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Sammlung Karlheinz Essl Kunst als Geisel privater Fehlinvestitionen

Thomas Trenkler im Gespräch mit Christoph Schmitz

Außenansicht des Essl Museums in Klosterneuburg in der Nähe von Wien. 
Essl Museum in Klosterneuburg. (dpa / Herbert Pfarrhofer)

Karlheinz Essl hat über 60 Jahre lang zeitgenössische österreichische Kunst gesammelt und dafür ein eigenes Museum in Klosterneuburg bauen lassen. Jetzt hat der Inhaber der Baummarktkette Baumax finanzielle Schwierigkeiten und will die Sammlung komplett an den österreichischen Staat verkaufen. Thomas Trenkler, Feuilleton-Redakteur beim Wiener "Standard" über die Hintergründe.

Christoph Schmitz: 7000 Bilder retten und dazu 4000 Arbeitsplätze. Das klingt nach einem kulturpolitischen Coup. Das Kulturministerium in Österreich denkt darüber nach, Kulturminister Josef Ostermayer von der SPÖ. Die 7000 Bilder, davon rund die Hälfte von zeitgenössischen Künstlern aus Österreich, gehören seit einigen Jahrzehnten einem Privatmann, Karlheinz Essl. Der Unternehmer hat für sie sogar ein eigenes Museum bauen lassen, in Klosterneuburg in der Nähe von Wien. Viele Stücke der Dutzende, vielleicht einige hunderte Millionen Euro teuren Sammlung stammen etwa von Maria Lassnig oder Georg Baselitz.

Gekauft hat sie Karlheinz Essl mit dem Geld, das er mit seiner Baummarktkette Baumax verdient hat. Die steht aber vor der Insolvenz. Essl will das Unternehmen retten durch den Verkauf seiner Sammlung – an den österreichischen Staat am liebsten.

Thomas Trenkler, Redakteur beim "Standard", wie sieht der Stand der Verhandlungen zwischen Karlheinz Essl und dem Kulturminister Ostermayer aus? Das habe ich ihn vor der Sendung gefragt.

Thomas Trenkler: Der Kulturminister hat schon festgestellt, dass er den Preis aus dem Kulturbudget nicht bestreiten kann. Also wenn, muss die Regierung eine solche Entscheidung treffen, und der Finanzminister hat dieses Geld locker zu machen.

Schmitz: Und seine Ministerkollegen, haben die sich schon geäußert? Würden die das Geld locker machen für die Sammlung?

Trenkler: Da gibt es voraussichtlich am 2. April einen Runden Tisch, ein Gipfeltreffen. Bei dem wird teilnehmen der Sozialminister (der will natürlich die Arbeitsplätze erhalten wissen), der Finanzminister, das Ehepaar Essl und es kommen wahrscheinlich auch Direktoren der österreichischen Bundesmuseen dazu, oder die werden im Vorfeld gehört werden, denn die haben sich nun sehr kritisch zu der Sammlung und zu dem Ankauf geäußert.

Kritik an einem möglichen Ankauf

Schmitz: Welche Kritik üben die Museumsleiter der staatlichen Museen in Österreich an dem möglichen Ankauf der Sammlung?

Trenkler: Die österreichischen Bundesmuseen haben schon seit ungefähr einem Jahrzehnt fast keine Erhöhungen bekommen und sie haben eigentlich fast kein Ankaufsbudget. Jeder Museumsdirektor, der zeitgenössische Kunst sammelt oder sammeln darf, kommt auf die Idee, zum Beispiel Bilder von Maria Lassnig zu erwerben. Maria Lassnig ist sicher das österreichische Aushängeschild. Die Museumsdirektoren sagen, "Wir sind hier die Fachleute, gebt uns ein Ankaufsbudget und wir kaufen nach unserem besten Wissen und Gewissen die beste Qualität an". Bei Karlheinz Essl ist es so, das ist zumindest der Vorwurf, dass der vor allem Masse gekauft hat und nicht so sehr auf die herausragende Qualität geachtet haben soll.

Kontroverse um den Stellenwert der Sammlung

Schmitz: Gäbe es die Sammlung Essl nicht, gäbe es keine Übersicht der österreichischen Kunstgeschichte der letzten 60 Jahre - so formulierte es ein Kunstkenner in Österreich. Die Sammlung Essl sei "nationales Kulturgut". Müsste Österreich die Sammlung im Paket kaufen und sie vor der Zerschlagung und vor dem Einzelverkauf bewahren, wenn man diesen Einschätzungen der Qualität der Sammlung Glauben schenken sollte?

Trenkler: Dieser Experte ist im Dienste von Essl. Man darf seine Aussage daher ein bisschen in Zweifel ziehen. Natürlich gibt es andere Museen in Österreich, die gerade die Kunstentwicklung der letzten 60 Jahre sehr, sehr schön und gut darstellen. Das ist zum Beispiel das Belvedere, das spezialisiert ist auf die österreichische Kunst seit 1900. Es gibt auch andere Bundesmuseen, die sich mit österreichischer Kunst der Gegenwart beschäftigen. Also das stimmt einfach nicht, dass einzig bei Essl die Kunstentwicklung der letzten sechs Jahrzehnte nachzuvollziehen sei.

Schmitz: Wie schätzen Sie die Lage ein? Sollte der Staat aktiv werden, wegen der Kunst, wegen der Arbeitsplätze, oder was sagen Sie?

Rote Zahlen werden nicht in Österreich geschrieben

Trenkler: Ich kann jetzt wegen der Arbeitsplätze nicht so reden. Ich bin Kunstexperte oder Kunstredakteur. Das muss der Sozialminister entscheiden. Die Hauptprobleme von Baumax liegen in Osteuropa. Hier wurden hohe Schulden angehäuft, hohe Verluste eingefahren. Essl stellt natürlich eine Verbindung her zwischen der Kunstsammlung und den inländischen Angestellten, also den Angestellten in Österreich. Die österreichischen Baumärkte aber schrieben positive Zahlen. Die österreichischen Arbeiter, Mitarbeiter sind gar nicht betroffen von der Entwicklung in Osteuropa. Das ist mal das eine.

Und das andere ist: Der österreichische Staat sollte, so sind viele inzwischen zu dieser Überzeugung gelangt, Teile der Sammlung ankaufen, also vielleicht den Maria-Lassnig-Bestand, vielleicht auch Teile von Arnulf Rainer und so weiter. Aber einen Ankauf in Bausch und Bogen, davon rät man ab, auch aus dem Grund, weil Karlheinz Essl sein Lebenswerk komplett erhalten wissen will. Er möchte, dass der Staat die Sammlung in seinem Museum belässt, in Klosterneuburg, und dass der Staat die Mietkosten für das Gebäude trägt und die Betriebskosten trägt, und so weit kann es, glaube ich, nicht gehen.

Schmitz: ... , sagt Thomas Trenkler über den möglichen Verkauf der Kunstsammlung Essl an den österreichischen Staat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



Weiterführende Information

Auf Kunst gebaut (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 01.08.2011)

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