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"Nur ein dummer Parasit bringt seinen Wirt auch um"

US-Forscher untersuchen medizinisches Potential von Darmwürmern

Martin Winkelheide im Gespräch mit Monika Seynsche

Hygiene könnte auch nützliche Parasiten vertrieben haben.
Hygiene könnte auch nützliche Parasiten vertrieben haben. (Stock.XCHNG - Martina Frietsch)

Medizin. - Im Fachmagazin Nature spekulieren heute Forscher, dass das Verschwinden von Würmern, die jahrtausendelang den Darm des Menschen besiedelt haben, verantwortlich sind für die steigende Zahl von Autoimmunerkrankungen. Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide erläutert die Studie im Gespräch mit Monika Seynsche.

Seynsche: Herr Winkelheide, die [Wissenschaftler] schlagen ja vor, eine Behandlung mit Würmern. Es klingt erst einmal bizarr. Wollen sie uns ins 19. Jahrhundert zurückbeamen?

Winkelheide: Nein, nicht wirklich. Also, Joel Weinstock vom Tufts Medical Center in Boston, Massachusetts, weiß natürlich ganz genau: Es gibt richtig unangenehme Wurmerkrankungen, etwa Bilharziose. Wer sich damit infiziert, dem droht Blindheit auf lange Sicht, wenn es nicht rechtzeitig behandelt wird. Bei einer Schistosoma-Erkrankung, kann die Leber geschädigt werden, auch die Blase. Und Hakenwürmer können Eisenmangel auslösen bis zu hoher Blutarmut. Also, solche Wurmerkrankungen, die gilt es nach wie vor zu behandeln und hier hilft eben auch Hygiene, da vorzubeugen. Aber auf einen Punkt will Joel Weinstock hinweisen: Es gibt viele Wurminfektionen, bei denen der Mensch eben nicht geschädigt wird. Und seit gut 200.000 Jahren leben Mensch und Wurm eigentlich in großer Eintracht zusammen. Der Wurm lebt im Darm und nährt sich gut und er schädigt den Menschen nicht, ganz im Gegenteil. Denn genauso wie es eben nützliche Bakterien im Darm gibt, die bei der Verdauung helfen, haben Wurminfektionen eben auch ihre guten Seiten und ihren Nutzen.

Seynsche: und was sind das für gute Seiten, also was nutzen sie uns?

Winkelheide: ErfolgreicheParasiten haben ja in der Regel Wege gefunden, gut zu leben ohne ihren Wirt umzubringen. Also nur ein dummer Parasit bringt einen Wirt auch um. Ein intelligenter und schlauer Parasit, der sorgt dafür, dass der weiterlebt. Bezogen auf die Würmer heißt das, der Wurm hat Strategien entwickelt im Laufe der Evolution, im menschlichen Darm sich unsichtbar zu machen. also Angriffe des Immunsystems von sich wegzulenken oder sogar direkt in das Immunsystem einzugreifen, zu modulieren. Und ein Effekt ist eben: Diese Würmer wirken vor Ort antientzündlich. Und eine Spekulation zunächst einmal in den 90er-Jahren war, dass Joel Weinstock gesagt hat: Dann gucken wir doch einmal genauer hin. In modernen Zeiten, also heute, leben wir in der Regel alle ohne Würmer im Darm. Und das könnte vielleicht eine Ursache sein dafür, dass chronisch entzündliche Darmerkrankungen und andere Autoimmunerkrankungen wie etwa die Multiple Sklerose zunehmen. Möglicherweise kann man, so eben die Idee, ja Menschen mit Autoimmunerkrankungen mit Würmern zu behandeln, genauer gesagt mit Eiern von Würmern, die normalerweise Schweine befallen.

Seynsche: Und warum hat man für die ersten Versuche, die es jetzt gegeben hat, Schweinewürmer genommen?

Winkelheide: Man hat… Schweinefarmer, als wer in der Schweinezucht tätig ist, der kriegt schon mal ab und an so ein paar Schweinewurmeier mit und wird eben nicht krank. Diese Würmer sind spezialisiert auf ihren Wirt und der Schweine-Peitschenwurm ist ein Parasit, der ausschließlich normalerweise bei Haus- und Wildschweinen auftritt. Wenn der Mensch den kriegt, dann ist es eigentlich ein Unfall der Biologie. Wenn man die nun gezielt schluckt, die Schweine-Peitschenwurmeier, dann entwickeln sich daraus zwar erwachsene Würmer, aber die halten sich nicht lange. Und das heißt, nach drei Monaten sind die eigentlich alle wieder verschwunden. Und der Vorteil ist: wenn die Wurmeier-Kur hilft, dann kann sie jederzeit wiederholt werden, aber die Infektion hält sich nicht dauerhaft und sie kann sich daher nicht auch unkontrollierbar verselbstständigen. Das ist schon ein bisschen wie ein Medikament.

Seynsche: Und hilft dann?

Winkelheide: Also die ersten Studien, die man gemacht hat, da hat man gesehen, es hilft. Reduktion der Beschwerden bei 80 Prozent der Patienten. Man muss aber ganz klar sagen: Das Konzept ist wissenschaftlich noch nicht bewiesen, erst jetzt laufend große klinische Studie mit mehreren 100 Patienten. Und eleganter wäre es natürlich man müsste diese Wurmeier nicht schlucken, dafür müsste man aber ganz genau wissen, was die Würmer im Darm so alles machen und die Effekte dann imitieren, indem man einzelne Wirkstoffe gibt. Aber davon ist man weit weg, braucht sicherlich noch 20 Jahre für.

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