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StartseiteSonntagsspaziergangPrachtbauten und mondäne Uferpromenaden10.01.2016

San SebastianPrachtbauten und mondäne Uferpromenaden

Europas Kulturhauptstadt 2016 lebt im Rhythmus des Ozeans. San Sebastian liegt auf einer Halbinsel zwischen weiten Buchten an einen bewaldeten Hügel. Nach Westen säumt eine Uferpromenade mit Prachtbauten der vorletzten Jahrhundertwende den feinen Sandstrand. Eine unbewohnte Insel schützt sie vor den Launen des Atlantiks. Künstler malen Donostia im Blau des Wassers, dem Grün der Berge und dem blaugrau des Himmels. Reißt der auf, flutet die Sonne Spaniens teuerstes Seebad mit klarem, goldenem Licht.

Von Robert B. Fishman

Die blaugrünen Wellen des Ozeans donnern gegen die Felsen. Aus dem Boden schießen Gischtfontänen. El Peine del Viento, Windkamm, hat der Bildhauer Ernesto Chillida seine Installation an der La Concha Bucht von San Sebastian genannt. Verschlungene Stahlfiguren klammern sich an die Felsen. Das Meer ist Teil des Werks.

"Jede dieser Skulpturen wiegt ungefähr 10 Tonnen. Dieses hier sieht aus wie ein Pier. Den Sinn dieses Kunstwerk erlebst du nur bei Flut und starkem Seegang."

Ana Gabriela bringt Besucher auf ihren Radtouren an diesen magischen Ort. Sie ist in Brasilien aufgewachsen, hat in Italien und in Kalifornien gelebt. Geblieben ist sie in San Sebastián. Die junge Frau schwärmt von der Lebensqualität ihrer Wahlheimat: entspannte Menschen in einer kleinen Großstadt mit 186.000 Einwohnern, reichlich Kunst und Kultur.

Wir radeln vom Windkamm am goldgelben Sandstrand entlang zurück Richtung Univiertel. In den 80er-Jahren bekam das Baskenland nach Jahrzehnten der Unterdrückung eine eigene Universität. San Sebastián trägt nun auch offiziell wieder seinen baskischen Namen Donóstia. Die Leute sprechen und lernen wieder ihre Sprache: Das mit keinem europäischen Idiom verwandte, uralte Euskara, Baskisch. Viele müssen ihr Baskisch nach Jahrzehnten des Verbots wieder lernen.

"Na, das geht doch schon, auch wenn die strenge Lehrerin hörbar noch nicht zufrieden ist."

Die Regionalregierung fördert die Sprachkurse. Der Andrang ist groß. Manche müssen Baskisch für den Beruf lernen, wie diese Ärztin.

"Wenn man in einer Klinik in einem Dorf arbeitet man muss baskisch sprechen. Wenn nicht, kann man Ärger kriegen. Die Leute können klagen. Ja, und in einigen Dörfern die Leute stellen viel Wert auf baskisch zu wissen und sie wollen einige fragen spezifisch, dass sie ein Arzt der baskisch redet wollen. Wenn man eine gute Beziehung zu den Patienten haben will hilft es auch."

Ihre Patienten haben einen Rechtsanspruch, auf Baskisch behandelt zu werden. Die Ursprünge der baskischen Sprache liegen im Dunkeln.

"Es handelt sich um eine vor- indoeuropäische Sprache. Deshalb nimmt man an, das baskisch hier schon vor der Eiszeit gesprochen wurde. Später kamen Menschen aus anderen Regionen Europas, aber die alte Sprache ist geblieben. In Deutschland gibt es auch die Theorie, dass baskisch Teil einer Sprachenfamilie war, die in ganz Europa verbreitet war. Aber dafür gibt es keinen Beweis", erklärt Lehrer Kaiet Arrizabalaga. Schon sein Name zeigt, wie schwierig die Sprache ist.

"Teilweise ähnelt baskisch dem Deutschen und anderen alten indoeuropäischen Sprachen. Es gibt Deklinationen. Englisch Spanisch und andere Sprachen haben keine Deklinationen. Deutsch hat sie. Wir hängen alles, was wir brauchen, an die Wörter dran. Es gibt keine Präpositionen. Das ist die Hauptschwierigkeit für die Studenten. Man muss komplett umdenken."

