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StartseiteKultur heutePolnisches Trauma17.09.2009

Polnisches Trauma

Andrzej Wajdas Film "Das Massaker von Katyn"

1940 werden über 20.000 polnische Militärs und Polizisten durch Sowjets hingerichtet. Im sozialistischen Polen wird das Verbrechen zum Tabuthema. Der polnische Regisseur Andrzej Wajda arbeitet im Film "Das Massaker von Katyn" das Geschehene auf.

Von Josef Schnelle

Zwischen zwei Mühlsteine gerät Polen Ende 1939. Deutschland und die Sowjetunion paktieren kurzzeitig miteinander und teilen das Land unter sich auf. Die Deutschen beginnen mit den Deportationen und überziehen das Land mit Konzentrationslagern. Aber auch der sowjetische Geheimdienst NKWD hat Säuberungspläne. Dunkle Ahnungen durchziehen schon einen aus dem Off eingesprochenen Tagebuchseintrag zu Beginn des Films.

"17. September 1939: Die Nachricht über den Einmarsch der Bolschewisten hat sich bestätigt. Von russischen Panzern umzingelt, legen wir unsere Waffen nieder. Sie behandeln uns wie Kriegsgefangene, obwohl wir keinen Krieg gegen sie geführt haben. Sie haben Offiziere und Soldaten getrennt. Viele Soldaten haben sie nach Hause geschickt, aber uns Offiziere halten sie fest."

Die weiteren Fakten sind bekannt. Über 20.000 Offiziere, Generäle und Polizisten wurden im Frühjahr 1940 im Genickschussverfahren hingerichtet und im Massengrab im Wald von Katyn verscharrt. Unter ihnen befand sich der Vater des polnischen Filmemachers Andrzej Wajda. Der Oscarpreisträger und wohl wichtigste Regisseur seiner Generation hatte also allen Grund, diesen Stoff zu verfilmen. Lange war aber das Thema in Polen ein absolutes Tabu und dann, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, interessierte sich plötzlich keiner mehr für dieses traurige Kapitel des Zweiten Weltkrieges.

1943 entdeckten Soldaten der deutschen Wehrmacht, nun längst nicht mehr mit der Sowjetunion verbündet, das Massengrab. Die Nazipropaganda schlachtete die Gräueltaten der Bolschewisten zynisch aus, während die eigenen Todesfabriken der Massenvernichtung gerade in Polen schon auf Hochtouren liefen.

Nach dem Sieg der Roten Armee und der Befreiung auch Polens von der Schreckensherrschaft der Nazibarbarei galten die Toten von Katyn offiziell als Opfer eines deutschen Kriegsverbrechens, das in der monströsen Zahl der Todsünden des NS-Regimes eigentlich nicht weiter auffiel. Doch es gab noch Zeit- und Augenzeugen. Deren Wahrheit wurde aber der Staatsräson der jungen sozialistischen Brüdergemeinschaft mit der Sowjetunion geopfert.

"Es ist aber eine Lüge. Es stimmt nicht, was die Sowjets sagen, und das wissen Sie."

"Sie hatten Augenzeugen."

"Herr Major, nicht doch. Die Sowjets müssen lügen, um das Verbrechen zu vertuschen. Aber warum lügen Sie?"

"Frau Generalsgemahlin."

"Obwohl Sie es besser wissen. Sie sind genauso wie die."

Die Beschreibung des Sujets verrät schon die Schwierigkeiten des Filmes, der einen höchst komplizierten Fall von doppeltem Verrat und Staatslüge zu verhandeln hat. Wer in Polen die Wahrheit über die Opfer von Katyn einforderte, wurde verdächtigt, nationalsozialistischer Propaganda aufgesessen zu sein. Das Schweigen über Katyn rechtfertige aber die Massenmorde des NKWD, der ja auf Befehl von Stalin und seinem Geheimdienstchef Berija die Konterrevolution des später zu erobernden Landes schon vorweg im Keim ersticken wollte. So wurde Katyn zum Trauma der polnischen Nationallegende.

Meisterregisseur Andrzej Wajda ist der filmische Chronist auch der späteren Befreiungsbewegung der Solidarnosc und hat mit seinen Filmen sein Land immer wieder neu definiert. "Katyn", diese filmische Geschichtsstunde mit großen Aktionen und kleinen privaten Szenen ist ihm sichtlich ein Herzensanliegen. Darunter leiden Dramaturgie und fiktionale Glaubwürdigkeit. Kann ein Film zugleich schlecht sein und unglaublich wichtig? Er kann. Wenigstens einiger Schlüsselszenen wegen.

Haben die Sowjets oder die Nazis den Mann, Vater, Sohn ermordet? Die Finger, die die Todeslisten ansuchen, zittern jedenfalls in gleicher Weise. "Katyn" mag kinematografisch nicht der beste Film Wajdas sein. Zutiefst wahrhaftig und eindrucksvoll ist er trotzdem.

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