Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteCorso"Das Destruktive fehlt heute"14.08.2017

Neue Ausgabe der Pop-Zeitschrift "Testcard""Das Destruktive fehlt heute"

Die "Testcard" ist die Speerspitze der linken Pop-Kritik in Deutschland. Ist der Pop heutzutage überhaupt kritisch?, fragen sich die Macher in der aktuellen 25. Ausgabe. "Ein Großteil der Popkultur ist durchschnittliches Mittelmaß", sagte Mitherausgeber Roger Behrens im Dlf.

Roger Behrens im Gespräch mit Adalbert Siniawski

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Der Publizist, Autor und Journalist Roger Behrens. (Patricia Söhn / privat)
Der Publizist, Autor und Journalist Roger Behrens. (Patricia Söhn / privat)
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Adalbert Siniawski: 336 Seiten – ein gewohnt dickes Brett hat die Redaktion der Zeitschrift "Testcard" gebohrt; mit Dutzenden Artikeln zur Popgeschichte und –Gegenwart. Das ist zum einen interessant, weil die aktuelle Ausgabe schon im Jahr 2015 zum 20. Jubiläum der Zeitschrift erscheinen sollte und offenbar eine schwere Geburt war. Und zum anderen ist das Oberthema der jetzt erschienenen Nummer 25 interessant: "Kritik". "Ist Pop kritisch?", heißt es da. "Muss Pop kritisiert werden, und was heißt es eigentlich, ihn zu kritisieren?" Fragen, die ich auch dem Mitherausgeber Roger Behrens stellen möchte. Willkommen zum Corsogespräch.

Roger Behrens: Einen schönen guten Tag.

Siniawski: Zitat: "Es ist Zeit für eine Grundsatzdebatte. Es geht um die Möglichkeit wirklicher Kritik. Und um deren Sprechort." Ja, was ist denn wirkliche Kritik – und was nicht?

Behrens: Wirkliche Kritik wäre eine - das ist jetzt so ein bisschen banal etymologisch - die eben wirkt. Also, die einen gesellschaftlichen Einfluss hat, die in die Verhältnisse reingeht und versucht auch in irgendeiner Weise, diese Verhältnisse, um die es dann kritisch geht, zu gestalten.

"Es geht nur um Gesellschaftskritik"

Siniawski: Kritik an was – neuen Platten, der Musikindustrie, der populären Kultur, Gesellschaft?

Die aktuelle testcard Ausgabe #25:Kritik (Ventil Verlag)Die aktuelle testcard Ausgabe #25: Kritik (Ventil Verlag)Behrens: Das ist eben die große Frage, die versucht wird, mit diesem Themenheft anzugehen. Nämlich - kann man ja sagen - dass sich, abgesehen davon, dass es auch so was, wie eine spartenmäßige, ökonomische Kritik im Pop gibt. Dass sich ja die Popkritik als vielleicht auch Form der Gesellschaftskritik, der emanzipatorischen Kritik seit den - auch da haben wir bald ein Jubiläum - 1968ern verselbstständigt hat, das heißt aus der Gesellschaftskritik ist die Popkritik als Kulturkritik rausgeschoben worden. Und dann ist gar nicht mehr so klar, wenn man eben in irgendeiner Weise - müssen wir jetzt drüber reden, was das jetzt sein soll - Pop kritisiert, kritisiert man dann nur den Pop, die Musik, das popkulturelle Phänomen oder immer auch die Gesellschaft? Mein Standpunkt ist, es geht, wenn überhaupt, nur um Gesellschaftskritik.

"Man kommt in der Skandalisierung gar nicht mehr hinterher"

Siniawski: Sie schreiben in ihrem Aufsatz: "In der Gesellschaft des Spektakels ist Kritik unspektakulär geworden." Ich fand das einen schönen Satz, weil ich dachte dabei: Verfallen wir alle zu sehr dem Schein, dem Hype, dem um effektehaschenden Pop?

Behrens: So ist es. Und gleichzeitig muss man sehen, dass genau dieses effekteheischende im Pop auch schon in die Jahre gekommen ist. Also, das heißt es wird ja eben eine Jubiläumsnummer werden zum 20-jährigen Bestehen, und jetzt kann man natürlich rückfragen, wieso eigentlich zum Jubiläum dieses Thema Kritik, das hätte ja auch schon vorher kommen können. Das Thema Popkritik war ja eigentlich in den 90er-Jahren - '95 eben ist die "Testcard" gegründet worden - in den 90er-Jahren viel stärker. Das heißt, dieses Thema hat auch was Retrospektives, auch das wird in verschiedenen Beiträgen angegangen im jetzigen Heft.

Wir haben noch länger mit Roger Behrens gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Und dieses Spektakuläre, was ja nicht mehr spektakulär ist, ist sozusagen auch schon - zumindest für mich - Bestand einer Gegenwartsdiagnose, dass man gewissermaßen auch in der, wie soll man sagen, also in der Skandalisierung von kritischen Themen gar nicht mehr hinterherkommt. Also man kann überhaupt nichts Kulturelles oder wie auch immer, Gesellschaftliches setzen, was in irgendeiner Weise auch irritierend ist, was vorgegebene Meinungen oder vielleicht auch neue Meinungen irgendwie durcheinanderbringt oder überhaupt bricht, einbricht, durchbricht.

