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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturProtokoll eines Zeitzeugen und historische Aufarbeitung09.02.2009

Protokoll eines Zeitzeugen und historische Aufarbeitung

Ehrhart Neubert: "Unsere Revolution: Die Geschichte der Jahre 1989/90", Piper Verlag

Er hat mitgeholfen, das SED-Regime vom Sockel zu stoßen. Erhart Neubert, Theologe und Bürgerrechtler. In seinem Buch "Unsere Revolution" beschreibt er den Prozess, der von der Arbeit kirchlicher Friedensgruppen in der DDR über den Fall der Mauer bis hin zur Vereinigung im Oktober 1990 führte. Herausgekommen ist ein Werk mit zwei Gesichtern.

Von Karl Wilhelm Fricke

Ostberliner Grenzbeamte schauen Demonstranten zu, die am 11. November 1989 einen Teil der Berliner Mauer einreißen (AP Archiv)
Ostberliner Grenzbeamte schauen Demonstranten zu, die am 11. November 1989 einen Teil der Berliner Mauer einreißen (AP Archiv)

"Wir sind das Volk."

Oktober 1989. Eine Massendemonstration. Wie viele damals in der DDR - hier in Leipzig. Vorboten eines radikalen Wandels. Revolution oder Wende? Wie ist zu definieren, was vor fast zwei Jahrzehnten zum Zusammenbruch der SED-Diktatur führte? Für Ehrhart Neubert ist das keine Frage. Der Autor qualifiziert das Geschehen zwischen Rostock und Suhl, wie sein Buch schon im Titel signalisiert, als "Unsere Revolution". Ihren Anfang nahm sie in spontanen Massendemonstrationen in nahezu allen Städten der DDR, als die Menschen ihre jahrzehntelang geschürte Angst vor Stasi und Strafjustiz, Kampfgruppen und Volksarmee überwunden hatten. Das war das Entscheidende, wie Ehrhart Neubert in einem Deutschlandfunk-Gespräch einmal betont hat:

"Die Überwindung der Angst war 1989 der eigentliche Zündpunkt der Revolution. Wer Angst hatte, ging nicht auf die Straße, der wollte vielleicht im Westfernsehen angucken, was bei ihm unter dem Haus, unter dem Fenster passierte. Aber wenn die Angst einmal weg war, und das war sie schlagartig Ende Oktober/Anfang November, war die Angst erstmalig gebrochen, und damit die Macht der SED."

Neubert zeichnet den revolutionären Entwicklungsprozess in seinem Buch chronologisch nach. Er stellt die allmähliche Formierung einer DDR-Opposition vorerst unter dem Dach der evangelischen Kirche dar, er macht den widerspruchsvollen Wandel von halblegalen Gruppen zu legalen Bürgerinitiativen anschaulich, er zeigt die Rolle der elektronischen Westmedien auf, Hörfunk und Fernsehen als grenzüberschreitende Medien, die der inneren Opposition in der DDR durch Information den Weg in die öffentliche Meinung und die Selbstverständigung erleichtern, er erschildert, wie aus Bürgerrechtsinitiativen politische Parteien werden, die die Massen mobilisieren bis zur politischen Entmachtung der SED. Nachvollziehbar wird die
Rückgewinnung demokratischer Rechte an Runden Tischen bis hin zur Durchsetzung erstmals freier Wahlen zur DDR-Volkskammer. In dieser Phase wurde auch der verfassungsrechtlich verankerte Führungsanspruch der SED getilgt.

Der neue Artikel 1 der Verfassung hieß nun: "Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land".

Dass der Nachsatz "unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei" weggefallen war, hatte seine tiefe symbolische Bedeutung. Ein besonderer Vorzug des Kompendiums besteht darin, dass der Verfasser die Zeitgeschichte nach der Beseitigung des alten Regimes fortschreibt bis zur deutschen Wiedervereinigung.

