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StartseiteHintergrundAm Ende leiden die Patienten18.11.2014

Pflegenotstand in DeutschlandAm Ende leiden die Patienten

Deutschland leistet sich das drittteuerste Gesundheitssystem der Welt. Doch dieses System krankt an entscheidender Stelle: An der guten Versorgung der Patienten. Vielerorts fehlen Personal und Mittel, um Kranke angemessen zu behandeln. Pfleger warnen vor fatalen Folgen.

Von Uschi Götz

Bewohnerin eines Altenpflegeheims (picture alliance / dpa)
Viele Pfleger beklagen, sie hätten nicht genug Zeit, auf die Menschen einzugehen und sie richtig zu betreuen. (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

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"Wir haben festgestellt, dass in Bayern sogar Kliniken der Maximalversorgung mittlerweile Probleme bezüglich der Nachbesetzung von frei werdenden Stellen haben, sowohl im ärztlichen als auch im pflegerischen Bereich."

Im Sommer dieses Jahres schlug Dr. Max Kaplan, Vizepräsident der Bundesärztekammer und Präsident der bayerischen Landesärztekammer, Alarm. Vor allem in der Fachkrankenpflege fehlt qualifiziertes Personal. Bayern ist kein Einzelfall. Der Pflegenotstand hat Deutschland längst erreicht.

Die Folge: Kliniken können nicht alle Krankenbetten belegen, weil Krankenschwestern und Pfleger für die Versorgung der Patienten nicht da sind. Für Kranke und Angehörige bedeutet das längere Wege; doch oft ist die Situation an einem anderen Krankenhaus nicht viel besser.

Hotel- und Servicekräfte zur Entlastung der Pfleger

Der wirtschaftliche Schaden ist enorm und zwingt bundesweit Krankenhausträger dazu, die Personallücken mit Fachkräften aus dem Ausland zu schließen. In einigen Krankenhäusern arbeiten zusätzlich Hotel- und Servicekräfte, um Schwestern und Pfleger zu entlasten.

Je älter die Deutschen werden, desto wahrscheinlicher werden Krankenhausaufenthalte. Logische Folge der demografischen Entwicklung sei der wachsende Bedarf an Pflegepersonal, erläutert der bayerische Ärztekammerpräsident. Aber auch die Zahl chronisch Kranker steigt, was wiederum zu einer Arbeitsverdichtung im ärztlichen und pflegerischen Bereich führe. Doch genau am Personal haben Krankenhausträger jahrelang gespart. Seit Mitte der 90er-Jahre wurde an deutschen Krankenhäusern mehr als jede zehnte Vollkraftstelle im Pflegebereich abgebaut. Dr. Max Kaplan:

"Der größte Ausgabensektor im Klinikbereich ist nun einmal der Personalsektor mit 70 bis 80 Prozent, also wird man natürlich versuchen, genau da zu sparen. Das hat stattgefunden, das wissen wir, auch eine Forschergruppe hat festgestellt, dass in den 90er-Jahren 50.000 Pflegekräfte eingespart wurden; was heute noch nicht voll kompensiert ist, sodass hier ein enormer Nachholbedarf besteht. Vieles kann man ja kompensieren im Alltag, aber ich glaube, wir haben jetzt einen Punkt erreicht, wo diese dünne Personaldecke bei der Patientenversorgung ankommt. Sprich, der Patient merkt und spürt, hier ist zu wenig Personal vorhanden, es sind zu wenig Menschen da, die mich im stationären Bereich, aber auch im ambulanten Bereich ausreichend versorgen können."

Kein Kissen auf der ganzen Station

Am 14. März dieses Jahres kam Adelgunde Wallerer nach einem Sturz in ein süddeutsches Krankenhaus. Dort wurden bei der 76 Jahre alten Dame verschiedene Gesichtsverletzungen und eine Wunde am Kopf zunächst ambulant versorgt. Zur weiteren Diagnostik und Überwachung wurde sie stationär aufgenommen. Sechs Stunden wartete die alte Dame in einem Sitzwagen, bevor sie ein Krankenhausbett zugewiesen bekam. Für die Patientin eine Tortur.

