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'Nicht in meines Bruders Namen' - 11. September 2002

Ein Jahr nach den Terroranschlägen - Stimmen und Stimmungen in den USA

Michael Kleff

<em>Es war, als ob ein schwerer Güterzug die Gleise entlang poltert, nur viel intensiver. Alles bewegte sich wie in Zeitlupe. Mir kam es vor, als ob ich meinen Körper verlassen hätte und mich selber dabei beobachte, wie ich sehe, dass das Gebäude zusammenstürzt.</em>

Dieses Bild geht David Handschuh, Fotoreporter der New York Daily News, nicht aus dem Kopf, wenn er an den 11. September des vergangenen Jahres denkt.

Gedenkveranstaltungen aller Art jagen sich förmlich in diesen Tagen in New York. Eine Ausstellung hier, eine Rundfunk- oder Fernseh-Sendung dort. Memorials aller Art – der englische Begriff bezeichnet das amerikanische Ritual des Gedenkens treffender als seine deutschsprachige Entsprechung "Gedächtnisstätte" – verwandeln die Stadt in eine Art Disney-Trauerland. Vor allem die Medien inszenieren fast rund um die Uhr die kollektive Erinnerung. Erinnerungsorte, so der französische Historiker Pierre Nora, vermögen das Geschehene für uns zu ordnen – und die bösen Geister sogar in Wohlgefallen aufzulösen. Objekte wie Engel, Blumen, World Trade Center-Repliken und Helden-Porträts sind die Symbole der Erinnerung an getötete Verwandte, Freunde und Helfer. Nach der Losung "Gemeinsam getragenes Leid ist halbes Leid", ist der Ausspruch "United we stand!" zum Slogan einer ganzen Nation geworden. Die öffentliche Stimmung ist geprägt von einer Mischung aus Trauer und breiter Unterstützung für US-Präsident Bush.

Bei den unzähligen offiziellen Gedenkfeierlichkeiten zum Jahrestag der Terroranschläge in den USA bestimmen Songs wie "God Bless America" das Bild – auch wenn in diesem Jahr anders als eben vor einem Jahr nicht Rudolph Giuliani die Einführung sprechen wird, sondern dessen Nachfolger im Amt des New Yorker Bürgermeisters – Michael Bloomberg. New York City begeht den Jahrestag der Terroranschläge in dieser Woche mit einer Vielzahl kultureller Veranstaltungen – sie füllten am vergangenen Wochenende zwölf Seiten einer Sonderbeilage der New York Times. Die Theateraufführungen, Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Diskussionen, Gedenkgottesdienste und all die vielen anderen Veranstaltungen stehen alle unter einer einzigen Überschrift: "Erinnern – Nachdenken – Erneuern". Die Fülle der kulturellen Angebote sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Kulturszene noch lange nicht von den Auswirkungen der Ereignisse vom 11. September des vergangenen Jahres erholt hat, sagt Harold Leventhal, ein 83jähriger Impressario und Kultur-Manager, der schon seit 60 Jahren am Broadway arbeitet:

Noch immer zögern viele Menschen, die außerhalb von New York City wohnen, zu Abendveranstaltungen in die Stadt zu kommen. Diese Zurückhaltung hat natürlich Einfluss auf die wirtschaftliche Lage von Theatern und Konzertveranstaltern. Nur wenn es sich um einen ausgesprochenen Renner handelt, kommen die Leute. Wobei man folgendes wissen sollte: ich bereite gerade ein Konzert in der Carnegie Hall vor. 2.700 Menschen aus einem Einzugsbereich von 50 Millionen bräuchte ich dafür mindestens. Und so viele werden sich allemal finden, die sich nicht von irgendwelchen Ängsten abhalten lassen und kommen werden.

Während in den ersten Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center auch die meisten Künstler und Intellektuellen von einer patriotischen Welle erfasst waren, stellt Harold Leventhal mittlerweile einen deutlichen Stimmungsumschwung fest:

Was die Inhalte kultureller Veranstaltungen angeht, werden die Aussagen zunehmend kritischer. Vor allem gegenüber unserer Regierung, wie sie die Probleme anpackt und dabei Freiheiten von amerikanischen Bürgern einschränkt. Und das ist etwas, was die Amerikaner überhaupt nicht mögen. Sie beharren auf ihrem Recht der freien Meinungsäußerung. All das, was die Regierung derzeit propagiert, trifft deshalb jetzt zunehmend auf Widerstand.

