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StartseiteEuropa heuteRutschbahn in die Schuldenfalle28.08.2007

Rutschbahn in die Schuldenfalle

Spanier fürchten weltweite Kreditkrise

Acht von zehn Spaniern leben in teuer erworbenen Immobilien. Rund 70 Prozent ihres Einkommens müssen sie aufwenden, um die Schulden abzuzahlen. Da geraten viele in die Schuldenfalle. Aus Madrid berichtet Hans-Günter Kellner.

Häuserzeile im Zentrum der spanischen Hauptstadt Madrid. (Stock.XCHNG / Pierre Benker)
Häuserzeile im Zentrum der spanischen Hauptstadt Madrid. (Stock.XCHNG / Pierre Benker)

Lydia Blanco hat Besuch. Die Nachbarin ist gekommen, es riecht nach frischem Kaffee, Plätzchen stehen auf dem Tisch. Lydia blättert im Wirtschaftsteil der Tageszeitung und macht sich Sorgen: Sowohl sie wie ihre Nachbarin haben sich gerade eine Wohnung gekauft, sind hoch verschuldet und aufgeschreckt durch die Finanzkrise, die in aller Munde ist. Die steigenden Zinsen machen Lydia zu schaffen:

"Bisher hatte ich mich darum nicht gekümmert. Aber nächsten Monat wird mein Kredit an die Zinsentwicklung angepasst. Und die Zinsen sind gestiegen. Das heißt, ab Oktober werde ich 100 Euro mehr bezahlen müssen. Wenn die Raten jetzt alle sechs Monate um 100 Euro steigen, bekomme ich Probleme. Schließlich steigt mein Lohn ja auch nicht um 200 Euro im Jahr."

120.000 Euro hat sich die 31-Jährige von der Bank für den Wohnungskauf geliehen. Bald wird sie dem Institut 750 Euro monatlich zurückzahlen müssen. Und auch die Möbel hat sie auf Raten gekauft. Von ihrem Gehalt von 1200 Euro bleibt da wenig übrig. Kein Einzelfall, eher die Regel im hochverschuldeten Spanien: Als die Zinsen noch bei zwei Prozent lagen, war das alles kein Problem. Doch jetzt zahlen sie fünf Prozent Zinsen. Das merkt inzwischen auch die Schuldnerberatung der Organisation der Bank- und Sparkassenkunden, ADICAE. Deren Sprecher Fernando Herrero berichtet:

"Seit sechs Monaten kommen immer mehr Menschen, die Probleme mit ihren Hypothekenkrediten haben. Es ist zwar noch nicht dramatisch. Bisher versteigern die Bank Wohnungen nur in Einzelfällen. Aber es kommen immer mehr, die wissen wollen, wie sie mit ihren Banken verhandeln, längere Laufzeiten bekommen und verschiedene Kredite zusammenfassen können. Die Probleme mit den Schulden nehmen zu."

Bei rund 160.000 Euro liegt der durchschnittliche Wohnungskredit in Spanien. Heute ist die monatliche Belastung für einen solchen Kredit um fast 200 Euro höher als vor zwei Jahren. Für die eigenen vier Wände scheuen die Spanier keine Mühen. Ein Leben zur Miete können sich nur wenige vorstellen. So verschulden sie sich angesichts immer höherer Wohnungspreise immer weiter - und für immer längere Zeit. Einige Banken bieten jungen Erwachsenen Kredite mit Laufzeiten von bis zu 50 Jahren an. Verbraucherschützer Herrero warnt:

"Wenn die Zinsen weiter steigen, ein bis zwei Punkte noch, dann können Zehntausende ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Mit der steigenden Belastung werden mehr Leute ihre Wohnungen verkaufen müssen - vielleicht sogar unter dem einstigen Kaufpreis. Die Banken bekämen dann ihr Geld nicht mehr zurück. Ein solcher Einbruch hätte schlimme Folgen."

Denn jeder zehnte Arbeitsplatz hängt in Spanien von der Bauindustrie ab. Die Immobilienbranche klagt darüber, dass es immer länger dauert, bis eine Wohnung verkauft ist. Die Käufer verhandelten bei einer solchen Entwicklung die Preise nach unten. In Madrid seien jetzt erstmals seit sieben Jahren die Wohnungspreise nicht mehr gestiegen. Das sagt César Oteiza vom Internet-Immobilienportal idealista.com. Dennoch ist er optimistisch:

"Es kommt auch darauf an, wie schnell das passiert: Platzt die Immobilienblase, oder flaut die Nachfrage nach und nach ab? Im Augenblick sieht es nicht danach aus, als würde da eine Blase platzen. Gegenwärtig haben wir noch Vollbeschäftigung. Unsere Wirtschaft wächst um mehr als drei Prozent im Jahr. Selbst ein Einbruch wäre da zu verkraften. Spanien ist heute stärker als in anderen Krisen vergangener Jahre."

Aber selbst wenn es nicht zum großen Einbruch kommt, schon jetzt bleiben die Kühlschränke in vielen spanischen Küchen am Monatsende leer. Lydia wird nach der bereits angekündigten Zinserhöhung wieder öfter bei ihren Eltern in der Innenstadt und nicht in der eigenen Wohnung essen. Und wenn die Raten weiter steigen?

"Dann müsste ich ganz zu meinen Eltern zurück und meine Wohnung vermieten oder vielleicht sogar verkaufen. Diese Aussicht erschreckt mich schon."

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