Ein Pfleger schiebt einen Rollstuhl durch einen Krankenhausflur. (picture alliance / dpa/ Peter Steffen)Die Kliniken suchen händeringend Personal, vor allem im Ausland. (picture alliance / dpa/ Peter Steffen)"Ich habe dann gesagt, kann ich wenigstens ein Kissen haben, damit ich den Kopf an die Wand anlehnen kann. Die eine, die hat gar nichts gesagt; der Pfleger ist dann nach einer Weile gekommen, er hat gesagt, er schaut danach, er hat sich nicht mehr sehen lassen, dann ist eine Schülerin gekommen, der habe ich es noch mal gesagt, die hat gesucht und hat dann gesagt, wir haben auf der ganzen Station kein Kissen. Dann hat sie mir so dicke Windeln, wo da nachts die Leute eingepackt werden, hat sie mir zusammengelegt und da war ich bis nach zwei Uhr gesessen."

Am Nachmittag wurde bei Adelgunde Wallerer eine computertomografische Untersuchung durchgeführt. Während dieser schlief die medizinische Fachkraft ein. Zurück auf der Station war dann auch Frau Wallerer erschöpft. Die Nacht kam und ihre Bettnachbarin musste zur Toilette. Ein Pfleger war in dieser Nacht für vier Stationen und damit für rund 80 Patienten verantwortlich. Für die Bettnachbarin war keine Zeit, obwohl Frau Wallerer den Pfleger darum gebeten hatte. Sie bekam diese Antwort:
"Die hat ja eine Windel, da soll sie rein machen. Da habe ich gleich wie ich das erlebt habe, dann entschlossen, ich gehe am nächsten Morgen heim."

Immer weniger Pflegekräfte müssen immer mehr Patienten versorgen

Wenn Patienten nur unzureichend versorgt werden können oder wenn es im pflegerischen Bereich zu Situationen kommt, die eindeutig auf Personalmangel oder Überlastung zurückzuführen sind, sollen Pflegekräfte eine sogenannte Gefährdungs- oder Überlastungsanzeige bei der Klinikleitung stellen. Allein am Klinikum Stuttgart zählte man bis zum Herbst dieses Jahres 700 solcher Anzeigen; das sind jeden Tag zwei bis drei für Patienten bisweilen lebensgefährliche Situationen. Stephan von der Trenck ist Fachanwalt für Medizinrecht. Er berät Patienten bei der Deutschen Stiftung Patientenschutz:

"War es noch für fünf Jahren der Arztfehler, der moniert wurde, also ein Fehler bei der Operation, ist es heute eher der Pflegefehler. Das heißt, ein Fehler bei der Pflege: ein Druckgeschwür, das entsteht, Stürze, die beim Transport des Patienten passieren, aber auch bei Fixierungen, bei nicht hochgeklappten Bettgittern, bei Fixierungen ohne Genehmigung durch das Betreuungsgericht. Das sind so die klassischen Bereiche, wo wir eine eindeutige Steigerung in den letzten Jahren verzeichnen."

Immer weniger Pflegekräfte müssen immer mehr Patienten versorgen. Darunter leiden nicht nur die Kranken, auch das Pflegepersonal ist mit der Situation unzufrieden:

"Pflegefehler passieren aus Fahrlässigkeit heraus, aus Unwissenheit, aus Überlastung, aus Stress. Absicht, Vorsatz - das sind die Ausnahmefälle, das ist dann aber auch eine Sache für den Staatsanwalt. Aber meistens sind es Fahrlässigkeiten. Und hier ist die Crux einfach der Personalmangel. Und das fällt jetzt den Krankenhausträgern und leider auch den Patienten auf die Füße."

Schuld an der Pflegemisere ist nach Einschätzung vor allem älterer Pflegekräfte die Einführung der sogenannten Fallpauschalen im Jahr 2004. Nicht mehr die Liegedauer eines Patienten wird seitdem bezahlt, sondern der Behandlungsfall. Nach einer Blinddarmoperation beispielsweise lag man früher mindestens eine Woche im Krankenhaus. Heute sind es höchstens drei Tage.

"Das ist also kein Mensch mehr, das ist nur noch ein Datensatz"

Jana Langer arbeitet an der Universitätsklinik in Ulm als Fachkrankenschwester im Operationsbereich. Sie ist auch Personalrätin. Sie hat den Wandel im Krankenhauswesen über viele Jahre beobachtet und stellt heute fest:

"Blutige Entlassungen" wird das umgangssprachlich auch genannt. Noch vor 20 Jahren verbrachten Patienten im Schnitt 14 Tage im Krankenhaus. Heute ist es die Hälfte. Doch mancher pflegebedürftige Patient passt einfach nichts ins Schema."Die müssen jetzt wirtschaftlich arbeiten, das ist ein reiner Wirtschaftsbetrieb. Die Menschlichkeit, die Fürsorge, die fällt runter, die gibt es nicht mehr. Der Patient kommt, wird in ein Schema gesteckt, der hat die und die Krankheit, die wird so und so behandelt und muss so schnell wie möglich wieder raus. Damit er wirtschaftlich ist. Das ist also kein Mensch mehr, das ist nur noch ein Datensatz, der abgearbeitet wird. Es wird nicht mehr individuell entschieden, kann der nach Hause, ist der zuhause versorgt, wie ist die Weiterversorgung, kann der in Reha? Der hat seine Zeit in der Klinik abgegolten, mehr wird nicht bezahlt, also guckt man, dass der möglichst schnell weg ist."

Im Vordergrund eine Rose, im Hintergrund ein Krankenbett mit einer alten Frau mit einer jüngeren am Bett. (Picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)Die Pfleger beklagen, sie haben nicht genug Zeit, um auf die Patienten einzugehen. (Picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

"Mittlerweile haben wir Fälle im Altenheim liegen, die eigentlich hoch pflegerisch aufwendig versorgt werden müssen. Das sind zum Teil ganz junge Patienten, 18 Jahre, haben am ganzen Körper durch einen Unfall geschient, äußerlich mit Gestellen, die pflegerisch versorgt werden müssen, damit die sich nicht infizieren. Die Pflegeheime haben aber gar kein Personal, die sich damit auskennen. Jetzt liegen die da. Medizinisches versorgt sind die nicht. Das ist auch fatal."

Keine Zeit mehr für Krankenbeobachtung

Mit Sorge betrachtet die Fachkrankenschwester auch den Wandel im Pflegebereich. Immer mehr Mitarbeiter, die direkt am Patienten arbeiten, haben keine Ausbildung oder ein entsprechendes Studium absolviert. Dabei liege ein Schwerpunkt der Ausbildung von Pflegekräften gerade im ganzheitlichen Bereich. Das heißt, der Patient soll wahrgenommen werden in allen Facetten - eigentlich:

"Aus der Beobachtung heraus entsteht die Krankenpflege eigentlich, danach macht man seine Berichte. Und beobachten kann man nur, wenn man genügend Zeit mit dem Patienten verbringt. Und die beste Zeit ist eigentlich, wenn man hilft beim Waschen, da kann man die ganze Haut angucken, was hat sich verändert an der Haut? Sieht die ausgetrocknet aus? Hat der Patient genug getrunken? Oder beim Essen, hat er Schluckstörungen plötzlich?"

Krankenbeobachtung - so wie es das qualifizierte Personal während einer dreijährigen Ausbildung gelernt hat. Die Veränderungen des Patienten werden dem behandelnden Arzt mitgeteilt; Informationen, die anschließend in die Diagnostik und Behandlung einfließen. So sollte es eigentlich sein. Das aber sei alles nicht mehr möglich im Krankenhausalltag, klagt Jana Langer.

"Ich bringe dem Patienten das Essen nicht mehr. Das heißt, es wird von irgendjemand reingestellt, der dafür eben eingestellt wurde. Das sind meist Tochterfirmen, die Billiglohnkräfte einsetzen. Die überhaupt keinen Einblick haben, was hat der Patient? Was kann das für Auswirkungen haben, da stimmt die Zusammenarbeit nicht und das wird auch nicht gefördert."

Pflege-Flashmobs gegen den Notstand

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen kämpft Jana Langer bei der Initiative "Pflege am Boden" für eine menschenwürdigere Patientenversorgung. Die Alten- und Krankenpfleger organisieren seit rund einem Jahr sogenannte Pflege-Flashmobs in verschiedenen Städten. Diese Aktionen werden über Facebook organsiert und verlaufen gewollt spektakulär: Pflegekräfte legen sich für zehn Minuten auf Marktplätzen oder in Fußgängerzonen einfach schweigend auf den Boden, um öffentlichkeitswirksam auf die Pflegemisere hinzuweisen.

Immer mehr Mitarbeiter von Krankenhäusern und Pflegeheimen brechen auch ihr Schweigen. Thomas Sautter arbeitet als Fachpfleger an der Universitätsklinik Tübingen. Auch er kämpft seit Jahren für bessere Bedingungen in der Pflege und hat vor allem seine Kolleginnen und Kollegen im Blick:

"Ein großes Problem stellt die gesundheitliche Belastung der beruflich Pflegenden dar. Die Leute haben immens viele Überstunden. Ich bin jetzt 55 Jahre alt, ich erlebe jetzt auch viele Kolleginnen und Kollegen, die im Prinzip schon in der Berufsunfähigkeitsrente sich befinden oder sehr lange Krankheitszeiten haben."

Vermehrte Reanimationen auf der Kinder-Intensivstation

Gerade erfahrene Pflegekräfte werden händeringend gesucht. Denn besonders in der Fachpflege kommt es immer häufiger zu Zwischenfällen, berichten Pflegende. Dies gilt vor allem für Intensivstationen und im Bereich der Kinderkrankenpflege. Ein Beispiel: Im Juli dieses Jahres wandten sich zwei Kinderkrankenschwestern der Uni-Kinderklinik Tübingen in einem Leserbrief an die Öffentlichkeit. Darin heißt es:

"Trotz des Personalmangels auf der Kinder-Intensivstation läuft der Klinikalltag weiter, denn ein Krankenhaus der Maximalversorgung muss diese ja irgendwie sicherstellen. Was bedeutet das für die Normalstationen? Die Kinder werden viel zu früh in kritischem Zustand verlegt. Das kann aber nur begrenzt aufgefangen werden. Die Folge sind vermehrte Reanimationen, erhöhter pflegerischer Aufwand, überlastete Pflegekräfte und daraus fast zwangsläufig resultierende Pflege- und Behandlungsfehler, die trotz größtmöglicher Sorgfalt nicht zu vermeiden sind".

Vermehrte Reanimationen bedeutet, Kinder mussten wiederbelebt werden. Mittlerweile habe sich die Situation an der Tübinger Kinderklinik verbessert, sagt eine der beiden Autorinnen des Leserbriefes. Der scheint also geholfen zu haben. Öffentlich äußern wollen sich die Krankenschwestern nicht mehr.

Personalpool für personelle Engpässe

Professor Dr. Michael Bamberg ist leitender Ärztlicher Direktor und gleichzeitig Vorstandsvorsitzender der Uni-Klinik Tübingen. Er geht mittlerweile offensiv mit dem Thema Pflegenotstand um. Immer wieder mussten in der Vergangenheit Betten an seiner Klinik geschlossen werden, weil das Fachpersonal in der Kinderklinik nicht zur Verfügung stand. Zu dem Engpass kam es vor allem, weil Mitarbeiterinnen schwanger wurden und deshalb nicht mehr eingesetzt werden durften:

"Dann sind natürlich die Schwangeren von heute auf morgen aus den Dienstplänen heraus, ja und auf dem Markt niemand da. Und dann haben wir große Schwierigkeiten entsprechend auch dann diese Stellen zu besetzen. Dann gibt es eben auch Engpässe, dann gibt es auch mal Bettensperrungen, was für ein großes Krankenhaus finanziell eine erhebliche Einbuße bedeutet. Aber wenn nicht mehr Pflegekräfte da sind, dann muss man entsprechend darauf reagieren. Sehr zum Nachteil der kleinen Patienten, der Kinder, die kommen von überall her, hier nach Tübingen, auch da müssen wir eine Beschränkung einführen, was überhaupt nicht gut ist."

