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StartseiteSprechstundeNetzhaut-Chip und Gentherapie20.03.2012

Netzhaut-Chip und Gentherapie

Spektakuläre Forschung zur Heilung von Blinden

Blinde wieder sehend zu machen ist ein uralter Menschheitstraum. An vorderster Forschungsfront wird an diesem Traum gearbeitet. Dazu gibt es zwei verschiedene Ansätze: Die Gentherapie und Netzhaut-Chips, die auf oder hinter der Netzhaut platziert werden.

Prof. Dr. med. Peter Walter im Gespräch mit Carsten Schroeder

Bei der Chip-Therapie werden Neuro-Implantate auf oder hinter der Netzhaut platziert (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Bei der Chip-Therapie werden Neuro-Implantate auf oder hinter der Netzhaut platziert (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Carsten Schroeder: Blinde wieder sehend zu machen, das ist ein uralter Menschheitstraum. Vielleicht wird er eines Tages Wirklichkeit. An vorderster Forschungsfront wird an diesem Traum gearbeitet. Es gibt zwei verschiedene Ansätze: Zum einen Netzhaut-Chips, kleine Neuro-Implantate, die auf oder hinter der Netzhaut platziert werden, eine künstliche Netzhaut sozusagen.

Zum anderen Gentherapie. Entweder in der Form, dass man gesunde Gene in betroffene Augenzellen einführt, oder in der Form, dass genetisch veränderte Zellen zu Produzenten von bestimmten Wirkstoffen werden, die direkt am Auge ansetzen.

Heute beginnt in Düsseldorf die Jahrestagung der Augenärztlichen Akademie Deutschland, am Telefon jetzt ist Prof. Peter Walter von der Universitätsaugenklinik in Aachen, Herr Prof. Walter, noch ist das spektakuläre Grundlagenforschung. Für wie realistisch halten Sie es, dass man blinden oder schwer sehgeschädigten Menschen wieder zum Sehen verhelfen kann?

Prof. Peter Walter: Es ist eigentlich keine Grundlagenforschung mehr, weil sowohl Netzhaut-Chips als auch Gentherapie mindestens im Rahmen von klinischen Studien bereits bei Patienten eingesetzt werden. Das heißt, wir haben schon die ersten Erfahrungen mit solchen Systemen.

Schroeder: Das sind klinische Studien, das heißt, dass es nicht für jeden Patienten wirklich einsetzbar ist. Auf welchem Weg wird man denn ihrer Meinung nach Patienten am ehesten helfen können? Mit Netzhaut-Chips oder mit Gentherapie?

Walter: Also ich glaube das kommt sehr darauf an, in welchem Stadium der Erkrankung der Betroffene ist und um was für eine Erkrankung es überhaupt geht. Beispielsweise, bei Kindern etwa, die blind geboren sind oder bei denen die Erblindung schon sehr sehr früh eingetreten ist, wird man wahrscheinlich mit dem Netzhautchips wenig machen können. Hier kommen eher gentherapeutische Verfahren in Betracht. Bei den sehr weit fortgeschrittenen Netzhautdegenerationen bei Erwachsenen ist aber möglicherweise die Chip-Therapie im ersten Ansatz besser als die Gentherapie.

Schroeder: Lassen Sie uns über diese Chip-Therapie sprechen. Da gibt es ja schon Tests mit. Was können denn die Patienten mit diesen Neurochips tatsächlich sehen?

Walter: Also sie können grobe Kontrastkanten zum Beispiel erkennen. Können einen schwarzen Gegenstand auf einer weißen Fläche wenigstens lokalisieren, manchmal auch erkennen. Sie können sehr große Buchstaben nach einer gewissen Zeit erkennen. Sie könne auch besser im Raum manövrieren, erkennen also Hindernisse im Raum. Solche Dinge gehen schon jetzt mit diesen Chips.

Schroeder: Und das sind Patienten, die vorher überhaupt nichts sehen konnten?

Walter: Korrekt. Das sind Patienten, die entweder gar kein Licht mehr wahrgenommen haben oder so eben noch leicht eine schwache Lichtscheinwahrnehmung hatten.

Schroeder: Was kostet sowas denn zur Zeit?

Walter: Es gibt jetzt ja ein Netzhaut-Chip-Produkt, das auf dem Markt erhältlich ist und da reden wir von Kosten von 75.000 Euro pro Implantat.

Schroeder: Sie haben noch den anderen Weg angesprochen: die Gentherapie. Wem könnte damit geholfen werden?

Walter: Hierbei geht es um Patienten mit sehr definierten Gen-Ausfällen, sozusagen. Mit Erkrankungen, die bereits sich in früher Kindheit manifestieren und früh schon zur Erblindung führen. Das ist die eine Möglichkeit, die Genersatz-Therapie. Die andere Möglichkeit ist, Produzenten von Stoffen durch veränderte Zellen in das Auge hineinzubringen. Das geht auch für degenerative Erkrankungen bei Nicht-Blinden oder bei Noch-Nicht Blinden, zum Beispiel.

Schroeder: Das hört sich sehr schwierig an. Lassen Sie uns das ein bisschen veranschaulichen: Da werden im Auge Stoffe produziert und die Produzenten sind die Zellen selbst, die gentherapeutisch verändert worden sind. Habe ich das so richtig beschrieben?

Walter: Genau. Bei einer Form dieser Gentherapie werden körpereigene Zellen genetisch verändert und diese Zellen werden in das Auge eingebracht. Es handelt sich um Zellen des Patienten selbst. Und diese Zelle produzieren dann einen Stoff, der im Auge sozusagen zu wenig ist und der dann heilenden Effekt auf die Erkrankung ausüben soll.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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