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Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteSprechstundeRadiolexikon Hallux valgus04.03.2008

Radiolexikon Hallux valgus

Hallux valgus, auch Überbein oder Frostballen genannt, ist die häufigste Zehenfehlstellung. Der große Zeh ist in Richtung der andern Zehen abgewinkelt und kann im Extremfall sogar über oder unter den zweiten Zeh stehen. Charakteristisch sind die Schmerzen, oft bilden sich am Ballen Druckstellen.

Von Carsten Schroeder

Füße in die Luft gestreckt (Stock.XCHNG / Matthew Bowden)
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"Manchmal wach ich nachts auf und hab stechende Schmerzen. Manchmal einfach so zwischendurch kommt es als wenn man mit dem Messer rumsticht an dem Zeh, ne."

Elisabeth Paffhausen zeigt auf ihren linken großen Zeh.

"Das sind stechende Schmerzen als wenn einer da mit einem glühenden Messer an dem Knochen rumsäbelt, so würd ich das beschreiben."

Sie ist zur Untersuchung im Remigius-Krankenhaus Opladen bei Chefarzt Dr. Daniel Frank. Ihr linker Fuß wird zuerst im Stehen untersucht.

"Frau Paffhausen, können Sie mal den Fuß frei machen und sich einmal hinstellen. Man sieht im Stand mit belastetem Fuß, dass der Vorfuß breiter wird als ohne Belastung. Man erkennt dass die Großzehe nach außen abweicht und dass der Ballen prominenter wird. Teilweise ist der Ballen gerötet, ist der Druck schmerzhaft und grade im engen Schuhwerk bereitet das der Patientin ziemlich Probleme."

Danach wird der Fuß im Liegen begutachtet.

"Legen Sie sich einmal. Man untersucht dann den Fuß im Liegen. Zum einen überprüft man die Beweglichkeit im Großzehengrundgelenk, ob die Patientin da einen Schmerz verspürt, so wie es jetzt grade ist. Dann die seitliche Bewegung, wie steif die Zehe im Gelenk ist, ob sie sich noch in die grade Position wieder einstellen läßt und man schaut sich den Fuß von unten an, ob die Patientin unter der Großzehe eine Hornhautschwiele hat oder, was sehr häufig ist, auch eine Hornhautschwiele unter dem zweiten Zeh."

Die Diagnose steht fest: Hallux valgus, auch Überbein oder Frostballen genannt, die häufigste Zehenfehlstellung. Der große Zeh hat dabei nicht mehr seine natürliche Stellung. Er ist in Richtung der andern Zehen abgewinkelt und kann im Extremfall sogar über oder unter den zweiten Zeh stehen. Außerdem ist der Ballen unterhalb des großen Zehs vorgewölbt.

"Die lateinische Bezeichnung Hallux bedeutet Großzehe und valgus bedeutet, dass die Großzehe ihre Lage verschoben hat, aus der Mittelachse nach außen abgewichen ist.

Charakteristisch sind die Schmerzen, die meistens im großen Zeh und im Bereich des Ballens entstehen. Oft bilden sich dort Druckstellen.

"Gelegentlich ist die Druckstelle so stark geworden, dass ein offenes Geschwür entstanden ist. Da muss man sehr vorsichtig sein, weil diese offenen Geschwüre sich schnell infizieren können und die Infektion schon mal auf den Knochen übergreift. So weit sollte man es nicht kommen lassen. Dann beklagen die Patienten Schmerzen unter dem Vorfuß in Höhe der Schwielen. Gelegentlich bei längerem Laufen eine Schwellneigung und eben diese stechenden Schmerzen, die die Patientin eben schilderte, als wenn jemand mit dem Messer reinstechen würde."

"Haben Sie Schmerzen hier unter dem Fuß, wenn ich hier drücke? - Ja - Müssen Sie regelmäßig zur Fußpflege gehen und die Schwielen wegmachen - ja - das machen Sie. Die Schwiele entsteht immer da? - ja - wie lange dauert es, bis die Schwiele wiederkommt? - alle vier Wochen - alle vier Wochen. Also es gibt Patienten, die müssen alle zwei Wochen, manche noch in kürzeren Abständen hingehen. Grade die Schwielen verursachen ziemliche Schmerzen. (blenden)"

Weil der Fuß immer wieder an derselben Stelle stark belastet wird, entsteht dort eine Schwiele.

"Wenn wir im Vorfußbereich eine verstärkte Belastung von der Großzehe auf die Kleinzehen transferieren, reagiert der Körper ebenfalls mit einer Schwiele. Die Schwiele ist nicht sehr angenehm, weil die Schwiele sehr hart ist. Wenn die Schwiele sehr dick wird, kann es sein, dass die Schwiele einreißt. Diese Risse gehen sehr tief in die Haut und sind sehr unangenehm, wirklich sehr schmerzhaft. Man muss sagen, die Schwiele bleibt solange oder kommt solange wieder, wie das Übel, in diesem Fall der Spreizfuß oder Hallux valgus nicht beseitigt werden."

Der Hallux valgus tritt häufig in Verbindung mit einem Spreizfuß auf. Beim Spreizfuß wird der Fuß breiter und die Hauptbelastungspunkte beim Stehen und Gehen verlagern sich.
Hallux valgus und Spreizfuß beeinflussen sich gegenseitig und zwar negativ. Wer einen Spreizfuß hat, wird eher einen Hallux valgus bekommen.

"Der Grund, warum ein Hallux valgus entsteht, ist immer noch nicht endgültig geklärt. Wir wissen, dass gewisse Formgebung des Fußes, die Stellung der Gelenke im Fuß einen Hallux valgus prädestinieren, genauso wie eine gewisse Bindegewebsschwäche. Es kommen aber auch neben körpereigenen Faktoren Einflußfaktoren von außen hinzu, zum Beispiel die Schuhmode, das Tragen von hohem Schuhwerk, das Laufen auf plattierten Ebenen und eine gewisse Imbalance der Muskulatur zwischen den gegenläufigen Muskeln; also in dem Fall v.a. zwischen den Muskeln, die die Zehe abspreizen und anspreizen. Wenn das Gleichverhältnis nicht mehr da ist, das Gleichmaß, dann rutscht der Zeh in eine Position, so dass der Ballen auf der Innenseite sichtbar wird und die Zehe nach außen zu den kleinen Zehen abweicht."

Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Der Hallux valgus entsteht im Laufe der Jahre, sodass die Häufigkeit im Alter zunimmt. Doch nicht jede Frau, die spitze Schuhe trägt, bekommt einen Hallux valgus. In manchen Familien tritt die Erkrankung gehäuft auf.

"Als Behandlung für die Schmerzen, die Salbenbehandlung, die Injektion, die Tabletten. Gegebenenfalls auch eine Einlagenversorgung, entsprechendes Schuhwerk, auch Schuhzurichtung wie Abrollsohlen können helfen. Wenn die Maßnahmen erschöpft sind, der Patient nicht ausreichend beschwerdefrei, sollte man eine Operation in Erwägung ziehen. Und hier gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Operationen, die sich dann anhand des Schweregrades des Hallux valgus und des Spreizfußes orientiert."

Kühlende Salben oder Eis, schmerzlindernde Medikamente oder Einlagen, das alles kann nur die Beschwerden lindern, nicht aber die Entstehung eines Hallux valgus vermeiden.

"Also die Entzündung, die dann im Großzehengrundgelenk entsteht, ist letztendlich der auslösende Moment, warum der Patient zu uns kommt. Durch die fehlerhafte Stellung der Zehe kommt es zu einer Überlastung des Knorpels, damit zu einem Verschleiß und einer Gelenkentzündung. Und dann ist meistens der Zeitpunkt gegeben, wo der Patient sich zu einer Opereation entschließt."

Bei den Operationsverfahren gibt es etwa 150 verschiedene Methoden, je nach Befund des einzelnen Patienten. Deshalb wird Elisabeth Paffhausen geröntgt. Morgen soll sie operiert werden. Dr. Frank zeigt auf ihr Röntgenbild:

"Frau Paffhausen, hier sehen Sie ihr Röntgenbild. Wir haben das Röntgenbild in zwei Ebenen aufgenommen. Man röntgt im Stand von oben betrachtet den Fuß, sodass man den Mittelfuß sieht, den Mittelfußknochen und die Zehen. Und wir schauen uns das ganze noch im seitlichen Bild im Stand an. Von oben erkennt man, dass der erste und zweite Mittelfußknochen auseinandergespreizt sind. Der Abstand hier gibt uns vor, welche Operationsmethode wir wählen."

"Haben Sie eine Frage zu dem, was wir machen? - Was passiert denn jetzt mit dem Ballen? - Nachdem das Gelenk geöffnet worden ist, wird der knöcherne Überstand, der sich auf der Innenseite des Großzehengrundgelenks zeigt, abgetragen entweder mit einer Säge oder mit einem Meißel und anschließend werden über die Weichteile die Zehe wieder gradegerichtet. Die Nachbehandlung bedeutet, dass Sie einen Vorfußverband bekommen. Sie können nach der Operation sofort wieder mit voller Last auftreten, sie brauchen keine Gehstützen. Der Vorfußverband ist für drei Wochen erforderlich. Da Sie mit dem Verband in keinen normalen Schuh kommen, bekommen Sie von uns einen Therapieschuh."

"Ich walke gern, so ein- bis zweimal die Woche. Ab wann darf ich den Fuß wieder so belasten, dass ich das wieder machen oder wandern kann? - Die sportliche Belastung setzt in der Regel wieder ab der achten Woche ein. Bei manchen Patienten geht es etwas schneller, bei manchen dauerts länger. So plus minus zwei Wochen sollte man einkalkulieren.

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