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StartseiteForschung aktuellSchach dem Virus17.08.2006

Schach dem Virus

Warum kann das Immunsystem einiger Aids-Patienten das Virus neutralisieren?

Medizin. – Die Aids-Medizin steht vor einem Rätsel. Es gibt eine, allerdings ehr kleine Gruppe von Patienten, die sich zwar mit dem HI-Virus infiziert haben, aber nicht an der Immunschwäche erkranken. Auf dem Welt-Aids-Kongress in Toronto wurde jetzt der Plan für eine genetische Studie vorgestellt, mit der die Gründe für dieses Phänomen geklärt werden sollen. Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide erläutert aus Toronto die Hintergründe im Gespräch mit Gerd Pasch.

Bill und Melinda Gates bei der Eröffnung der Welt-Aids-Konferenz in Toronto. (AP)
Bill und Melinda Gates bei der Eröffnung der Welt-Aids-Konferenz in Toronto. (AP)

Pasch: Wie häufig kommt es denn vor, dass Menschen gesund sind, obwohl sie mit HIV infiziert sind?

Winkelheide: Die Beobachtungen stammen aus den 90er Jahren, dass man gesehen hat, es gibt eine kleine Gruppe von Patienten, die immun bleiben, das heißt ihr Immunsystem kontrolliert das Virus aus eigener Kraft. Damals wurden diese Menschen Langzeitüberlebende genannt, heute kann man etwas genauer hingucken. Man hat sozusagen zwei Untergruppen definiert. Die einen, bei denen die Krankheit nicht voranschreitet, aber es sind immer noch relativ viele Viren im Blut nachzuweisen, 2000 Viren pro Milliliter Blut. Und dann gibt es noch einmal eine kleinere Gruppe, bei denen das Virus fast nicht mehr im Blut nachweisbar ist, das heißt es sind weniger als 50 Viruskopien pro Milliliter Blut vorhanden. Diese Personen nennt man "allied controller", das ist ein neugeprägtes Wort, das sind sozusagen die, die besonders gut das Virus kontrollieren können, man schätzt, dass auf 300 Infizierte ein Infizierter kommt, der das Virus so gut kontrollieren kann. Und diejenigen, denen es so geht, die sagen, wir wissen eigentlich gar nicht, sind wir gesund, sind wir krank. Und die Studie ist für sie das erste Mal so, dass sie auf Menschen treffen, denen es genauso geht wie ihnen. Ich habe gestern mit einer gesprochen, die sagte, das ist genauso wie eine Erleuchtung für mich, denn man fühlt sich irgendwie so dazwischen, weder gesund noch krank.

Pasch: Wie gehen die Forscher in der neuen Studie vor?

Winkelheide: Die Forscher haben zuerst einmal geguckt, weil man diese Patienten schon immer sehr genau untersucht hat, wie kann man das Phänomen erklären, haben die ein besonders starkes Immunsystem. Und sie sind zu dem Schluss gekommen, nein, sie haben eigentlich kein so starkes Immunsystem, eher ein schwächeres. Aber trotzdem hat man keinen medizinischen Parameter gefunden, wie man dieses Phänomen der Viruskontrolle genau erklären kann. Und deswegen haben sie gesagt, wir müssen uns die genetischen Grundlagen ansehen. Gibt es bestimmte genetische Muster, dass die Kontrolle besonders gut funktioniert. Das heißt, sie suchen jetzt 1000 dieser Patienten weltweit, auch in Deutschland gibt es Zentren, die an dieser Studie beteiligt sind. Weltweit werden bis zu 1000 Patienten untersucht, es wird Blut von ihnen genommen, und dann wird das genetische Material von ihnen untersucht. Man wird es nicht komplett durchsequenzieren, also durchbuchstabieren, sondern man sucht nach bestimmten Haplotypen, also genetischen Variationen, die als Muster weitervererbt werden, und dann hofft man, das genauer sich angucken zu können und Hinweise zu finden, woran das liegt.

Pasch: Die Forscher hoffen, die Studie könnte helfen einen Impfstoff zu entwickeln, ist das realistisch?

Winkelheide: Es könnte zumindest sehr gut helfen, wenn man genau weiß, über welchen Mechanismus wird diese Viruskontrolle vermittelt, und was sind die genetischen Grundlagen dafür. Es kann aber auch sein, dass am Ende gar nicht ein Impfstoff steht, sondern ein Medikament, das hilft, das Immunsystem ein bisschen zu steuern. Also die gewünschten Reaktionen mit einem Medikament herzustellen, die diese wenigen Ausnahmeinfizierten von Natur aus haben, also der Natur etwas nachzuhelfen, dass das Immunsystem richtig auf dieses Virus reagiert, so dass es sich im Körper nicht so vermehren kann wie es das sonst tun würde.

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