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StartseiteForschung aktuellPforten gegen die Flut12.12.2005

Pforten gegen die Flut

Experten wollen Venedig mit umstrittenen Maßnahmen vor Hochwasser schützen

<strong>Technik. - In der Lagune von Venedig wird eines der gigantischsten Bauprojekte Italiens realisiert: Das Projekt "MO.S.E" (Modulo Sperimentale Elettromeccanico) sieht vor, dass die Eingänge in die Lagune mit riesigen Schleusentoren verschlossen werden, wenn Hochwasser droht. Doch damit würden auch giftige Abwässer zurückgehalten, warnen Fachleute.</strong>

Von Thomas Migge

Venedig: Mit gewaltigen Schleusentoren wollen Ingenieure Hochwasser aussperren. (AP Archiv)
Venedig: Mit gewaltigen Schleusentoren wollen Ingenieure Hochwasser aussperren. (AP Archiv)

Um Venedig vor den ständigen und seit einigen Jahren immer dramatischer werdenden Hochwassern zu bewahren, wollen die Ingenieure aus Padua den Untergrund der Lagune, in der sich die Stadt auf Millionen von Holzstämmen erhebt, anheben. Eine anscheinend verrückte Idee, die aber von Ingenieuren der Universität Padua ernsthaft ins Auge gefasst wurde. Zum Projektteam gehört Walter Scabin, Spezialist für Simulation:

"Es hört sich fast an wie ein Wunder, aber wir haben das alles am Computer getestet. Wir haben zunächst gründliche geologische Studien im Gebiet der nördlichen Adria durchgeführt und dabei entdeckt, dass sich in 700 Metern Tiefe eine mit Wasser gesättigte Sandschicht befindet, die fast das gesamte Gebiet einnimmt, auf dem sich Venedig erhebt. Dieser Sand ist für uns sehr interessant."

Das an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität in Padua entwickelte Projekt - das bereits der Regierung in Rom, der Region Venetien und der Stadt Venedig unterbreitet wurde - sieht vor, die zirka 150 Meter hohe unterirdische Sandschicht mit Meerwasser aufzufüllen. Dafür sollen in einem Kreis mit einem Umfang von zehn Kilometern zwölf 700 Meter tiefe Löcher gebohrt werden. Jedes hat einen Durchmesser von 30 Zentimetern. Pumpen sollen Adriawasser in die Löcher und damit in die unterirdische Sandschicht drücken. In der Simulation gehen die Ingenieure aus Padua davon aus, dass pro Jahr 18 Millionen Kubikmeter Wasser in den Untergrund gepumpt werden müssen. Dafür wird für alle zwölf Pumpen eine Energiemenge benötigt, mit der eine Kleinstadt von 50.000 Bürgern mit elektrischem Strom versorgt werden kann. Die für die Pumpen benötigte Energie kommt per Kabel aus einem Kraftwerk in der Nähe von Treviso. Walter Scabin:

"Unser Modell sieht vor, dass zehn Jahre lang das Wasser in die Sandschicht gepumpt wird, 24 Stunden am Tag. Während dieser zehn Jahre hebt sich der Erdboden der nördlichen Adria um 25 bis 30 Zentimeter an. Und zwar so regelmäßig, dass es weder zu Rissen in den Gebäuden noch zu Höhenunterschieden des Erdbodens kommen wird."

Das Projekt aus Padua soll die Lagunenstadt lediglich vor jenen Hochwassern beschützen, die die Gebäude maximal 20 bis 30 Zentimeter unter Wasser setzen - und das sind rund 95 Prozent aller jährlichen Hochwasser. Bei dramatischer ausfallenden Wassermassen soll das derzeit im Bau befindliche Schleusensystem Moses zum Einsatz kommen. Den Ingenieuren aus Padua geht es darum, diese Schleusen so wenig wie möglich einzusetzen. Das komplette Verschließen der Lagune, so der Hauptkritikpunkt gegen Moses, könnte wegen des ausbleibenden Wasseraustausches mit der Adria zu gravierenden ökologischen Problemen führen. Gegen das Projekt aus Padua melden sich zahlreiche kritische Stimmen zu Wort. Darunter auch der Geologe Carlo Maria Aspesi aus Venedig:

"Da gibt es verschiedene Punkte, die dieses Projekt zu einem russischen Roulette machen. Die Adria ist ein Erdbebengebiet. Wenn der Sand mit Wasser unter Druck gesetzt wird und das über ihm liegende Erdreich nach oben drückt, kann sich das auf die Resonanzeigenschaften im Fall von Erdbeben auswirken und zu Zerstörungen von Gebäuden führen."

Auch die Frage, ob die gesamte unterirdische Sandschicht so sehr mit Wasser gesättigt ist, dass weiteres zugepumptes Wasser einen Druck erzeugt, ist ungeklärt. Der prominente Ingenieur Michele Jamiolkowski - er rettete den schiefen Turm von Pisa - verweist darauf, dass sich die voll zu pumpende Sandschicht auch als fester Sandstein präsentieren könnte. Wenn solcher Sandstein unter Druck gerate, so Jamialkowski, könnte das zu geologischen Brüchen führen. Die Folge: nur einige Teile der Erdoberfläche würden angehoben, andere aber nicht - mit verheerenden Konsequenzen für die historischen Bauten Venedigs.

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