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StartseiteCampus & KarriereSchleicher: Staat profitiert finanziell von jedem Studierenden25.06.2013

Schleicher: Staat profitiert finanziell von jedem Studierenden

OECD-Bildungsexperte bemängelt geringe Akademikerquote in Deutschland

Für den Staat lohne sich Investition in Bildung, da Studierende später deutlich mehr Steuern zahlten, als andere, sagt Andreas Schleicher. Der OECD-Bildungsexperte ergänzt, dass in Deutschland die Nachfrage nach Akademikern in fast allen Bereichen hoch sei und nach einer Übergangszeit jeder einen sicheren Arbeitsplatz finden würden.

Andreas Schleicher im Gespräch mit Manfred Götzke

Andreas Schleicher leitet bei der OECD die Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat für Bildung (OECD)
Andreas Schleicher leitet bei der OECD die Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat für Bildung (OECD)
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Abstieg statt Aufstieg
Bildung lohnt sich

Manfred Götzke: Zeigt die geringe Arbeitslosigkeit in Deutschland, dass hier alles gut läuft. Das hier genug investiert wird?

Andreas Schleicher: Zum einen kann man sagen, dass Deutschland zu den wenigen Ländern gehört, wo die Arbeitslosenquote in der Wirtschaftskrise nicht gestiegen ist und das System der beruflichen Bildung in Deutschland hat dazu ganz sicher einen wesentlichen Beitrag geleistet. Nur auf der anderen Seite muss man aber auch sagen, dass Deutschland bei den Spitzenqualifikationen sowohl im akademischen und beruflichen Bereich weiterhin deutlich unter dem OECD-Mittel liegt, und dort ist ja die Nachfrage im Grunde am größten. Da sehen Sie zum Beispiel die am stärksten wachsenden Gehälter in Deutschland. Also auf der einen Seite große Stärken im beruflichen Bereich, auf der anderen Seite noch deutlicher Nachholbedarf bei den Spitzenqualifikationen.

Götzke: Ist ein hoher Akademikeranteil ein Ziel an sich?

Schleicher: Ein Ziel an sich kann man so nicht sagen, aber solange der Arbeitsmarkt dieses Signal gibt, ist ein Ausbau von großem Vorteil.

Götzke: Das heißt, Sie würden sagen, ein Studium lohnt sich, zumindest finanziell gesehen, immer?

Schleicher: Absolut. Es lohnt sich für den Einzelnen, es lohnt sich übrigens auch, für den Staat, dort zu investieren, denn auch der Staat profitiert mit über 100.000 Euro pro Studierenden von jedem Studium, indem nämlich Studierende später deutlich mehr Steuern bezahlen. Also insofern, da profitieren zurzeit alle davon. Erfreulich ist hier, dass gerade bei den MINT-Fächern [Anm. d. Redaktion: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik] Deutschland zugelegt hat, und das sind insbesondere die Fächer, wo sich das dann auch am meisten auszahlt.

Götzke: In den Krisenländern, haben Sie gestern in Ihrem Vortrag gesagt, tragen vor allem die Schwächsten, die am schlechtesten Ausgebildeten die höchsten Kosten der Krise. Was meinen Sie genau damit?

Schleicher: Wir sehen, auch in den Krisenländern gilt, also Spanien, Italien, Griechenland, dass Personen mit gutem Ausbildungsstand im Grunde genommen nur in geringem Maße betroffen sind von Arbeitslosigkeit oder Einkommenseinbrüchen, während die Person am unteren Ende des Leistungsspektrums, also ohne abgeschlossene Schulausbildung oder ohne Berufsausbildung, im Grunde den Großteil der Kosten der Krise getragen haben in Form von dramatisch gewachsener Arbeitslosigkeit gerade bei den Jugendlichen, aber eben auch in Form von Einkommenseinbrüchen.

Götzke: Ihre Daten zeigen, dass die Arbeitslosigkeit bei Akademikern im OECD-Durchschnitt weit unter fünf Prozent liegt. In den Krisenländern, wie zum Beispiel Spanien, ist das überhaupt nicht so. Was machen dort die Hochschulen falsch?

Schleicher: Sicher ist die Arbeitslosigkeit auch bei den Hochschulabschlüssen in Spanien und Griechenland weiter hoch, aber die liegt noch deutlich darüber bei den Personen ohne gute Schulausbildung.
Also ich glaube, da muss man auch unterscheiden. Auf der anderen Seite gilt aber schon, dass dort die Entwicklung am Arbeitsmarkt lange vorbeigegangen ist, das heißt, die Schulen und Hochschulen haben im Grunde wenig darauf gegeben, was der Arbeitsmarkt tatsächlich braucht. Dafür zahlt man heute einen Preis, das heißt, das Hochschulstudium dort ist an den Bedürfnissen der Gesellschaft, des Arbeitsmarkts oft vorbei gegangen.