Damit stützt er zugleich seine These von der Einzigartigkeit der Revolution in der DDR, insoweit in ihr die Ideen von Freiheit und Nation erstmals in der deutschen Geschichte eine erfolgreiche Verbindung eingegangen sind. Seine deutlich hervortretenden Sympathien für Helmut Kohl hindern ihn nicht, auch kritische Anmerkungen zu seiner Politik zu machen, ebenso zu politischen Fehlurteilen anderer West-Politiker - speziell ihr mangelndes Verständnis für die DDR-Opposition.

Indes ist der Buchtitel auch auf andere Weise legitim. Ehrhart Neubert hat selber zu den Akteuren der Revolution gezählt. Er hat sie in seinem Umfeld politisch mit gestaltet. Die eigene Vita ist von ihr nicht zu trennen. Daher konnte und wollte Neubert seine Geschichte der '89er Revolution auch nicht mit der Distanziertheit des akademischen Chronisten schreiben. Seine Darstellung reflektiert sein eigenes Engagement in der
DDR-Opposition.

Seine Biografie ist exemplarisch für viele Oppositionelle. Jahrgang 1940, gebürtig aus Thüringen, wird der studierte Theologe und Religionssoziologe zum aktiven Bürgerrechtler. Die Entmachtung der SED erlebt er in Ost-Berlin. Zusammen mit Rainer Eppelmann, Friedrich Schorlemmer und anderen trägt er 1989 dazu bei, dass sich die weithin evangelisch geprägte Initiativgruppe Demokratischer Aufbruch, im revolutionären Herbst '89 als Partei konstituiert.

Neubert, einer ihrer führenden Köpfe, bringt sich voll ein, er wirkt am Zentralen Runden Tisch mit. 1995 schließt er sich der CDU an. Hervorzuheben ist nicht zuletzt, dass sich der Autor in seinem Kompendium nicht auf die DDR beschränkt, sondern den Blick weitet auf die jüngste Geschichte im europäischen Kontext.

Die ostmitteleuropäischen Völker, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Fesseln des Kommunismus gelegt worden waren, haben in einer beispiellosen Welle von Revolutionen 1989 und 1990 ihre Freiheit errungen und demokratische Republiken gegründet. Eine dieser Revolutionen ist auch die deutsche - "unsere Revolution".

In seiner Rezeption des Revolutionsbegriffs bezieht sich Neubert auf Hannah Arendt, wie er unlängst erst in einer Podiumsdiskussion in Berlin erneut bekräftigt hat:

"Zur Revolution gehört, und da berufe ich mich im Wesentlichen, das ist auch meine wichtigste theoretische Vordenkerin, auf Hannah Arendt, die eben Revolution dort sieht, wo es zum Sturz einer autoritären, diktatorischen Macht kommt, wo die Freiheit von einem Volk, von einer Gesellschaft errungen wird, und wo diese Freiheit durch Institutionsbildung befestigt wird, auf Dauer gestellt wird."

Der Autor hat Myriaden von Archivalien ausgewertet, Stasi-Akten und Erlebnisberichte, und er hat Zeitzeugen befragt. Als
Mit-Akteur der Revolution bereichert er ihre Chronik um eine Fülle von Details, Namen, Daten. Hintergrundwissen und internen Erkenntnissen. Verschiedentlich wird von ihm der sprachpolitische Aspekt der Revolution herausgearbeitet, die Selbstartikulation der Demonstranten in originellen, spontan formulierten Losungen, in denen die politische Willensbildung ihren unmittelbaren Ausdruck fand. Der Zeitzeuge als Historiker - der Historiker als Zeitzeuge. Neubert schreibt meinungsfreudig, eine klare, gut lesbare Sprache, spannend, gelegentlich essayistisch, ein sorgfältig recherchiertes Werk, das mit guten Gründen von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert worden ist.

Erhart Neubert: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90. Erschienen im Piper Verlag, 520 Seiten für 24 Euro 90. Karl Wilhelm Fricke hat das Buch für uns gelesen.

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