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StartseiteUmwelt und VerbraucherMüllsammeln beim Joggen28.03.2018

PloggingMüllsammeln beim Joggen

Am Straßenrand, auf Gehwegen oder auf der Park-Bank: Müll liegt überall - auch auf Joggingstrecken. Schwedische Jogger fingen deswegen an, den Müll beim Laufen zu sammeln. Plogging nennt sich der Trend, den jetzt auch Deutsche entdeckt haben - eine Mischung aus ökologischer Aktion, Sport und Social-Media-wirksamem Lifestyle.

Von Christoph Schäfer

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Drei Männer und zwei Frauen in Sportkleidung stehen mit halbvollen Müllsäcken auf Treppenstufen vor dem Kölner Dom  (Deutschlandradio / Christoph Schäfer)
Plogger in Köln (Deutschlandradio / Christoph Schäfer)
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Mara wirft den Zettel in einen großen schwarzen Müllsack, den sie in ihrer rechten Hand hält. Sie ist 28 Jahre alt, arbeitet im Marketing und ist zum ersten Mal beim Plogging dabei: Sie joggt mit einer Gruppe durch Köln und sammelt dabei Müll.

"Ja, so viel Großes gibt es eigentlich nicht. Ich glaube, die Leute werfen auch eher so Kleinzeug weg. Dann denken die so: Ach, das fällt nicht auf - kann ich hinschmeißen!"

"Wie bist du zum Ploggen gekommen?"

"Die Anita hat mich eingeladen und da habe ich mir gedacht: Das klingt verrückt, da mache ich mit!"

Anita, Journalistin, will nachhaltiger leben.

"Hier Papier von der Bäckerei, Kassenbons – Wahnsinn!"

Inspiriert von schwedischen Ploggern

Deshalb hat sie die Plogging-Gruppe mitgegründet. Das Wort "Plogging" bildet sich aus dem Schwedischen "plocka upp" – das so viel heißt wie "aufheben" - und dem Wort "Jogging". Kombiniert ergeben sie das Wort "Plogging".

Ein Video von schwedischen Ploggern hat Anita auf Youtube entdeckt. Für sie war klar - das könne sie auch. Und deshalb hat sie eine Gruppe in Köln mitgegründet. Seit Februar läuft sie zwei Mal im Monat mit Handschuhen und Müllsäcken: in der Innenstadt, am Rhein und in Parks. Meistens mit etwa 15 Läufern. Dieses Mal sind sie zu sechst. Plogging sei Training für Oberschenkel- und Rückenmuskulatur.

"Wir sind jetzt eine halbe Stunde unterwegs. Haben ungefähr zweieinhalb Kilometer - das ist jetzt nicht sehr viel. Aber es ist trotzdem echt anstrengend, weil man sich eben immer so runter beugt. Der Müllbeute wiegt auch schon ordentlich was. Also der ist voll. Das sind 35 Liter. Ein bisschen was geht noch oben drauf. Aber dann muss ich tauschen."

Kurioses und Unappetitliches

Bei ihren Touren hat Anita schon so einiges gefunden: Zigaretten-Stummel, Flaschen, eine Tastatur. Die Läufer finden aber auch immer wieder Kurioses und auch Unappetitliches.

" Und hier liegen - das ist ja wohl unglaublich! - volle Hundekot-Beutel am Baum.

"Ich habe auch den Fund des Abends gemacht. Falls noch jemand sechs Eier braucht."

"Schön! Sechs Eier."

Zwischen Aktionismus und Lifestyle

Außerhalb von Schweden und Deutschland gibt es Plogging-Gruppen zum Beispiel in den USA, Bosnien-Herzegowina oder Thailand. Weltweit teilen die Müll-Sammler Fotos auf Instagram. Plogging - eine ökologische Aktion, ein Sport oder doch vor allem ein Social-Media-wirksamer Lifestyle?

"Ach, so ein bisschen von allem würde ich sagen", findet Caro - ebenfalls Journalistin und Mitgründerin der Plogger-Gruppe in Köln. Sie findet es gut, wenn die Läufer online auf ihr Hobby aufmerksam machen.

"Ansonsten glaube ich, hängt der Outdoor-Sport und Nachhaltigkeit auch zusammen, weil wir wollen ja nicht im dreckigen See schwimmen. Und wir wollen nicht im dreckigen Park laufen. Von daher sind wir, glaube ich, umweltbewusste Sportler aus einer Notwendigkeit heraus: Weil wir es gerne schön haben wollen."

Plogger sind medienwirksam. Mit ihnen solidarisieren sich auch Unternehmen - auf Twitter zum Beispiel. Dabei produzieren und vertreiben sie selbst Plastik, etwa als Verpackungen.

Anita findet: "Die möchten sich halt einen guten Ruf machen, dass sich was für die Umwelt tun. Aber am Ende zählt ja erst mal, dass sie dann doch etwas tun. Bei großen Unternehmen wächst dann erst mal das Bewusstsein dafür, dass man vielleicht auch weniger Plastikmüll produzieren sollte."

"Das hier ist für mich nur Show"

In der Kölner Innenstadt beobachten Passanten die Plogger, loben sie oder machen sich über sie lustig. Am Kölner Rudolfplatz steht Dawid. Der Soziologie-Student würde grundsätzlich auch mitmachen - sieht das Plogging speziell in der Innenstadt aber kritisch:

"Also ich würde das wegen der Kontakte machen - und wegen dem Rausgehen!"

"Weniger wegen der ökologischen Aspekte?"

" Weniger wegen der ökologischen Aspekte. Denn die Tatsache ist zum Beispiel, dieser Platz hier, wird ständig aufgeräumt. Ergo: Das ist so gesehen unnötig. An anderen Stellen - an Raststätten oder ähnliches - würde es tatsächlich Sinn machen. An Grünflächen, wo keine Aufräumarbeiten hinkommen: Ja! Das hier ist für mich nur reine Farce oder Show!"

Anita denkt anders. Jeder müsse mithelfen, auf Müll zu achten und ihn wegzuräumen. Die Stadtreinigung könne die Arbeit nicht alleine bewältigen. Das sieht die Kölner Abfallgesellschaft ähnlich - und unterstützt die Plogger: Sie stellt Müllsäcke, Handschuhe und am Ende:

"Wir dürfen unsere Müllsäcke jetzt hier an einem extra vorbeigeschickten Müllwagen abgeben. Nabend!"

"Das ist alles! Dürfen wir reinwerfen?"

"Ja klar, am besten hinten."

Nach jedem Lauf schießt die Gruppe ein Selfie - Nur eins von vielen Weiteren: Denn auf der Straße liegt immer genügend Müll - auf den sich die Plogger stürzen werden.

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