• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenPharaonen in Brandenburg06.05.2010

Pharaonen in Brandenburg

Mumien aus Europa werden erstmals untersucht

Im alten Ägypten glaubte man, ein Leichnam müsste möglichst perfekt konserviert werden, damit er im Jenseits weiterleben könnte. Diese Vorstellung ist dem christlichen Europa fremd - trotzdem begann man hier ab dem 14. Jahrhundert, Tote zu mumifizieren: Zuerst Päpste, Kaiser und Fürsten, dann immer mehr wohlhabende Bürger.

Von Matthias Hennies

Mumien von Tutanchamuns Mutter, Großmutter und Vater Echnaton im Ägyptischen Museum von Kairo. (AP)
Mumien von Tutanchamuns Mutter, Großmutter und Vater Echnaton im Ägyptischen Museum von Kairo. (AP)

Berühmt ist die Kapuzinergruft in Wien: Dort ließen sich über Generationen hinweg die Herrscher aus dem Haus Habsburg bestatten. In den prunkvollen Särgen blieben ihre Körper erhalten, als Mumien. Das war kein Zufall: Man hat die Toten bewusst konserviert. Wie im Alten Ägypten wurden die inneren Organe entnommen und die Gruft ist so gebaut, dass immer ein Luftzug hindurchgeht.

Beide Maßnahmen haben dasselbe Ziel: Sie entziehen dem Leichnam die Feuchtigkeit - und wenn er trocknet, bleiben nicht nur die Knochen des Toten erhalten, sondern er wird zur Mumie.

"Wir verstehen unter einer Mumie einen Körper eines Lebewesens, wo nicht eben nur Knochen erhalten sind, sondern auch Weichteile, das heißt, Muskulatur, Haut und/oder Haare."

Dr. Wilfried Rosendahl ist Mumienexperte bei den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. Er ist erstaunt, wie viele Gewölbe unter europäischen Kirchen so gebaut sind, dass die Bestatteten darin mumifiziert werden – längst nicht nur die Kapuzinergruft in Wien.

"Es waren vor allem gut betuchte Bürger, die sich im kirchlichen Umfeld haben in Grüften bestatten lassen oder eben die Fürsten- oder Adelsgrüfte, wo sich die hochstehenden Persönlichkeiten ihre eigenen Adelsgrüfte geschaffen haben. Ein schönes Beispiel ist die Familiengruft der Familien von Crailsheim in Sommersdorf bei Ansbach, wo wir auch aktiv forschen. Da haben sich die Vorfahren der Familie von Crailsheim ihre Gruft bauen lassen und sich bestatten lassen und dort sind die Körper auch mumifiziert."

Kaum jemand weiß, dass die Mumifizierung mächtiger oder wohlhabender Persönlichkeiten in Europa fast so verbreitet war wie im Alten Ägypten. Rosendahl und seine Kollegen versuchen erstmals einen Übersicht zu bekommen, wie und warum diese Sitte so beliebt war.

In Italien setzte der Boom in der Renaissance ein. Im 14. Jahrhundert ließen sich die Medici – allmächtige Stadtherren von Florenz und Herzöge der Toskana - eine große Familiengruft bauen. Warum wurde es auf einmal wichtig, nicht nur die Erinnerung, sondern auch die Körper der Vorfahren zu bewahren? Der Religionswissenschaftler Reiner Sörries, Professor an der Universität Erlangen, stellt erste Thesen auf:

"Es hat was mit einem neuen Menschenbewusstsein zu tun, einem Erstarken des Bewusstseins der Individualität, was eben in der Renaissance wurzelt und sich dann in die Barockzeit fortsetzt, deswegen haben wir eben nicht nur in Deutschland diese protestantischen Mumien und Kirchengrüfte, sondern wir haben dasselbe Phänomen etwa auch schon bei den Medici in Florenz, in Sizilien, wir haben das in Wien und in Ungarn – also, wir können sagen, dass Mumifizierung zumindest seit der Frühen Neuzeit ein europäisches Kulturphänomen ist."