Jetzt baut die Tübingen Uni-Klinik einen zusätzlichen Personalpool auf - für personelle Engpässe. Allerdings sind Fachkräfte in der Pflege mittlerweile Mangelware. Denn gemessen an anderen Berufen verdienen Pflegende relativ wenig. Eine ausgebildete Fachkrankenschwester etwa kommt - je nach Arbeitgeber und Höhe der Zulagen - auf etwa 2.300 Euro netto im Monat. Dabei hat, wer sich heute für einen Pflegeberuf entscheidet, bisweilen sogar Abitur. Auch die Arbeitsbedingungen - Schichtdienste und Überstunden - schrecken viele Schulabgänger von der Berufswahl Pflege ab. Alles Gründe, warum sich der über Jahre ausgedünnte Personalbestand nicht von heute auf morgen aufstocken lässt:

"Das ist die entscheidende Frage. Ich glaube nicht, dass der Markt mehr da ist in Deutschland. Wir haben einen erheblichen Pflegenotstand, der sich noch verstärken wird."

Suche nach Personal im Ausland

Die Uni-Klinik hat inzwischen Fachpersonal aus Italien und von den Philippinen nach Tübingen geholt. Diese Schwestern und Pfleger arbeiten bereits auf den Stationen. Ferner werden Hilfskräfte eingesetzt. Doch bestimmte Tätigkeiten wie zum Beispiel das Bedienen von Beatmungsgeräten oder das Wechseln von Infusionen dürfen nur von ausgebildeten Fachkräften ausgeführt werden. Das heißt, nahezu alle Krankenhäuser in Deutschland suchen inzwischen händeringend im Ausland nach Personal. Peter Tränkle, Internist und Personalrat am Universitäts-Herzzentrum Freiburg - Bad Krozingen, sieht die Nachteile dieser Personalpolitik:

"Es spitzt sich deutlich zu. Wir haben viel mehr ausländische Pflegekräfte, die wir zum Teil über Leiharbeitsfirmen oder ähnliche Institutionen versuchen zu akquirieren. Wir haben einen deutlichen Zuwachs an nicht gut Deutsch sprechenden Pflegepersonal, gleichzeitig brauchen wir aber schon ihre Tatkraft, sodass man für die Sprachkompetenz eigentlich zu wenig Zeit findet."

Eine Ärztin läuf allein einen Flur einer Krankenstation in einem Berliner Krankenhaus entlang.  (dpa / picture alliance / Hans Wiedl)Auch für Ärzte hat es Folgen, wenn die Pfleger sich nicht ausreichend um jeden einzelnen Patienten kümmern können. (dpa / picture alliance / Hans Wiedl)

Peter Tränkle, der auch Mitglied im baden-württembergischen Landesvorstand des Marburger Bundes ist, warnt vor einem europaweiten Pflegenotstand. Das Personal, das jetzt in Deutschland zum Einsatz kommt, fehle an anderer Stelle:

"Wir begeben uns in Wettbewerb mit anderen europäischen Ländern, bei uns sind es jetzt vor allem Griechen und Italienerinnen im Pflegebereich, die angeworben werden. Was ja über kurz oder lang auch zu einem Pflegemangel in den dortigen Ländern führen wird."