"Es passiert kaum noch etwas interessantes in der Popkultur"

Siniawski: Wo sehen Sie das? Geben Sie ein Beispiel, bitte.

Behrens: Ach, die Beispiele sind so vielfältig. Die fangen damit an, dass ein Großbestand der Popkultur durchschnittliches Mittelmaß ist, dass kaum noch etwas Interessantes passiert, dass auch die Versuche, das Interessante in Spuren zu suchen, in der Vergangenheit, eigentlich ins Leere laufen.

Siniawski: Der verstorbene Mitbegründer Martin Büsser war lange Jahre die Galionsfigur der Popkritik, der linken Popkritik. Das Geflecht: Musikjournalismus und Musikindustrie war Büsser ein Dorn im Auge. Nach einem deftigen Verriss von ihm in der "Intro" hatte das Blatt Ärger mit der Plattenfirma. Danach soll er gesagt haben: "Dieser Betrieb kotzt mich an." Wie abhängig ist diese Plattenkritik von der Industrie?

Behrens: Also, die Kritik ist insofern von der Industrie abhängig, als dass die Kritik innerhalb der Musikindustrie, innerhalb jetzt im allerweitesten Sinne Kulturindustrie ihre Funktion hat als Werbung, als Reklame. Und, es gibt da eben die Geschichte, die Martin Büsser anders erzählt hat, mit anderen Nuancen, als ich sie erzählen würde, dass es gegen diese Musikindustrie, vor allen Dingen seit den späten 70er-Jahren, eine, wie auch immer, DIY-Kultur, Subkultur, auch einen eigenen, popkulturellen Markt gegeben hat, wo eben versucht wurde, eben zum Beispiel auch im Hinblick auf Kritik, eine Eigenständigkeit zu erlangen. Das gilt für die Bundesrepublik im ganz starken Maße, wenn man sich eben so eine Zeitschrift wie "Spex" ansieht und die entsprechenden Diskurse, die da herum entstanden sind.

Jetzt hat sich aber schnell gezeigt, dass diese Eigenständigkeit eigentlich immer Schein war. Also dass eben, wenn man eine Zeitschrift macht, es abhängig ist von Anzeigen, die geschaltet werden und so weiter, Sie haben das Beispiel genannt, die "Testcard" hat versucht, sich davon immer freizuhalten. Das hat natürlich seinen Preis. Ein Preis ist der, dass wir jetzt - das ist auch mit ein Grund dafür - mit zweijähriger Verspätung erscheinen, weil es eben auch ein finanzieller Akt ist, so was auf die Beine zu stellen wie die "Testcard".

"Es ist ein Bruch mit dem, was in den 90ern war"

Siniawski: In den 90er-Jahren wurde der Pop "salonfähig": er wurde historisiert, akademisiert, musealisiert – und auch das Feuilleton hat sich der Popkultur geöffnet und die Popkritik für sich reklamiert. Heutzutage ist zum Beispiel der neue "Superman"-Blockbuster der Aufmacher im Kulturteil der "Süddeutschen". Warum braucht es da noch eine "Testcard"?

Behrens: Ich könnte da jetzt so ein bisschen marktlogisch drauf antworten im Sinne der Eigenwerbung. Das will ich gar nicht tun, sondern ich will eigentlich die Frage zurückgeben. Ich weiß es nicht. Und das ist auch Bestandteil eben dieses Problems, was wir als Kritikproblem behandeln, nämlich, wenn man sich noch mal - also ich erwähne noch mal den Namen Büsser, der ja eben sehr stark verbunden ist mit Punk-Rezeptionen - mit überhaupt einem, das ganze "Testcard"-Projekt stand ja eigentlich unter dem Vorzeichen mit einem Kulturpopbegriff, der was zu tun hat, mit dem, was eben sperrig ist, was Skrupel hat, was sozusagen Stolpersteinchen kennt und damit auch operiert.

Wenn man sich jetzt das Inhaltsverzeichnis der aktuellen "Testcard" ansieht, wird man sehen, zumindest allein von den Titeln ist das schon auch ein Bruch mit dem, was in den 90ern war. Also, wenn man das so will, die erste Ausgabe, die wir gemacht haben oder die - ich war damals noch nicht dabei, war erst ab Ausgabe drei dabei - aber die erste Ausgabe war zum Thema Pop und Destruktion. Wenn man so will, ist das auch schon eine Ausgabe zum Thema Kritik, also dieses Destruktive, das fehlt heute. Also das fehlt auch insofern - wenn man sich das Inhaltsverzeichnis jetzt der aktuellen Nummer 25 ansieht - das fehlt auch insofern, als dass man sich fragen kann: Wo ist dieses Destruktive geblieben?

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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