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StartseiteKultur heuteNestbeschmutzerin ausgezeichnet07.10.2004

Nestbeschmutzerin ausgezeichnet

Der erste Literaturnobelpreis für Österreich

<strong>Noltze: </strong> Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek, ist das für Sigrid Löffler eine Überraschung?

Sigrid Löffler im Gespräch

Elfriede Jelinek, Literatur-Nobelpreisträgerin 2004 (AP)
Elfriede Jelinek, Literatur-Nobelpreisträgerin 2004 (AP)

Löffler: Ja und Nein. Ganz ehrlich gesagt, vor zwei Jahren bin ich von schwedischer Seite gefragt worden, wen ich denn als österreichische Autorin empfehlen würde und da habe ich ihren Namen genannt. Und da habe ich schon geahnt, dass sie wohl auf der Shortlist steht, aber es kamen zwei noch dazwischen, nämlich Kertész und Coetzee. Aber beim dritten mal im dritten Jahr hat es dann doch geklappt.

Noltze: Was bedeutet das für die österreichische Literatur?

Löffler: Es ist, glaube ich, wenn ich richtig zähle, der erste Literaturnobelpreis für einen Österreicher, eine Österreicherin. Es ist eine ganz große Auszeichnung und ich finde eine sehr verdiente Auszeichnung. Es wird in Österreich, denke ich, einiges Zähneknirschen geben, denn man kann auch nicht leugnen, dass Elfriede Jelinek die am meisten angefeindete Person in gewissen österreichischen Medien ist. Für die Kronen-Zeitung ist sie geradezu die persona ingratissima.

Noltze: Wird sich das jetzt ändern?

Löffler: Ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil, ich denke, sie wird noch mehr angefeindet werden. Und wenn jemand, ein Österreicher, der mit den Österreichern streng ins Gericht geht, wie das die Elfriede Jelinek ja seit jeher tut, dafür außerdem noch vom Ausland den Applaus bekommt, dann gilt dieser Österreicher a priori als ein Nestbeschmutzer.

Noltze: In den ersten Reaktionen auf den Preis war auch gleich zu hören, es ist im Grunde erstaunlich, weil gerade das Werk der Jelinek ein schwer übersetzbares ist, das heißt schwer vermittelbar im internationalen Maßstab.

Löffler: Ja, das könnte ich mir so vorstellen, weil ja in ihren Texten sehr viel einfließt von Trivialliteratur, Trash, österreichische Zeitungen, Medien, die natürlich das schlimmste sind, was man sich überhaupt vorstellen kann. Alles das wird als Zitat in ihren Texten aufgenommen und wahrscheinlich ist es schwer zu übersetzen, weil wahrscheinlich im Ausland die Kontextualisierung schwer fällt. Das könnte ich mir schon denken. Andererseits, bei James Joyce sind auch sehr viele Dubliner Anspielungen, die man sich erst erschließen muss und trotzdem ahnt man doch auch als fremdsprachiger Leser einigermaßen, worum es geht.

Noltze: Glauben Sie, dass der Preis das Schreiben der Jelinek in irgend einer Weise verändern wird?

Löffler: Nicht im Geringsten. Diese Frau ist absolut unbestechlich. Sie hat ihre Sache gemacht und ist bei ihrer Sache geblieben, ob sie nun in Österreich angefeindet wird oder nicht, sie hat ihre Themen. Natürlich braucht sie Österreich, an dem sie wie jeder österreichische Intellektuelle in Hassliebe hängt. Das ist das Material aus dem sie ihre wirklich furorhaften Spracheruptionen bezieht. Das braucht sie als Anregungsmaterial und ich denke, der Preis wird für ihre Arbeit nicht das Geringste verändern.

Noltze: Freuen Sie sich?

Löffler: Ich freue mich enorm. Man hat doch wenige Autoren als Kritiker, die man von Anfang an begleitet, an die man von Anfang an glaubt, vom ersten Werk an, sozusagen und immer versucht auch zu vermitteln in der Öffentlichkeit, was diese Autorin tut. Wenn das dann bis zum Nobelpreis hinaus führt, ist das auch für den Kritiker eine große Genugtuung.

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