihr persönlicher Weg aus dem kosmopolitischen Istanbul über das vormoderne Anatolien in eine niedersächsische Kleinstadt der 60er Jahre. Nachvollziehbar beschreibt sie, wie die Türken in Deutschland die Chance der Integration und Assimilierung nicht nutzten und sich in eine türkisch-muslimische Parallelgesellschaft zurückzogen.<br /><br /><em>Langsam, aber unaufhaltsam, wurden aus Gastarbeitern Türken und aus den Türken Muslime.</em><br /><br /> Danach folgen informative Kapitel über die islamische Religionsstiftung und das Verhältnis Mohammeds und des Islam zur Frau. So bringt das Buch vieles zusammen, was zusammengehört, was auch zum Verständnis der heutigen Situation der Moslems wichtig ist; nur leider steht es oft sperrig und breit ausgeführt nebeneinander. Erst nach zwei Dritteln des Buches kommt die Autorin zu dem zurück, was Untertitel und Klappentext versprechen: "Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland". <br /> <br />Necla Kelek hat türkische "Importbräute" in der Moschee interviewt. Wo anders hätten sie auch selbständig hingehen können ohne Überwachung ihres Mannes, ihrer Schwiegermutter, ja ihrer ganzen Familie und der türkisch-islamischen Gemeinschaft? <br /><br /><em>Das beschreibe ich ja auch an meinem Beispiel: Als ich mit 13 mit einem Turnbeutel – Schwimmen und Sport waren meine Lieblingsfächer! – zur Schule wollte und mein Vater mich damit sah, nahm er mir den Turnbeutel weg und sagte: "Ich glaube, das ist auch nichts mehr für uns!" Hat mir das weggenommen und bin dann so zur Schule gegangen. Hab das auch ganz ehrlich meiner Lehrerin gesagt, die sagte: "Na ja, da wollen wir mal deinen Vater nicht ärgern! Ließ doch solange ein schönes Buch!"<br /> Und von da an habe ich mein Leben im Grunde auf der Ersatzbank verbracht; ich durfte das Haus nicht mehr verlassen ab meinem 13. Lebensjahr.</em><br /><br /> Die geradezu planmäßige Isolierung türkischer Frauen von der Außenwelt hat seitdem noch zugenommen: Deutschland als großes Gefängnis. Necla Kelek hat Daten zusammengetragen, die selbst in ihrer Unvollkommenheit beängstigen: Sie hält die Hälfte aller türkischen Eheschließungen in Deutschland für arrangiert oder erzwungen; der Berliner Senat hat im Jahr 2002 in einer Umfrage 230 zwangsverheiratete Frauen ermittelt – aber die Dunkelziffer wird deutlich höher liegen. Wie aber reagiert die liberale deutsche Öffentlichkeit auf diesen eklatanten Bruch ihrer Ideale und Verfassungsprinzipien?<br /><br /><em>Also seit Jahren herrscht ja diese kulturelle Vielfalt, dass man das so hochhält! Wir sind ja ein buntes Land mittlerweile, alle wollen ein Einwanderungsland aus Deutschland machen, was ja auch richtig ist. <br /> Also mit unseren Köpfen, mit bunten Kopftüchern, soll dieses Land kulturell bereichert werden. Was dahinter aber wirklich steckt, was aus diesen Kindern wird, die diese kulturelle Vielfalt leben sollen, also zurückgedrängt werden in ihre Kultur: Sie schaffen damit eine Parallelgesellschaft. Und was in dieser Parallelgesellschaft läuft, interessiert dann wenige!</em><br /><br /> Necla Kelek verlangt, Zwangsehen zu verbieten. Sie lässt die Stimmen nicht gelten, die im Namen einer liberalen Multikultigesellschaft der türkisch-muslimischen Gemeinschaft in Deutschland vormoderne Handlungsmuster zubilligen will. Sie hält eine Kultur, die die Gesetze dieses Landes ignoriert und junge Mädchen verkauft, für nicht gesellschaftsfähig. Falsche Toleranz schade nur der Integration, anstatt sie zu unterstützen.<br /><br /> Am Ende des Buches macht die Autorin Vorschläge, wie dem Problem Zwangsehe beizukommen sei. Darin bekennt sie, Soziologin und keine Juristin zu sein. Damit ist der schwächste Teil des Buches eingeleitet: Keleks Vorschläge sind so plausibel wie juristisch unausgegoren: Zwangsheirat soll zu einem eigenen Straftatbestand werden; Familienzusammenführungen sollen erst bei über 20jährigen möglich sein; Eheschließungen auch zwischen entfernten Verwandten sollen – mit eugenischer Begründung – verboten werden. Außerdem sieht sie den Islam im Konflikt mit dem Gleichheitsgebot des Grundgesetzes, das aber nur den Staat, nicht aber Glaubensgemeinschaften rechtlich bindet. Doch die Autorin erkennt auch, dass Gesetze nur einen Anstoß geben können, entscheidend aber ein Wandel in den Köpfen ist. Den will sie mit Sprach- und Integrationskursen erreichen, mit kritischer Öffentlichkeit und mit Lehrern, Beamten, Standesbeamten und Richtern, die gegenüber der religiösen Intoleranz keine Toleranz kennen. <br /><br /> In dieser Argumentation der türkischstämmigen, muslimischen Deutschen Necla Kelek liegen auch die Stärken dieses Buches: Es ermöglicht Einsichten in einen Bereich, der uns sonst verborgen bleibt, und erklärt anschaulich die historischen Wurzeln der heutigen Probleme. <br /><br /><strong>Henry Bernhard über Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Veröffentlicht bei Kiepenheuer und Witsch Köln, 267 Seiten für 18 Euro und 90 Cent.</strong></p>

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