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StartseiteBüchermarktDer Siegeszug des lauwarmen Komforts07.11.2013

Neues Buch von Bruce BégoutDer Siegeszug des lauwarmen Komforts

Der französische Philosoph Bruce Bégout entführt die Leser in seinem Buch "Motel. Ort ohne Eigenschaften" in die manchmal zwielichtige und gleichzeitig sinnleere Welt der Motels. Er legt mit seinem klar strukturierten, dosiert ausufernden Essay das Standardwerk zum Thema vor.

Von Tabea Soergel

Blick auf ein Motel und den Parkplatz davor, rechts im Vordergrund parken zwei Autos vor einem braun-weißen Haus, links daneben weht eine USA-Flagge an einem Fahnenmast, links im hinteren Teil des Bildes ein rot-weißes Gebäude. (Michael Lange)
Motel zwischen Madison und Sioux Falls im US-Bundesstaat South Dakota (Michael Lange)
Weiterführende Information

Ein Kreuzungspunkt der Sehnsüchte

"Blue Lagoon, Chuckwagon, Desert Inn, Lucky Star, Saguaro, El Rey, Belvedere, Sky Harbor, Earthquake - Namen in bunten Leuchtbuchstaben sprühen Funken im Schwarz der Nacht. Ein riesiger Kaktus ragt über der Fahrbahn auf, eine Pferdekutsche verschwindet in der Dämmerung, hinterdrein ein Indianer mit stechendem Blick; ein Feuervogel spannt seine schillernden Flügel. Namen und Gestalten verzieren die Neonschilder der Motels, die entlang der Bundesstraßen den vorbeifliegenden Karneval der Stadt bilden."

Das Werbeschild ist der einzige Exzess, den sich ein Motel leistet. Abgesehen davon ist es charakterlos und austauschbar, mehr Transitraum als fester Ort. Wer einen Beherbergungsbetrieb für Autoreisende ansteuert, will auch keinen Firlefanz, sondern schlicht ein Bett für die Nacht, frische Handtücher und einen Fernseher. Und exakt das ist es, was er bekommt, in jedem Motel auf dem nordamerikanischen Kontinent. „Um böse Überraschungen zu vermeiden“, schreibt Bruce Bégout an einer Stelle, „beseitigt man nicht das Böse, sondern die Überraschungen.“ Und so ist das Motel ein Paradebeispiel für die unaufhaltsame Uniformisierung und Rationalisierung der Welt: der Siegeszug des lauwarmen Komforts.

„Die Lust kennt hier keine eigentlich positive Bestimmung, sondern wird vielmehr über einen Mangel erfahren: weder Sorge noch Hindernis. Sie besteht in der Befreiung von allem Schmerz. Reinheit ist nur durch Reinigung möglich. Auf einer solchen Feindseligkeit gegenüber jedweder Form von Unannehmlichkeit und Unbehagen fußend, bieten die verschiedenen Franchising-Motelketten ein Gleichgewicht aus Begehren und Bedürfnis. Der Gast wird befriedigt und soll also glücklich sein; er wird ein 'Gefühl des Wohlseins bar jeder Besorgnis und Furcht' (...) empfinden, da er schon im Voraus weiß, was er erleben und konsumieren wird.“

Bégouts Hauptinteresse gilt dem Menschen, der im Motel absteigt: dem Prototyp des modernen Stadtbewohners, der sich ganz dem Mobilitätsgebot des Markts unterwirft und allabendlich nervös auf Geräusche aus dem Nebenzimmer lauscht. Der einsame Gast im Motelzimmer ist der Ausgangspunkt, auf den Bégout immer wieder zurückkommt. In elf Kapiteln beleuchtet er das Motel unter den Gesichtspunkten der Architektur, Urbanistik, Kunst oder Ökonomie. Von der präzisen, oft auch poetischen Beschreibung eines trivialen Einzelaspekts aus schwingt sich Bégout zu hochkomplexen Analysen und Ableitungen auf, die dem Leser viel abverlangen, nicht zuletzt messerscharfe Konzentration. Der Lohn sind verblüffende Erkenntnisse. So erläutert Bégout etwa im Zusammenhang mit dem Phänomen der Massenproduktion, zu deren frühesten Hervorbringungen das Motel zählt, dass auch Serienmörder nur „Grundprinzipien der amerikanischen Verkaufsökonomie“ beherzigten:

„In diesem Sinne tut auch der Serienmörder eigentlich nichts anderes als das, was McDonald's oder Taco King Tag für Tag vollbringen: Er verbreitet überall sein Markenzeichen und bietet seiner Kundschaft einen einzigen, gut wiedererkennbaren Artikel. Im Grunde lebt er ausschließlich von der Sichtbarkeit seines Markenzeichens. (...) Zwar entführt er seine Opfer, hält sie gefangen und ermordet sie schließlich, versteckt dann die Leichen oder lässt sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt in einem Gebüsch oder Abfallcontainer zurück, doch weicht er dabei niemals von einer bestimmten Machart ab, die seine ganz spezifische Handschrift ist. An seinem Vorgehen fällt vor allem sein Wille auf, überall und vor allem auf dem Fleisch seiner Opfer sein Markenzeichen anzubringen, wie um seine offizielle Antwort auf die von der Stadt diktierten Vorschriften darin einzutragen: Wiedererkennbarkeit.“

Regelmäßig kehrt Bruce Bégout zur konkreten Situation im Motelzimmer zurück. Obgleich er unermüdlich die beispiellose Banalität des Motels betont, fesselt ihn doch spürbar die Beunruhigung, in die der Gast während einer dort zugebrachten Nacht geraten kann. Es muss an der völligen Sinnleere des Orts liegen: Denn wo nichts ist, da ist potenziell alles möglich. Gerade die Monotonie und Isolation eines Motelzimmers ermöglicht aber auch eine individuelle Freiheit, die innerhalb der Gesellschaft fast undenkbar geworden ist. Nicht ohne Grund ziehen Motels neben erschöpften Reisenden eine prekäre, halbseidene Klientel an, vom Drogenschmuggler bis zur Prostituierten, die die Anonymität schätzt; vielleicht ist das Bild vom Motel als kriminellem Unterschlupf aber auch nur ein suburbaner Mythos. Bégout spielt mit den Legenden, die sich um das Motel ranken. Die Szene, in der er den atemlosen Motelgast am Türspion beschreibt, vor dem rein gar nichts passiert, gehört zu den schönsten Schilderungen des Buchs.

„Gerade in diesem winzigen Guckloch können jederzeit Überraschung und Schrecken auftauchen. Wir fühlen uns unwiderstehlich von dem Spion angezogen, wir kleben sozusagen an ihm und verbringen ganze Nächte damit, unbeweglich und still auf die geringste Bewegung draußen zu lauern. Nicht dass wir unbedingt meinten, dass das Leben der anderen eigentlich interessanter ist als unser eigenes. Eher liegen wir ewig auf der Lauer, um unsere vollkommene Übereinstimmung mit dem auszukosten, was das moderne Zeitalter wesentlich bestimmt: die Spionage. Darum können wir uns des Gedankens nicht erwehren, dass dieses winzige und vertraute Requisit sinnbildlich für unser aller Leben steht.“

Bruce Bégout beweist mit seinem klar strukturierten, dosiert ausufernden Essay, dass das Motel schon immer viel mehr als ein schnödes Billighotel mit guter Parkmöglichkeit war - und legt mit seinem Buch gleich das Standardwerk zum Thema vor. Die Lektüre fordert viel vom Leser, weil sie philosophisch geschultes Denkvermögen voraussetzt. Dafür ist sie aber auch ungemein inspirierend. Und als Belohnung kommt es am Ende des Buchs doch noch zur direkten Begegnung mit dem rätselhaften Wesen aus dem benachbarten Motelzimmer.

„Linda F., Angestellte des Bodenpersonals am Flughafen von Chicago: 'Was soll ich Ihnen darauf denn antworten. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Sagen wir, dass ich mir nicht groß den Kopf zerbreche und immer das Motel aussuche, das am nächsten am Autobahnkreuz und an den Fast-Food-Restaurants liegt. Ich habe bei drei Motelketten eine Treuekarte. Also gehe ich von einem zum anderen und lasse die Konkurrenz spielen. Manchmal bekomme ich einen super Rabatt, sogar in der Hochsaison.'“

„Motel. Ort ohne Eigenschaften“ von Bruce Bégout, erschienen bei Diaphanes. Das Buch hat 240 Seiten und kostet 17,95 Euro.

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