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StartseiteBüchermarktPhänomenologie der Männlichkeit, kaum ständig noch08.07.1999

Phänomenologie der Männlichkeit, kaum ständig noch

Was hat Michael Eldred veranlaßt, als Philosoph, sich mit der Thematik einer Phänomenologie der Männlichkeit zu befassen? "Ich habe", antwortet er, "Philosophie studiert an der Universität Sydney in Australien, und damals gab es eine Spaltung in der Philosophieabteilung über die Frage, ob der Feminismus als Philosophie betrachtet werden könnte. Die Traditionalisten haben argumentiert, daß der Feminismus überhaupt keine philosophische Fragestellung darstellt, und wenn ich zurückblicke auf diese Zeit und die feministische Diskussion, die seit den 70er Jahren gelaufen ist, muß ich schon zugeben, daß bisher der Feminismus die Fragestellung nicht als eine philosophische behandelt hat. Und meine Bemühungen seit Mitte der 80er Jahre haben darauf gezielt, eine echte philosophische Fragestellung aus dem zu gewinnen, was der Feminismus ins Auge gefaßt hat."

Astrid Nettling

Es geht also wieder einmal um die Sache des Geschlechtlichen, um die Frage von Männlichkeit-Weiblichkeit. Seit je eine besondere Herausforderung für die menschliche Blick- wie Denkschärfe, die manch Tiefsinniges, viel Banales und - seitdem der Feminismus mit regem Forscherfleiß das weite Feld von Gender Studies bestellt - sogar wissenschaftlich Ertragsames hervorzubringen weiß. So weit so gut. Für den in Australien geborenen und seit vielen Jahren in Deutschland lebenden Philosophen jedoch längst nicht weit genug. Denn ob und wie Männlichkeit-Weiblichkeit überhaupt etwas mit Mann und Frau zu tun haben, ist nach Eldred gerade noch das philosophisch Fragwürdige. So stellt sein Buch keine Abhandlung über den Mann dar, ebensowenig eine über die Frau. Vielmehr ist es eine Übung in die hohe Kunst philosophischen Fragens, und das heißt: in das Abstrahieren von prima vista Selbstverständlichem, um zu den Phänomenen selbst, in diesem Fall zum Männlichsein und Weiblichsein vorzudringen. Und diese - so Eldred in seiner der Phänomenologie und dem Denken Martin Heideggers verpflichteten Untersuchung - gründen keineswegs in den augenfälligen wie handfesten Unterschieden zwischen Männern und Frauen:

"Dazu ist zu sagen, daß mein Ansatz nicht auf zwei Arten von Seienden fixiert ist, nämlich daß es Männer und Frauen gibt, sondern mein Ansatz zielt darauf, zu klären, was Männlichkeit und Weiblichkeit sind als Existenzweisen. Und diese Existenzweisen müssen verstanden werden als die Art und Weise, wie Menschen in der Welt tatsächlich existieren. Also nicht als Eigenschaften von Menschen, sondern global als Weisen, in der Welt zu sein."

Männlichkeit-Weiblichkeit antworten somit eher auf die Frage "Wie ist der Mensch in der Welt?" als auf die Frage "Was ist der Mensch?" Denn als Modalitäten menschlichen Existierens verweisen Männlichsein und Weiblichsein nicht auf die biologische Zweiteilung der Menschengattung, sondern auf die zwiespältige Offenheit unseres Daseins für das Sein und haben damit zu tun, wie wir als Menschen in unseren Weltverhältnissen existieren. Gleichgültig also ob als Mann oder Frau kann der Mensch auf eine männliche wie weibliche Weise in der Welt und mit anderen da sein.

"Darum geht es nicht, Zuschreibungen zu machen zu Männern und zu Frauen jeweils, sondern bestimmte Seinsweisen aufzuzeigen, an denen sowohl Männer als auch Frauen teilhaben können. Aber gerade diese Dimensionen von Männlichsein und Weiblichsein müssen ausgeleuchtet werden zu verstehen, was es überhaupt heißt, männlich oder weiblich zu sein. Das ist bisher sehr unbefriedigend gelöst worden.

So geht der Autor in seinem Buch vor allem der Dimension des Männlichseins nach. Ist doch der abendländische Mensch vorrangig dazu herausgefordert worden, auf männliche Weise da zu sein. In einer zugleich genauen wie gegenwendigen Befragung der traditionellen Antworten auf die Frage: "Was ist der Mensch?", zeigt Eldred in einer Verschiebung von "Was ist?" auf "Wer ist?", daß Männlichsein im Abendland, "Wer" zu sein, bedeutet. Es heißt, sich mit und gegenüber anderen "Wer" in der Offenheit und Öffentlichkeit des In-der-Welt-seins stellen zu müssen, um dort einen festen Stand als "Wer" zu finden. Und je unerschütterlicher man dasteht, um so mehr Sein besitzt man. Wer einen Einblick in die Phänomenologie dieser Seinsweise bekommen möchte, der lese die erhellenden Analysen über den Namen und die Namhaftigkeit, über den Ruf, den Beruf und den Verruf, über das Versagen und den Kampf um das Ansehen als "Wer". Denn mit einer solchen Herausforderung haben wir - egal ob Mann oder Frau - in unserer Welt es ständig zu tun. Aber Vorsicht - "immer überschätzt man den Stehenden", heißt es schon bei Elias Canetti.

"Ja", kommentiert Eldred, " in meinem Buch gehe ich dem Phänomen des Werseins nach und zeige unter anderem, daß es dem Wer oder dem Werseienden darum geht, in der Öffentlichkeit Raum einzunehmen und sich zustande zu bringen, daß er eine Sorge um seinen Stand in der Öffentlichkeit hat und haben muß, um "Wer" zu sein. Und genau das ist meine Deutung des Wortes Ständigkeit. Deshalb trägt mein Buch den Untertitel "kaum ständig noch". Dieser Untertitel kommt daher, daß diese unbefragte, unhinterfragte Ständigkeit des Männlichseienden hier hinterfragt wird."

Denn "kaum ständig noch" - kann in unserer Zeit eine andere Dimension des Daseins in den Blick kommen, die der Unständigkeit des Menschseins stattgibt. Es ist eine Weise zu sein, die in den abendländischen Weltverhältnissen allenfalls nur am Rande existierte. Eldred benennt diese mit Weiblichsein - ohne dabei notwendigerweise die Frau im Blick zu haben. Es kennzeichnet eine Offenheit des Daseins für das Sein, die gleichsam neben dem Wersein der Erfahrung der Schwäche, des Nichtwerseins, des Anderen Raum gewährt. Eine mithin fragile, intime Dimension, wo Dasein nicht Wersein heißt. Die Phänomenologie dieses Weiblichseins wird vom Autor in den ebenso schönen wie denkerisch präzisen Passagen zur Freundschaft - auch zwischen Männern -, zum 'ich und du', zur 'Begegnung mit dir dazwischen' entfaltet:

"Die Weiblichkeit also, sofern sie das Miteinander der Menschen betrifft, ist charakterisiert als ein Loslassen von der Sorge um sich selbst, also von der Sorge, sich als Wer zu zeigen und einen Stand einzunehmen."

"Phänomenologie der Männlichkeit. kaum ständig noch" ist ein Buch, das anders ist und einen eigenwilligen philosophischen Weg beschreitet, um der alten Frage nach Männlichkeit-Weiblichkeit nachzugehen. Doch es lohnt sich, diesen Denkweg als Leser oder als Leserin mitzugehen, gerade weil sein Autor gängige Bahnen in Sachen Geschlechtlichkeit neu zu durchdenken gibt.

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