Radtouren-Stadtführerin Ana Gabriela spricht Portugiesisch, Englisch und Spanisch. Baskisch kann sie wie die meisten Ausländer, die sich hier angesiedelt haben kaum. Ihre Tour führt durch Europas wahrscheinlich längsten Fahrradtunnel.

"Wir sind jetzt im Tunnel, der den Stadtteil Igara mit Amara verbindet. Wir sind hier unter der Erde zwischen den beiden Stadtteilen. Über uns ist ein hoher Berg, der die ganze Stadt teilt. Die Idee hinter diesem Tunnel ist es, die Menschen miteinander zu verbinden und sie zu motivieren, mit dem Fahrrad zu fahren."

Der Fahrrad-Tunnel führt nach Amara, die zweite und dritte Stadterweiterung, die sich das reich und mondän gewordene Seebad am Atlantik vor 100 Jahren gönnte.

Von alten Bäumen gesäumte Alleen mit schattigen Promenaden begleiten Jugendstilfassaden des spanischen Modernismo. Über Hauseingängen wachen steinerne Fabelwesen, als wollten sie beweisen, dass aus dem Fischernest das Feriendomizil der Herrschenden geworden ist. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Spaniens Königsfamilie auf einem Hügel über dem Strand ihre Sommerresidenz Miramar errichten lassen. Ihnen folgten der Adel und der Geldadel. Um die Jahrhundertwende baute man Casinos, Cafés, Restaurants und die von geschwungenen, weiß lackierten Geländern gesäumte Seepromenade. Abends tauchen verschnörkelte Laternen das Ufer in goldgelbes Licht.

Gabriela kennt die Abkürzungen zu Blas Anchón an der Straße der katholischen Könige.

Seine schummrige Kneipe an der autofreien Flaniermeile hat sich seit ihrer Gründung 1942 kaum verändert. Über Tischen und Stühlen aus dunklem Holz hängen an der Decke Dutzende spanische Schinken. Blas, ein kräftiger, wohlgenährter Bärtiger im Pensionsalter erzählt die Legende, die hier ihren Anfang nahm: Kurz nach dem Bürgerkrieg war das Essen knapp.

"Unser Großvater Blas Valles hat hier 1942 seinen Wein verkauft. Dann hat er überlegt, was er den Leuten zum Wein anbieten kann, etwas zum Picken. Er hat dann mit ein paar Oliven, kleinen Paprikaschoten und einigen Sardellen angefangen. Ein Mann kann man auf die Idee, diese Kleinigkeiten mit einem Zahnstocher aufzuspießen und nannte es Pintxos, also verschiedene Dinge in einem. 1946 kam dann der Film Gilda heraus. Rita Hayworth spielte die Hauptrolle. In Spanien war der Film verboten. Dann nannten sie dieses Pintxo Gilda, grün, salzig und ein wenig pikant. Den Chronisten der Stadt zufolge war dies das erste Pintxo in San Sebastian."

Die Gilda gilt heute als die Mutter aller Pintxos: aufgespießte kleine Leckereien, die die Wirte auf ihren Tresen angerichtet haben: Kabeljau-Tortillas, Gemüsespießchen mit Fisch, Brötchen mit Sardinen und feingehacktem Gemüse, Schafskäse mit Tomatenmarmelade oder in Rosenwasser gedünsteten Stockfisch.

Baskenland ist Schlemmerland. Zum gemeinsamen Kochen und Essen treffen sich die Einheimischen gerne in Sociedades Gastronomicas, gastronomischen Vereinen. Auswärtige können die Esskultur in Kochkursen kennenlernen.

"Wir haben verschiedene Kochkurse. Heute ist es die baskische Meisterklasse. Dazu haben wir ein traditionelles Menü vorbereitet: Wir fangen mit den ersten Pintxos von San Sebastian an. Die bestehen aus Gindillas, grünen Peperoni, eingelegten Sardellen und Oliven, die mit einem Zahnstocher aufgespießt werden. Das ist eine Gilda", erzählt Ane Ibarzal zur Einführung.

"Wir haben hier andere Rezepte als die anderen Gemeinschaften in Spanien. Beliebt und bekannt ist zum Beispiel der Bacalao al Pilpil. Man nimmt dafür sehr viel Petersilie. Der Fisch ist sehr frisch. Dann richtet man ihn mit Olivenöl und Knoblauch an und kocht ihn sehr sehr langsam. Dann haben wir Seehecht und die Chuletas. Das sind T-Bone-Steaks. In unserer traditionellen Küche verwenden wir keine Gewürze. Die Sachen werden ganz frisch zubereitet."