Das drittteuerste Gesundheitssystem der Welt

"Ich glaube, dass wir auf eine drastische Verschlechterung im Pflegebereich zugehen. Wir werden immer mehr Tätigkeiten von der Pflege wegdelegieren, an Niedriglohnsegmente. Darüber hinaus wird sich aber die Pflege des Menschen und die Ansprache an den Menschen, die Kommunikation wird sich drastisch verschlechtern. Ich befürchte insbesondere für die alten Menschen einen massiven Qualitätsverlust in Zukunft."Gerade in der Gegend um Freiburg ist der Kampf um Pflegepersonal besonders hart: Denn die benachbarte Schweiz lockt mit doppeltem Gehalt. Es gibt also Gründe genug, warum Krankenhausträger und Beschäftigte mit Sorge in die Zukunft blicken: Deutschland leistet sich das drittteuerste Gesundheitssystem der Welt. Doch dieses System krankt an entscheidender Stelle: An der guten Versorgung der Patienten. Facharzt Tränkle mit einer düsteren Prognose:

Ein Pfleger für 13 Patienten

Laut einer Studie versorgt in Deutschland eine Pflegekraft rund 13 Patienten. In Norwegen kommen auf fünf Patienten eine Krankenschwester oder ein Pfleger. Doch wie viel Pflege braucht ein Mensch? Das hängt entscheidend davon ab, was er hat. Und selbst dann, wenn es eine Diagnose gibt, haben Kranke verschiedene Bedürfnisse. Wie viel Personal sich um den Patienten kümmern kann, entscheidet jeder Krankenhausträger individuell. Helle Dokken ist Pflegedirektorin an der Münchner Uni-Klinik. Sie fordert eine Regelung durch den Gesetzgeber, wonach auf einer chirurgischen Station mit 80 Patienten zum Beispiel mindestens vier Pflegekräfte einzusetzen sind:

"Ich sehe vor allem, dass wir eine gesetzliche Grundlage der Stellenberechnungen bräuchten. Das haben wir in einzelnen Bereichen, aber sehr spärlich, es sind Bereiche, die ein Zertifikat brauchen."

Gemeint sind hoch spezialisierte Bereiche in der Pflege wie die Akutversorgung von kranken Menschen. Hier arbeiten Pflegekräfte, die neben einer dreijährigen Ausbildung eine zweijährige Qualifikation nachweisen können. Wer sich aber so spezialisiert hat und im Schichtdienst arbeitet, muss wesentlich besser bezahlt werden, fordert die Pflegedirektorin:

"Es geht um Weihnachten, Samstag, Sonntag, Nachtschichten et cetera. Die Erschwerniszulagen müssten meiner Ansicht nach deutlich erhöht werden."

Der Pflegenotstand zwingt alle zum Umdenken

Um mindestens ein Drittel des jetzigen Gehalts oder ungefähr 450 Euro im Monat. Mit der Ausbildung steigt auch die Entlohnung: Jede zweite Fachkraft in Europa hat heutzutage einen Bachelorabschluss. Doch ob eine Akademisierung der richtige Weg ist, um den Pflegenotstand langfristig zu beheben, darüber gehen die Meinungen auseinander:

"Ich glaube schon, dass die Akademisierung eine Möglichkeit ist, um den Beruf attraktiver zu machen. Ob wir alle akademisiert sein sollten, weiß ich nicht. Aber der Deutsche Wissenschaftsrat empfiehlt auch 20 Prozent."

Doch in der Regel gehen die, die studiert haben, nicht mehr zurück ans Krankenbett, sondern suchen sich Leitungsjobs zum Beispiel in der Krankenhausverwaltung. Der Pflegenotstand zwingt alle zum Umdenken. Immerhin auch in der sonst bei diesem Thema zurückhaltenden Ärzteschaft zeigt man sich mit den Pflegenden solidarisch. Mittlerweile erheben auch Vertreter der Ärztekammer ihre Stimme - etwa der Chef der bayerischen Landesärztekammer, Dr. Max Kaplan:

"Wir sind nun einmal ein Team in der Patientenversorgung, wir Ärztinnen und Ärzte und die pflegenden Berufe. Und der eine ist auf den anderen ja irgendwo auch angewiesen. Und wenn wir nicht mehr genügend Pflegepersonal haben, dann haben wir einfach auch zu wenige Fachkräfte, die uns bei der Patientenversorgung im Alltag unterstützen."

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