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StartseiteKultur heutePanzer gegen Statuen?04.06.2011

Panzer gegen Statuen?

Akademie für politische Bildung Tutzing diskutiert über "Kultur in politischen Konflikten"

Die Zerstörung von Kunst und Kultur in bewaffneten Konflikten zeigt einmal mehr, wie fragil der zivilisierte Umgang der Menschen miteinander ist und wie schnell er scheitert. Um "Kultur in politischen Konflikten" ging es am Wochenende in der Akademie für politische Bildung Tutzing.

Von Susanne Lettenbauer

Die gesprengten Bamiyan Buddhastatuen in Afghanistan (AP Archiv)
Die gesprengten Bamiyan Buddhastatuen in Afghanistan (AP Archiv)
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Akademie für Politische Bildung Tutzing

Auf Satellitenaufnahmen gleicht die südirakische Wüste einer Mondlandschaft: Krater reiht sich an Krater. Bis zu zehn Meter tief reichen diese Grabungslöcher, die sich seit dem dritten Golfkrieg 2003 explosionsartig verbreiten. Der Verkauf der archäologisch oft einmaligen Funde aus mesopotamischer Zeit zählt unter den örtlichen Raubgräbern zur Einnahmequelle Nummer Eins. Immer häufiger tauchen in deutschen Auktionshäusern Antiquitäten zweifelhafter Herkunft auf. Im April eine kleine irakische Dämonenfigur der Pazuzu. Alter 2700 Jahre. Kurz zuvor eine 2800 Jahre alte Tonfigur, ein Fischergott, aus dem Nordirak. Erst diese Woche wurde ein zuvor beschlagnahmtes 4500 Jahre altes Goldgefäß für die Rückkehr in den Irak freigegeben. All diese Fundstücke dürften erst der Beginn einer groß angelegten Verkaufsoffensive nahöstlicher Kleinodien sein, ist der Archäologe Michael Müller-Karpe überzeugt, der gerade eine Ausstellung zu Kriminalarchäologie in Mainz vorbereitet:

"Also der irakische Antikendienst hat noch nicht wieder die Gelder zur Verfügung, die vor dem Krieg vorhanden waren. Die Wächter gibt es zwar, aber sie haben keine Fahrzeuge, oder keinen Sprit."

Die anhaltende Destabilisierung des Irak nach dem Ende des Saddam-Regime gleicht einem Todesurteil für die örtlichen antiken Stätten, so Müller-Karpe. Durch die nahezu ungestörten Raubgrabungen gehen nicht nur Fundstücke verloren, zerstört wird auch die gesamte Historie des Fundortes. Eine Erfahrung, die seit dem Frühjahr auch die Archäologen in Ägypten machen müssen: Mit dem arabischen Frühling ist der Damm gebrochen, der Raubgrabungen unter dem gut 30 Jahre regierenden Mubarak-Regime zuverlässig verhinderte. Der Münchner Archäologe Dieter Kessler forscht seit Jahrzehnten in Tuna el-Gebel, Mittelägypten. Er betreut die Ausgrabung von Deir el-Bachit, der bislang größten bekannten spätantik-koptischen Klosteranlage in Theben-West. Das ist vorbei. Vorerst. Die Plünderungen der Magazine durch die örtliche Bevölkerung, der unkontrollierte Abtransport von Fundstücken in Regierungsdepots, die Neuorganisation der Antikenverwaltung in Kairo haben die internationalen Grabungsteams zutiefst verunsichert. Bis zum Herbst sollen die Listen an verschollenen Fundstücken in Kairo vorliegen. Wenn alles gut geht, könnte das Münchner Team eventuell 2012 seine Arbeit fortsetzen:

"Die Sicherheitslage ist so, dass man nicht vor Ort arbeiten kann. Die örtliche Polizei ist unbesetzt. Die nächste Station liegt zehn Kilometer entfernt. Es wird eben damit begründet, dass keine Polizei zum Schutz da ist."

Nationalen Kulturdenkmälern und -schätzen kommen in Krisenregionen verschiedene Bedeutungen zu, versuchte die Tutzinger Tagung einzuordnen: Sie dienen wie im Fall Irak der Finanzierung ganzer Familienclans, die Erlöse finden sich nicht selten als Waffen wieder. Antike Stätten werden, wie im Falle der afghanischen Bamiyan-Statuen als "Geiseln" benutzt, um die westlichen Staaten zu erpressen. Oder sie werden zerstört als Symbol einer Fremdherrschaft wie die alten englischen Friedhöfe im Südirak. Oder das von Türken niedergerissene Memorial an der türkisch-armenischen Grenze, das an den Genozid an Armeniern erinnern sollte.

Kulturschätze können aber auch, wie gerade in Ägypten, das Bewusstsein für die eigene Geschichte wieder erwecken, so der Ägyptologe Kessler, der von der Bundesregierung eine stärkere Unterstützung im Kampf gegen Raubgrabungen fordert. Erste Gelder sollen jetzt im Rahmen der sogenannten Transformationspartnerschaften mit den arabischen Ländern fließen, so Heinrich Kreft vom Auswärtigen Amt:

"Wir haben für die Transformationspartnerschaft insgesamt 50 Millionen zusätzlich zur Verfügung, 20 Millionen gehen davon in bildungsnahe Bereiche. Da wird ein Teil auch in Projekte fließen zur Ausbildung von Archäologen, zur Ausbildung von Hilfskräften in diesem Bereich, das liegt daran, was können die Projekte umsetzen."

Zerschossene Fenster, ausgebrannte Regale, leere Fensterhöhlen – was sich noch heute so präsentiert ist die Nationalbibliothek von Sarajevo. An einen Wiederaufbau ist auch heute noch nicht zu denken, sagt der ehemalige Hohe Repräsentant der Vereinten Nationen und EU-Sonderbeauftragte Christian Schwarz-Schilling. Um die Zerstörung von Kulturgütern nicht erneut aufflammen zu lassen auf dem Balkan, muss die EU auf die Anerkennung des Kosovo durch Serbien dringen, so sein Plädoyer.

Die westlichen Staaten tragen eine Mitschuld an der bedrohlichen Situation der Kulturgüter weltweit, so ein Fazit aus der Tutzinger Tagung. Ob die lang erwartete Entscheidung der Unesco vor einigen Wochen beispielgebend werden wird, bleibt abzuwarten. Sie entschied, die Statuen im afghanischen Bamiyan nicht wieder aufzubauen.

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