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Neue Studie prognostiziert verheerenden Meeresspiegelanstieg

Ozeanograf: Globale Erwärmung beschleunigt den Prozess

Stefan Rahmstorf im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Für Inseln wie Sylt hätte der Meeresspiegelanstieg dramatische Folgen.
Für Inseln wie Sylt hätte der Meeresspiegelanstieg dramatische Folgen. (Sylt Marketing GmbH)

Selbst bei einer Verringerung der Treibhausgasemission wird der Meeresspiegel bis zum Jahr 2300 zwischen eineinhalb und vier Meter ansteigen, so Stefan Rahmstorf. Für Inselstaaten und Küstenstädte bedeute dies eine Gefährdung ihrer Existenz, sagt der Professor für die Physik der Ozeane an der Universität Potsdam und einer der Autoren der Studie.

Susanne Kuhlmann: Die Treibhausgase von heute sind die bestimmenden Faktoren für das Abschmelzen von Eisflächen und den Anstieg des Meeresspiegels morgen. Wie sich beides im einzelnen entwickeln könnte, das haben Klimaforscher und Ozeanographen erneut berechnet. In einer gerade in der Fachzeitschrift "Nature Climate Change" veröffentlichten Studie wagen sie neue Vorhersagen für die kommenden 300 Jahre. Einer der Autoren ist Stephan Rahmstorf, Professor für die Physik der Ozeane an der Universität Potsdam und dort am Institut für Klimafolgenforschung beschäftigt. Ich habe mit ihm kurz vor der Sendung gesprochen und fragte zunächst, wie es möglich ist, Daten für einen derart langen Zeitraum zu prognostizieren.

Stephan Rahmstorf: Der Meeresspiegel ist eine sehr langsam reagierende Komponente des Klimasystems, einfach weil es sehr lange dauert, bis Landeismassen, zum Beispiel die Gebirgsgletscher oder die Eisschilde in Grönland und der Antarktis, abschmelzen, wenn es wärmer wird. Und deswegen muss man eben auch diese sehr langen Zeitskalen berücksichtigen, wenn man die Folgen der globalen Erwärmung auf den Meeresspiegel untersucht.

Kuhlmann: Hat man das in den bisherigen Studien denn nicht untersucht?

Rahmstorf: Es gab schon solche Projektionen für mehrere Jahrhunderte, die aber auf Abschätzungen beruhten, wie die beiden großen Eisschilde sich verhalten könnten, wie die Gebirgsgletscher sich verhalten, wie stark das Meerwasser sich ausdehnt bei der Erwärmung. Jetzt haben wir aber eine neue Methode, die darauf beruht, dass man schaut, wie eigentlich in der Vergangenheit der Meeresspiegel auf globale Temperaturänderungen reagiert hat.

Kuhlmann: Woran kann man erkennen, wie der Meeresspiegelanstieg vor langer Zeit verlaufen ist?

Rahmstorf: Diese Meeresspiegelentwicklung kann man an Ablagerungen in Salzmargen an der Küste erkennen, wo Bohrkerne in den Torf hineingebohrt werden, und dann sieht man eben, dass der Meeresspiegel im wesentlichen stabil war in den letzten 1000 Jahren. Es gab einen langsamen Anstieg zwischen dem Jahr 1000 und 1400 nach Christus im Zuge der mittelalterlichen Warmperiode, dann gab es wieder mehrere Jahrhunderte stabilen oder sogar leicht sinkenden Meeresspiegel, bis dann seit Ende des 19. Jahrhunderts dieser steile Anstieg im Zuge der aktuellen globalen Erwärmung zu verzeichnen ist.

Kuhlmann: Kommen wir einmal zu den Ergebnissen. Wie sehen die Szenarien für den Fall des weiteren Anstiegs von Treibhausgasemissionen denn aus?

Rahmstorf: Also wir kommen selbst bei stark begrenzter Treibhausgasemission, nämlich wenn es gelingt, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, auf einen Meeresspiegelanstieg zwischen eineinhalb und vier Metern bis zum Jahr 2300. Es war bisher schon bekannt, dass über mehrere Jahrhunderte wahrscheinlich mehrere Meter Anstieg zu erwarten sind, und das bestätigen wir hier noch mal quantitativ, eben geeicht an den vergangenen Daten.

Kuhlmann: Was könnten die konkreten Folgen sein für besonders gefährdete Regionen der Welt?

Rahmstorf: Bei einem Meeresspiegelanstieg in dieser Größenordnung ist es eigentlich in den meisten Gegenden sehr schwer, sich dagegen zu verteidigen mit Deichen. Man wird dort sicher deutliche Landverluste hinnehmen müssen. Das bedeutet für kleine Inselstaaten, dass ihre Existenz tatsächlich gefährdet ist, um es mal vorsichtig zu formulieren, aber auch große Küstenstädte. Diese neuen Zahlen, die zeigen eben nochmals, dass es sicherlich unmöglich sein wird, sich erfolgreich an die globale Erwärmung anzupassen, wenn man nicht gleichzeitig sehr rasch den Ausstoß von Treibhausgasen reduziert, um diesen Meeresspiegelanstieg eben so gering wie möglich zu halten. Allerdings ist es so, dass Begrenzung der Erwärmung auf zwei Grad, wie es derzeit das Ziel der Klimapolitik ist, nicht ausreichen wird, um hier einen verheerenden Meeresspiegelanstieg zu verhindern, sondern man muss praktisch die Temperatur noch niedriger halten. Wir haben hier auch ein Szenario durchgerechnet, wo die Erwärmung auf eineinhalb Grad begrenzt wird – auch das ist ja noch international in der Diskussion und das, was die kleinen Inselstaaten fordern -, und damit kann man den Meeresspiegel noch deutlich niedriger halten in den kommenden Jahrhunderten.

Kuhlmann: Wie stark der Meeresspiegel ansteigen könnte, das ist ja das eine, was Sie in Ihrer Studie versuchen, zu berechnen und darzustellen. Wie schnell das Ganze passiert, das ist aber auch wichtig.

Rahmstorf: Ja. Das hängt damit zusammen, dass man sich an einen langsameren Anstieg natürlich besser anpassen kann, und wir haben heute ja einen Anstieg von etwa drei Zentimetern pro Jahrzehnt in den letzten Jahrzehnten. Aber wenn wir eben eine globale Erwärmung haben, die weiter fortschreitet, wird dieser Anstieg schneller werden, einfach weil Eismassen natürlich schneller abschmelzen, je wärmer es wird, und wir können da problemlos auf zehn Zentimeter pro Jahrzehnt kommen, und das erschwert eben eine Anpassung doch ganz erheblich.

Kuhlmann: Soweit Stephan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung über eine neue Studie zum möglichen Anstieg des Meeresspiegels.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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