Götzke: Und das macht Deutschland offenbar besser?

Schleicher: Deutschland hat ja insgesamt eine geringe Akademikerquote, und die Nachfrage dort ist in fast allen Bereichen hoch, das heißt, es gelingt eigentlich fast allen Akademikern nach einer Zeit des Übergangs natürlich, einen sicheren Arbeitsplatz zu finden.

Götzke: Sie sagen, besonders erfolgreich in Sachen Jugendarbeitslosigkeit oder Bekämpfung derselben sind die Länder, die den Übergang zwischen Bildung und Arbeitswelt gut managen. Was heißt das genau? Was meinen Sie damit?

Schleicher: Also für Länder wie Deutschland gilt, dass der Übergang von der Schule ins Berufsleben sehr gleitend, sehr fließend vor sich geht. Das heißt, die Schule und insbesondere auch die berufliche Ausbildung, die findet sehr praxisnah statt. Und diese Integration von Schule und Arbeitswelt, die ist dem Übergang ins Berufsleben besonders förderlich. Das ist ein sehr großer Vorteil der beruflichen Ausbildung in Deutschland, für die Deutschland auch international hoch anerkannt wird.

Götzke: Das heißt, es ist wirklich Erfolg versprechend, wenn Politiker jetzt, deutsche Politiker nach Spanien und nach Griechenland reisen und die deutsche duale Ausbildung anpreisen. Sollte man das dort übernehmen?

Schleicher: Ich glaube, das ist ein großer Standortvorteil Deutschlands, ich glaube, da können viele andere Länder auch sehr von lernen, gerade in Spanien fehlt ein solides System der beruflichen Ausbildung, fehlt auch die Beteiligung der Industrie, der Wirtschaftanbindungsprozess, der hier in Deutschland wirklich vorbildlich ist. Ich glaube, da können diese Länder sehr von lernen und tun die im Übrigen auch. Die sind an unserem Bildungssystem sehr interessiert, genau wie Deutschland von Ländern wie Großbritannien, den USA und den asiatischen Ländern lernen können, wie man das tertiäre, das akademische Bildungssystem weiter aus- und umbauen kann.

Götzke: Was genau kann Deutschland denn von den USA zum Beispiel lernen? Hohe Studiengebühren einführen?

Schleicher: Also das System der Studienfinanzierung ist sicherlich etwas, wo man in Deutschland drüber nachdenken muss. Schauen wir nach England zum Beispiel, dort ist es gelungen, massiv mehr Ressourcen in den akademischen Bereich zu investieren, mobilisiert über Studiengebühren, die dann aber so erhoben werden, dass sie sozial gerecht verteilt werden. Und insofern – das ist in Deutschland noch nicht gelungen, das heißt, das Studium wird im Grunde in Deutschland von den Arbeitereltern für die Kinder reicher Eltern bezahlt.

Götzke: Das klingt erst mal paradox.

Schleicher: Irgendjemand muss ja für das Studium bezahlen. Das heißt, die Personen, die nicht studieren, zahlen letztlich dann für das Studium derjenigen, die später vom Studium profitieren werden. Wenn Sie nach England schauen, da zahlt der Einzelne Studiengebühren, bekommt dafür aber ein staatlich garantiertes Darlehen, das er erst dann zurückzahlt, wenn er später viel verdient. Und am Ende heißt das für die Universitäten mehr Geld, die Investitionen sind in England so wie in keinem anderen Land gestiegen eben durch die Mobilisierung von mehr privaten Ressourcen. Das heißt, mehr Geld, mehr Qualität und am Ende auch ein besseres Ergebnis.

Götzke: Besonders auffällig in Ihrer aktuellen Analyse ist, Deutschland hat zwar vergleichsweise wenig Akademiker, aber so viele Doktoranden wie kein anderes Land. Wie ist das denn zu erklären?

Schleicher: Das ist eine lange Tradition, das gilt für Deutschland, die Schweiz, im Grunde den deutschsprachigen Raum, wo das Studium halt noch sehr stark akademisch orientiert ist. Im Gegensatz jetzt vielleicht zu den angelsächsischen Ländern, wo es auch mehr praxisnah auch gestaltet wird. Und ein hoher Grad Doktoranden, das ist, glaube ich, ein wichtiger Vorteil des akademischen Systems in Deutschland, diese Spitzenqualifikationen sind ja auch von Bedeutung.

Götzke: Vielen Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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