In dem Text "Not In My Name" von Saul Williams heißt es zum Beispiel:

Wir glauben als Bürger der Vereinigten Staaten, dass es unsere Pflicht ist, uns gegen das Unrecht zu wehren, dass unsere Regierung in unserem Namen begeht. Nicht in unserem Namen darf unaufhörlich Krieg geführt werden. Es darf keine Toten mehr geben. Kein Blutvergießen für Öl. Nicht in unserem Auftrag und nicht in unserem Namen. Wir verpflichten uns zum Widerstand. Wir verpflichten uns zum Bündnis mit denjenigen, die nur wegen ihrer Religion oder wegen ihrer Rasse angegriffen werden, oder weil sie sich gegen den Krieg aussprechen. Wir verpflichten uns, uns für dieses Anliegen mit den Menschen in aller Welt zu verbünden, um Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden zu bringen. Eine andere Welt ist möglich. Und wir verpflichten uns, sie Wirklichkeit werden zu lassen.

"Nicht in unserem Namen". Diese Verpflichtungserklärung des Schauspielers und Musikers Saul Williams haben seit dem Sommer Tausende von Menschen in den USA unterschrieben, um ihren Unmut über die Art der staatlichen Reaktion auf die Terroranschläge des vergangenen Jahres deutlich zu machen. Weitgehend unbeachtet von den Mainstream-Medien gibt es mittlerweile in den USA ein weit verzweigtes Netz von Organisationen, die sich gegen einen möglichen Krieg mit dem Irak und gegen die Gefahr aussprechen, dass der von Washington verkündete "Kampf gegen den Terrorimus" zum Abbau demokratischer Rechte missbraucht werden könnte. Für Medea Benjamin, Leiterin der in San Francisco ansässigen Organisation "Global Change", ist daher der 11. September nicht nur ein Tag der Erinnerung an die Opfer der Terroranschläge:

Es gibt so viele Möglichkeiten, den 11. September zu nutzen, um seinen Wunsch nach Frieden auszudrücken. Der 11. September ist der Tag, an dem ein Herbst voller Aktivitäten beginnt, die unserem Protest gegen die Bush-Regierung im ganzen Land eine neue inhaltliche und zahlenmäßige Dimension verleihen. Wir müssen eine Friedensbewegung schaffen, die dem Ausmaß der Krise angemessen ist, der wir ins Auge sehen. Wir haben nicht viel Zeit. Und all die Ängste, die viele von uns vor möglichen Reaktionen der Regierung haben, sollen uns nur davon abhalten, etwas zu unternehmen. Diese Ängste müssen wir überwinden und an die Menschen in aller Welt denken, die mit viel größeren Problemen zu kämpfen haben als wir. Wir müssen der Welt zeigen, dass es eine amerikanische Friedensbewegung gibt.

Bei ihren Aktionen setzen die verschiedenen Friedensinitiativen und Bürgerrechtsgruppen auf Phantasie. Um gegen die Politik von US-Präsident Bush zu demonstrieren, ließ etwa Mitte vergangener Woche Ben Cohen, Mitbegründer der durch ihre politischen Aktionen bekannt gewordenen Eiscremekette Ben & Jerry´s und Präsident von Business Leaders For Social Priorities, einem Netzwerk sozial engagierter Unternehmer, drei überdimensionale Sparschweine unterschiedlicher Größe durch den New Yorker Stadtteil Manhattan ziehen:

Das riesige Sparschwein symbolisiert den Pentagon-Haushalt. Ein kleines den Bildungsetat. Und dann ist da ein winzig-winzig-kleines Sparschwein, das für die Ausgaben für humanitäre Hilfen im Ausland steht. Wir machen uns Sorgen um die Prioritäten in unserem Haushalt, was durch diese Demonstration eindrucksvoll veranschaulicht wird. Es ist schon unglaublich, dass die drei zur sogenannten Achse des Bösen gehörenden Staaten zehn Milliarden Dollar für das Militär ausgeben und die USA dazu gebracht haben, dafür soviel Geld wie für die frühere Sowjetunion einzuplanen – rund 350 Milliarden.

Für sein grundsätzliches Anliegen – andere Prioritäten für den Staatshaushalt, weniger Geld für Waffen, mehr für soziale Ausgaben, ist der Unternehmer Ben Cohen sogar ins Studio gegangen, um den Song "Move Our Money" aufzunehmen. Mit einer neuen Kampagne – True Majority – Die echte Mehrheit – will er nun nachweisen, dass die Regierung in Washington Unrecht habe, wenn sie behauptet, die Mehrheit des amerikanischen Volkes unterstütze alle Maßnahmen des weißen Hauses im Kampf gegen den Terrorismus.