In Deutschland verbreitete sich die Mumifizierung erst im 16. Jahrhundert – vor allem in protestantischen Gebieten. In den letzten Jahren wurden Mumien in Kirchen Brandenburgs und Niedersachsens gefunden, man hat das Gewölbe unter der Parochialkirche im alten Zentrum Berlins untersucht und die Grüfte der Herzöge von Mecklenburg.

Sörries, der auch das Museum für Sepulkralkultur in Kassel leitet und Experte für Bestattungssitten ist, vermutet: Der veränderte Umgang mit dem Körper der Toten wurde durch die neuen Lehren der Reformation angeregt.

"Die Reformatoren denken ja die Armen Seelen nicht mehr im Fegefeuer gequält umherirrend, sondern Luther denkt sich das postmortale Leben als einen langen traumlosen Schlaf bis zur Auferstehung. Und Luther schreibt tatsächlich auch, für diesen langen, traumlosen Schlaf braucht der Mensch einen Sarg, der für ihn ein 'sanft Ruhebette' ist."

Luthers Vorstellungen sind dann vielleicht im Volksglauben weiterentwickelt worden: Wenn die Seele auch nach dem Tod im Körper beheimatet ist, erscheint es sinnvoll, den Körper zu konservieren. Dazu passt, dass man zur selben Zeit begann, die Toten zunehmend in Särgen zu bestatten. Im Katholizismus vor der Reformation, hatte man sich nur um die unsterbliche Seele gesorgt. Der Körper galt als nebensächlich, er wurde nicht in einen Sarg gelegt, damit er möglichst schnell zerfallen konnte.

Doch wenn das Interesse an der Mumifizierung allein vom protestantischen Weltbild abhinge, dürfte es in katholischen Gegenden keine Mumien geben. Aus katholischen Nachbarländern wie Ungarn, Italien oder Kroatien sind aber ebenfalls zahlreiche Kirchenmumien bekannt geworden. Ganz unwichtig war der Körper auch in der katholischen Glaubenslehre nicht, bestätigt der Religionswissenschaftler Sörries.

"Man muss aber auch sagen, dass die Bewahrung des Körpers in der Vorstellung von leiblicher Auferstehung natürlich auch immer eine Rolle spielte. Bis hin zu den Diskussionen, die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzten um die Feuerbestattung. Die Kirche hat die Feuerbestattung für ihre Kirchenmitglieder bei Strafe der Exkommunikation verboten, weil man eben auch auch kirchlicherseits die Auferstehung an die Bewahrung des Leibes gebunden sah."

Wie stark die Reformation die Sitte der Mumifizierung letztlich beeinflusst hat, warum im katholischen Italien die schönsten Mumien geschaffen wurden - viele Fragen zur kultur- oder religionsgeschichtliche Deutung sind bisher noch offen.

Wilfried Rosendahl, bereits Koordinator des groß angelegten German Mummy Project, möchte daher ein weiteres Mumien-Forschungsprogramm auf den Weg bringen: Stellvertretend für die Hunderte, ja womöglich Tausende von europäischen Kirchenmumien sollen einige Beispiele interdisziplinär untersucht werden:

"Wir wollen sowohl die Gruftarchäologie als auch die Geisteshaltung erfassen, genauso wie die körperlichen Fragen: Sind die Erhaltungsbedingungen gleich, wie ist die Organerhaltung, wie sind die Einzelschicksale?"

Die geistesgeschichtliche Einordnung steht noch am Anfang, die naturwissenschaftlichen Methoden dagegen haben sich bereits bewährt: Sowohl die Mumifizierungstechnik als auch Todesursache, Sterbealter, ja Ernährung der Toten lassen sich ziemlich genau bestimmen. Diese Analyseverfahren sind schon an zahllosen Mumien aus Ägypten erprobt worden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk