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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Gesundheit: Raucherentwöhnung17.01.2012

Radiolexikon Gesundheit: Raucherentwöhnung

Der schwierige Weg weg vom Tabak

Nikotin wirkt wie ein Opiat auf das sogenannte Belohnungszentrum des Gehirns. Dieses Belohnungssystem dient normalerweise dazu, dass man immer wieder versucht etwas zu lernen, weil jeder Erfolg neue Freude und Hochgefühle auslöst. Weil hier Nikotin das Wohlgefühl auslöst, führt dieser Mechanismus zur Sucht.

Von Cajo Kutzbach

Rauchen verboten - viele Raucher versuchen verzweifelt, ihrem Hirn diese Botschaft zu vermitteln. (AP)
Rauchen verboten - viele Raucher versuchen verzweifelt, ihrem Hirn diese Botschaft zu vermitteln. (AP)

Mit Rauchen aufzuhören, spottete Mark Twain, sei ganz einfach. Er habe das schon hundert Mal geschafft. Wie schwer es wirklich ist, zeigt die Statistik. Professor Anil Batra, Leiter der Abteilung Suchtforschung und Suchtmedizin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Tübingen:

"Dieser Spruch ist jedem Raucher vertraut: Morgen hör ich auf! Nach einem Jahr sind 97 Prozent derjenigen, die gesagt haben 'Morgen hör ich auf!' ganz normal am Weiterrauchen. Drei Prozent Erfolg, oder manchmal sagen Studien fünf Prozent, das ist nicht wirklich viel."

Mit dem Rauchen aufzuhören ist schwierig.

"Ich hab mir Gedanken über meine Gesundheit gemacht. Ich hab's ja gemerkt, das hat mir einfach nimmer gut getan. Und dann hab ich's probiert apothekenmäßig mit Pflaster, dann mit so weniger rauchen, und hatte damit überhaupt keinen Erfolg."

Warum ist das Aufhören so schwer? Weil es eine Sucht ist, die auf drei Wegen greift. Professor Anil Batra beschreibt den ersten:

"Das Nikotin wirkt wie Opiate, wie Kokain, Amphetamin und auch Alkohol auf das sogenannte Belohnungszentrum des Gehirns. Das ist ein Kerngebiet, ein Areal im Gehirn, was mit Dopamin arbeitet und wo die Gabe von solchen Substanzen wie Nikotin, Alkohol oder Heroin zu einer vermehrten Ausschüttung von Dopamin führt, was korreliert ist mit der befriedigenden Wirkung oder als befriedigend erlebten Wirkung dieser Suchtmittel."

Dieses Belohnungssystem dient normalerweise dazu, dass man immer wieder versucht etwas zu lernen, weil jeder Erfolg neue Freude und Hochgefühle auslöst. Weil hier Nikotin das Wohlgefühl auslöst, führt dieser Mechanismus zur Sucht.

Der zweite Mechanismus beruht darauf, dass Nikotin im Hirn an Rezeptoren - also Empfängern - landet, die eigentlich für einen ähnlichen Stoff gedacht sind. Dadurch wird die Versorgung mit diesem Stoff gestört und der Körper bildet, um das auszugleichen, zusätzliche Rezeptoren:

"Der Raucher - hat man nachgewiesen - hat im Vergleich zum Nichtraucher in einigen Arealen des Gehirns nachher fast doppelt so viele dieser Rezeptoren."

Die verlangen nach Nachschub, was eine körperliche Sucht auslöst. Drittens gibt es noch die psychische Abhängigkeit, denn manche können sich durch Rauchen entspannen, andere können sich besser konzentrieren. Rauchen wird dann zur Gewohnheit.

Wer mit dem Rauchen aufhören will, muss mit den genannten drei Suchtmechanismen fertig werden. Da jeder Mensch anders ist, gibt es kein Patentrezept. Anil Batra:

"Wir gehen davon aus: Es gibt 20 Millionen Raucher und wahrscheinlich 20 Millionen Motive Tabak zu konsumieren. Jeder hat seine eigene Geschichte mit dem Tabak, und jeder hat seine eigenen Rückfall-gefährlichen Situationen und jeder hat ein unterschiedliches Ausmaß an psychischer oder biologischer Abhängigkeit. Sogar die Genetik spielt eine Rolle und beeinflusst natürlich auch das Verlangen zu rauchen."

Weil es unbezahlbar wäre, jedem eine auf ihn zugeschnittene Therapie zu bieten, forschten die Tübinger Wissenschaftler nach Rauchertypen. Sie fanden vier Gruppen:

"Die eine Gruppe haben wir beschrieben als den Raucher der eher so aus sozialen Motiven heraus raucht. Es gibt eine zweite Gruppe, die eher so selbstunsicher ist und versucht, schlechte Stimmungen "wegzurauchen". Die dritte Gruppe weist eher so Eigenheiten auf, dass sie sich selber für alles mögliche interessiert, sehr dynamisch ist und sich auch mit dem Nikotin zu stimulieren vermag. Und die vierte Gruppe ist diejenige, die keine dieser psychischen Auffälligkeiten hat, aber eine starke körperliche Abhängigkeit entwickelt und im Augenblick des Absetzens von der Zigarette oder des Aufhörens des Rauchens Entzugssymptome entwickelt, die sehr unangenehm sind und rasch wieder zum Rückfall führen."

Rückfälle sind bei einer Sucht leider fast normal. Trotzdem sollte, wer aufhören möchte, ruhig erst mal selbst versuchen. Einige schaffen es allein, allerdings meistens nicht beim ersten Versuch:

"Das war von heute auf Morgen. Ich habe mich abends entschieden und habe morgens aufgehört. Das war das zweite Mal. Ich hatte vor - entweder müssen's vier oder fünf Jahre gewesen sein - dass ich mal vier Monate nicht geraucht habe."

Manche möchten aufhören, wissen aber nicht so recht wie. In Büchereien findet man etwa 20 Bücher zum Thema. Und dass Texte helfen können, ist belegt. Anil Batra:

"Bücher, Selbsthilfematerialien sind eine Sache. Es gibt ein paar Internet-Seiten, wo man auch durch so einen Kurs geführt wird. Auch da ist man nicht gezwungen sich mit anderen auszutauschen, sondern kann das ganz allein für sich machen. Und es gibt in Deutschland auch zwei größere Beratungstelefone, wo ebenfalls Experten ganz anonym am Telefon Ratschläge geben und auch einen zweiten oder dritten Anruf dann zur Gelegenheit nehmen zu fragen, wie denn die Schwierigkeiten waren und ob sie gut bewältigt wurden."

Diese Hilfsangebote unterstützen alle, die es erst Mal alleine versuchen wollen. Es kann aber auch hilfreich sein, wenn man es mit einer Wette versucht, oder das Aufhören groß ankündigt, wenn das hilft, sich selbst ein wenig unter Druck zu setzen.

"Für manche mag auch eine Rolle spielen, dass sie in der Zeit, wo sie auf den Tabakkonsum verzichten wollen, vielleicht auch den Alkoholkonsum weg lassen in den ersten Abenden. Wir wissen alle: Die guten Vorsätze sind alkohollöslich... ."

...und der Wille nicht zu rauchen, kann ins Wanken geraten.

"Man muss also innerlich bereit sein und sagen: Nein! Jetzt ist Schluss!"

Wer es trotzdem allein nicht schafft, aber aufhören möchte, braucht eine professionelle Raucherentwöhnung. Die wird aus Kostengründen in der Gruppe durchgeführt. Einzeltherapien wären allerdings erfolgreicher, weil sie ganz gezielt die Probleme des jeweiligen Menschen angehen könnten.

Andererseits ist es für manche eine große Erleichterung zu sehen, dass auch andere einen schweren Kampf mit der Sucht kämpfen und sie nicht allein sind. Raucherentwöhnung bezahlen die Krankenkassen meistens als freiwillige Leistung, nicht jedoch die Medikamente, die manchmal zur Unterstützung gegeben werden, etwa Nikotinersatzpräparate.

"Die Tabakentwöhnungsbehandlungen - speziell jetzt diese vorhin genannten Behandlungen auf dem höheren Niveau -, Raucherentwöhnungsgruppen mit medikamentöser Unterstützung, die führen dann langfristig zu Erfolgsquoten von 30 bis 35 Prozent nach einem Jahr kontinuierlicher Abstinenz. Das ist also schon fast zehn Mal mehr, als der alleinige Entschluss bringen würde. Aber es ist auch nicht 100 Prozent und zeigt noch mal, wie schwer das Problem in den Griff zu kriegen ist."

Auch bei professioneller Unterstützung kommt es zu vielen Rückfällen. Nur sollte man sich davon nicht entmutigen lassen und auch nicht lange warten, sondern bald einen neuen Versuch unternehmen:

"Sucht ist eine Erkrankung, wo Rückfall zum Geschäft gehört, wo es immer wieder auch um Rückfall-Überwindung geht. Aber damit ist dann für die Allermeisten ein guter Ausstieg möglich."

Manchmal hilft es auch sich selbst zu überlisten, etwa so:

"Eigentlich will ich ja gar nicht das Rauchen aufhören. Ich will nur mal ausprobieren: Wer ist denn stärker? So eine kleine Zigarette oder ich? Und das hab ich mir immer eingeredet, eingeredet. Naja gut, das muss ja geholfen haben, sonst wäre ich ja jetzt nicht rauchfrei."

Es gibt viele Wege das Rauchen aufzugeben, aber rasch wird man die Sucht und ihre Folgen nicht los:

"In der Zwischenzeit sind's jetzt ja dreieinhalb Jahre ungefähr. Jetzt hab ich das Verlangen ab und zu immer noch, aber ich stelle fest, es wird schwächer und nimmer so oft."

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