Kritik gegen Washington wird jedoch nicht nur von den usual suspects geäußert – den sogenannten "üblichen Protestlern" also, die traditionell bei jeder Demonstration anzutreffen sind. In der Organisation "September Eleventh - Families For Peaceful Tomorrows" haben sich Angehörige von Opfern der Terroranschläge zusammengeschlossen, die es ablehnen, als Kronzeugen für die ihrer Ansicht nach falsche Politik der US-Regierung in Anspruch genommen zu werden. Eine von ihnen ist die New Yorkerin Rita Lasar, die ihren Bruder Abe im World Trade Center verlor:

Und dann erwähnte Präsident Bush seinen Namen in seiner Ansprache an die Nation und nannte ihn einen Helden. Da begriff ich, dass meine Regierung meinen Bruder als Rechtfertigung benutzte, um andere Menschen zu töten. Das hatte eine gewaltige Auswirkung auf mich. Das wollte ich nicht. Nicht im Namen meines Bruders.

Welche Rolle spielen Kunst und Kultur nach und im Umfeld der Terroranschläge in den USA? Die New Yorker Schriftstellerin Kelly Cherry fühlt sich dabei an die Frage von Theodor Adorno erinnert, ob Kunst nach dem Holocaust überhaupt noch denkbar sei. Kelly Cherry konnte lange Zeit nach den Ereignissen im vergangenen September keine einzige Zeile zu Papier bringen. Erst als der Herausgeber eines Sammelbandes zum Thema "11. September 2001 – Amerikanische Autoren antworten" sie ansprach, entschloss sie sich mitzumachen – und beschrieb letztlich bewusst ihre Unfähigkeit, überhaupt etwas zu schreiben:

Mein Eid als Schriftstellerin: Ich will Dinge aussprechen und dabei die Wahrheit sagen. Ich glaube an die Macht des Wortes, Probleme zu benennen, sie zu lösen und zu heilen. Es gibt nichts, was man nicht herausfinden kann; nichts, was man nicht aussprechen kann. Daran glaube ich. Und doch stehe ich ohne Worte da.

"Die nackten Tatsachen trotzen der Poesie. Sie verspotten die Melodie. Es gibt keinen Song." - Dieses Gefühl ihres Liedermacherkollegen Richard Julien empfand in einer ersten Reaktion auch der New Yorker Singer- und Songwriter-Star Suzanne Vega. Die Künstlerin lebte viele Jahre nur wenige Straßen vom World Trade Center entfernt. Mit einer Gruppe von Liedermacher-Kollegen aus dem Künstlerviertel Greenwich Village hat sie jetzt ein Album mit dem Titel "N.Y. Songs Since 9/11" herausgebracht. Dabei dominieren, wie auch bei ihrem Song "It Hit Home", persönliche Gefühle angesichts des hautnah erfahrenen Terrors. So kam Jeff Hardy, ein langjähriger musikalischer Partner von Suzanne Vega, im World Trade Center ums Leben. Die jetzt auf einmal aufkommende Flut künstlerischer Stellungnahmen – ob in der Literatur, im Theater, im Film oder in der Musik – erläutert Suzanne Vega so:

Fast nie schreibt man einen Song über einen schönen Tag oder ein gutes Essen. Dinge, die einem Probleme bereiten, regen an. Und diese Sache beschäftigt viele Leute. Deshalb gibt es derzeit soviel Kunst. Es ist eine Möglichkeit, Sinn in etwas zu entdecken, was keinen Sinn macht. Die Funktion von Kunst ist, etwas zu strukturieren, was sich eigentlich nicht strukturieren lässt.

Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist ein Multimilliardär Bürgermeister von New York. Alle dachten, dass Michael Bloomberg es schwer haben würde, die Nachfolge von Rudy Guiliani anzutreten, des Helden vom 11. September.

Es stellte sich aber bald heraus, dass große Teile der Stadt froh waren, einen Bürgermeister zu haben, dessen Polizei keine schwarzen Einwanderer erschießt, der keinen Hotdog-Verkäufer schikaniert, Journalisten anschreit, Museen zensiert, Dollarmillionen für Sportstadien am Stadtparlament vorbeibugsiert oder mit seiner Geliebten Mafiafilme guckt, während die Ehefrau in die oberen Stockwerke der Bürgermeistervilla verbannt ist.

Das schrieb die Frankfurter Rundschau schon wenige Monate nach Bloombergs Amtsantritt. Bürgermeister Bloomberg will Harmonie verbreiten und New York als liebenswert und erfolgreich verkaufen. Keine leichte Aufgabe angesichts des Schuldenbergs und der rapide steigenden Arbeitslosigkeit in der Stadt, sagt Peter Applebome, leitender Lokalredakteur der "New York Times":

Die Wirtschaft steht ganz oben auf der Prioritätenliste. New York hat finanziell enormen Schaden erlitten. Der städtische Haushalt ist völlig überzogen. Niemand hat ein Patentrezept, um dieses Problem zu lösen. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Dann gibt es ein psychologisches Problem. Musste Bloomberg doch in die Fußstapfen von Bürgermeister Guiliani treten, der zumindest in der letzten Phase seiner Amtszeit zu einer verehrten Persönlichkeit geworden ist. Die Stadt durch diese harten Zeiten zu bringen, stellt Bloombergs Führungsqualitäten auf die Probe. Und seine Fähigkeiten als Politiker, der er ja vorher nie war. Mit diesen beiden Herausforderungen muss er fertig werden.

Und dann steht da auch noch der Wiederaufbau des Geländes auf der Tagesordnung, wo einst die Türme des World Trade Center in den Himmel ragten. Das Votum von 5000 New Yorkern, die im Juli bei der ganztägigen Bürgerbefragung "Listening to the City" über die ersten Entwürfe für die Neubebauung von Ground Zero abstimmten, war eindeutig. Alle sechs vorgelegten Entwürfe fielen durch – zu dicht, zu provinziell und nicht visionär genug, lautete die Kritik. Seitdem vergeht kein Tag, an dem nicht Zeitungskommentatoren, Leserbriefschreiber und Experten ihre Vorstellungen präsentieren. Die Bewohner von China Town, die wirtschaftlich am stärksten von dem Anschlag betroffen sind, wollen in die Planungen einbezogen werden, Kulturinstitutionen wie die städtische Oper melden sich als mögliche Kandidaten für das Gelände. Und das ist nur eine kleine Auswahl all jener, die inzwischen ihre Ansprüche anmelden, weiß Peter Applebome:

Es gibt da so viele Interessen und auch emotionale Gesichtspunkte, die beachtet werden müssen. Aber der politische Entscheidungsprozess ist im Gange. Und man muss den Politikern zugute halten, dass sie zurück an den grünen Tisch gegangen sind und gesagt haben: ‚Was wir ursprünglich vorhatten, geht so offenbar nicht.’ Unterschiedliche Interessen stehen miteinander im Wettbewerb. Da sind die Hafenbehörde und die Besitzer des Geländes. Sie wollen etwas, was das enorme wirtschaftliche Potential ausschöpft. Immer mehr New Yorker Bürger dagegen möchten soviel wie möglich von dem World Trade Center-Gelände als Denkmal erhalten. Und es gibt bereits eine einflussreiche Lobby - der ehemalige Bürgermeister Guiliani gehört dazu – die genau diese Pläne unterstützt. Wir stehen also am Anfang eines langen und komplizierten politischen Entscheidungsprozesses. Der erste Versuch hat sich als Fehlschlag erwiesen. Mehr oder weniger müssen wir jetzt von vorne beginnen.

Die vom Staat New York vor einem knappen Jahr gegründete Behörde zum Wiederaufbau des verwüsteten Areals hat jetzt einen internationalen Wettbewerb sowohl für die Gedenkstätte als auch für den Bebauungsplan ausgeschrieben. Dabei berücksichtigten die Kommunalbeamten ausdrücklich die bei dem städtischen Hearing erhobenen Forderungen der Bürger. So sollen zum Beispiel auch Wohnungen, Schulen und Kultureinrichtungen für das Areal projektiert werden. Jimmy Dunne, einer der Teilhaber der Investmentfirma Sandler O´Neill, die bei dem Anschlag auf das World Trade Center 66 ihrer 83 Mitarbeiter verlor, hat vor wenigen Tagen einen völlig neuen, wenn auch sicherlich kaum realisierbaren Vorschlag für "Ground Zero" gemacht:

Was sie wirklich machen sollten, ist, genau an diesem Platz die Vereinten Nationen neu zu bauen. Die Führer der Welt können dann an diesem heiligen Ort tagen und darüber entscheiden, was gut und was böse ist, was richtig und was falsch ist. Und sie werden dabei täglich daran erinnert, was hier an jenem Tag geschah, an dem so viele arme und heldenhafte Menschen gestorben sind. Sie können dafür sorgen, dass diese Menschen nicht vergeblich gestorben sind. Dies sollte der Ort sein, an dem wir den Frieden in der Welt bewahren.

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