15 Leute, vor allem Australier und US-Amerikaner haben sich an den Koch- und Schnibbel-Plätzen im 1912 erbauten Luxushotel Maria Cristina versammelt.

An den großen Herdplatten steht der einheimische Koch, der die von den Schülern vorbereiteten Zutaten in Töpfen und Pfannen in ausgefallene Leckereien verwandelt.

Das ist die Kultur, die wir von unseren Müttern, auch unseren Vätern gelernt haben. Wir haben hier die Sociades, in denen wir uns treffen, zusammen einkaufen und kochen. Wir verwenden viel Fisch und andere einheimische Produkte. Hier versuchen wir auch, den Gästen die Achtung vor unseren Produkten zu vermitteln. Die baskische Küche ist frisch, aber auch teuer. Wir können die Preise der Supermarktketten nicht unterbieten. Aber dafür stimmt die Qualität.

Zum Schluss essen alle gemeinsam, was sie gekocht haben.

"Die Sardellen isst man mit der Hand. Es ist viel einfacher. Also habt keine Angst davor, eure Hände zu benutzen. Ich zeige es euch mal. Ah, oh, ah, solange eure Hände sauber sind ist das kein Problem."

Gefuttert und gefeiert wird vor allem in den vielen Pintxo-Bars der Altstadt: Weil die Gassen hier für Tische und Stühle zu eng sind, haben die Kneipiers Bretter an die Hauswände montiert. Daran sitzen die Gäste auf Barhockern. Man isst ein, zwei oder drei Pintxos und zieht in die nächste Bar, wo das Essen mindestens genau so lecker schmeckt.

Raum für kreative Begegnungen schafft auch Galeristin Cristina de la Fuente.

"Dieses Buch hier zum Beispiel heißt Gran Libro de los Recortes, das große Buch der Kürzungen, aber auch des Abfalls. Dahinter steht die Idee, möglichst vielen hiesigen Künstlern und anderen Bürgern eine Gelegenheit zu geben, sich einzubringen. Wir haben 16 künstlerische Ziehharmonika Bücher zum Thema "das Donostia, das wir uns wünschen" bekommen."

So entstanden Collagen, Aquarellbilder, Zeichnungen und Reliefs.

"Hier sieht jemand zum Beispiel die Stadt in Blau. Das Meer ist blau und der Himmel bringt eine Menge Grau hinein. Andere haben sich mit der Architektur der Stadt beschäftigt. Donostia gefällt vielen Architekten. Manche nennen sie das kleine Paris wegen der Prachtbauten aus dem frühen 20. Jahrhundert. Hier siehst du den Palast der schönen Künste. Das war früher einmal ein Kino. Darum geht es im Moment viel Streit. Die Stadt möchte das Gebäude womöglich abreißen. Sehr viele Leute, auch Künstler, engagieren sich für den Erhalt des Bauerbes in unserer Stadt."

Cristina, Mitte 50, wollte als junge Frau Künstlerin werden. Doch ihre Eltern überredeten sie zu einer "anständigen" Berufsausbildung. Sie studierte Journalismus. Zuletzt war sie Redakteurin bei Radio Vatikan, kam zurück und eröffnete 1996 ihre Galerie ARTEKO. Trotz der Wirtschaftskrise schafft es Cristina mit ihrer ansteckenden Begeisterung, ihr Werk am Leben zu halten.

"Das hier ist eine Installation zu einem Gedicht des hiesigen Autors Karmelo Iribarren. Eine ganz kurze seiner Gedichte lese ich jetzt vor: Es heißt "Die Liebe": Die Liebe, dieses alte Neonlicht, an der sich die Buchstaben entzünden."

Gleich um die Ecke stehen zwei Tische auf dem Pflaster. Sie gehören zur Bar Te Done, wo sich jeden Mittwochabend Künstler treffen. An die fünf sind es diesmal, darunter der in Spanien bekannte Dichter Karmelo C. Ibarren: ein stiller 59jähriger, der die Menschen genau beobachtet. Anregungen für seine lakonisch-überraschenden Gedichte wie "El Amor" (Die Liebe) oder "La Ciudad" (Die Stadt) schöpft er aus dem Leben, das an ihm vorbeizieht, wenn er in Bars und Cafés von San Sebastian sitzt.

"Am Fluss Urumea oder am Meer spazieren geht, machmal bis hinaus zum sturmumtosten Windkamm von Ernesto Chillida."

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