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StartseiteHintergrundSchulmodell in der Sackgasse03.07.2007

Schulmodell in der Sackgasse

Hat die Hauptschule eine Zukunft?

Die Hauptschule kämpft seit Jahren mit einem schlechten Image. In den Medien ist sie als Restschule verschrien, für viele Lehrstellen reicht der Hauptschulabschluss als Grundqualifikation nicht mehr aus. Und bei der Anmeldung für die weiterführenden Schulen fällt die Wahl der Eltern deshalb immer seltener auf die Hauptschule. Ist diese Schulform damit am Ende?

Von Armin Himmelrath und Britta Mersch

Auf einem Schulhof machen Schüler "Große Pause" (AP)
Auf einem Schulhof machen Schüler "Große Pause" (AP)

Junge: " Ich gehe, auf die Haupt, weil ich habe auf der Real so Schlechtes gehört und Haupt, da mache ich dann Realabschluss."

Mädchen: " Hauptschulabschluss ist eigentlich nicht so viel wert, weil da kann man eigentlich nur noch mit Ausbildung machen. Und sonst hat man auch nicht so viele Chancen. Wenn jetzt daneben jemand ankommt, der am Gymnasium Abschluss gemacht hat, steht man dann schlecht da, würde ich sagen."

Junge: " Die jetzt einen Hauptschulabschluss haben, werden dann nicht genommen, weil manche denken, Realschüler sind besser."

Junge: " Ja, ich bin auch auf der Hauptschule, neunte Klasse gerade. Ich bin eigentlich zu faul, deswegen bin ich auf der Hauptschule."

Schüler einer neunten Hauptschulklasse. Es klingt nicht gerade ermunternd und hoffnungsvoll, was die Jungs und Mädchen da von sich geben. Sie haben von sich selbst kein gutes Bild und sehen schwarz für ihre berufliche Zukunft.

Und - wen wundert's? Die Hauptschule kämpft seit Jahren mit einem schlechten Image. In den Medien ist sie als Restschule verschrien, als Abschiebe-Bahnhof für Kinder, die sonst im Schulsystem keinen Platz finden. Für viele Lehrstellen reicht der Hauptschulabschluss als Grundqualifikation nicht mehr aus. Und bei der Anmeldung für die weiterführenden Schulen fällt die Wahl der Eltern deshalb immer seltener auf die Hauptschule. Ist diese Schulform damit am Ende?

" Man kann schlecht von DER Hauptschule bundesweit sprechen."

... sagt Ernst Rösner, Bildungsforscher am Institut für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund.

" Es gibt in der Oberpfalz noch Regionen, da gehen 60, 65 Prozent Kinder nach der Grundschule zur Hauptschule. Es gibt aber auch Städte, hier auch in Nordrhein-Westfalen, da geht kein einziges Kind mehr zur Hauptschule. (...) Wenn in Berlin noch etwas mehr als zehn Prozent zur Hauptschule gehen, ist das eine völlig andere Schülerschaft als die im Bayerischen Wald - das ist völlig nahe liegend. Nur: Im Bayerischen Wald ticken die Uhren zwar langsamer, aber genauso in die gleiche Richtung, und es werden auch da immer weniger."

Es sei also nur eine Frage der Zeit, sagt Rösner, bis die Hauptschule in Deutschland ausgestorben ist.

" Es gibt oder gab nach meinen Informationen im vergangenen Jahr noch 5005 Hauptschulen. Das ist die am häufigsten vorhandene weiterführende Schule in Deutschland. Aber die Zahlen gehen deutlich zurück, drastisch zurück - ich trau mich nicht zu sagen, wann die letzte Hauptschule geschlossen wird, (...) Was sollen wir mit ner Schule, die keiner will, lass uns doch lieber versuchen, ne Schule zu errichten, die wir wollen. Und das wird ein Politikum: Ich denke, alle Parteien, die ihre fünf Sinne beisammen haben, werden sich rechtzeitig darauf einstellen, statt zu versuchen, an einem 200 Jahre alten System festzuhalten, was keine Chance hat, so beibehalten zu werden."

Ernst Rösner würde lieber heute als morgen das Schulsystem komplett auf den Kopf stellen, die Hauptschulen aus Deutschland verbannen und stattdessen, soweit wie möglich, gemeinsamen Unterricht für alle Kinder einführen. Und in dieser Richtung berät er auch verschiedene Landesregierungen, unter anderem die in Schleswig-Holstein oder Berlin, wo es bereits konkrete Umstrukturierungspläne gibt.

So soll in Berlin die Einführung von Gemeinschaftsschulen mit 22 Millionen Euro gefördert werden, so dass es dort in Zukunft neben dem Gymnasium nur noch einen weiterführenden Schultyp gibt. Und in Schleswig-Holstein sieht das neue Schulgesetz sogar vor, dass auch die Gymnasien in solche Gemeinschaftsschulen integriert werden können. Für das deutsche Schulsystem sind das schon erhebliche Veränderungen.

Doch nicht überall stößt dieser Reformwille auf Begeisterung. Viele Kultusminister in den Bundesländern blicken äußerst skeptisch auf die Pläne ihrer Kollegen. So wie Helmut Rau, CDU-Kultusminister in Baden-Württemberg.

" Ich glaube nicht, dass wir die Notwendigkeit in Baden-Württemberg haben, einen vollkommenen Systemwechsel zu vollziehen. Dürfte ich vielleicht darauf hinweisen, dass Baden-Württemberg eine sehr klar erkennbare, differenzierte Schullandschaft hat und vermutlich auch deshalb wesentlich besser als die gerade zitierten Länder bei den Schulleistungsvergleichen abgeschnitten hat. Wir haben nicht die Not, dass Schularten versagt hätten und dass wir sie deswegen aufgeben müssten."

Dies gelte insbesondere auch für die Hauptschule, die Helmut Rau in der baden-württembergischen Variante sogar als Vorbild für andere Bundesländer anpreist.

" Wir haben in den Hauptschulen Weiterentwicklungen des Unterrichts, Weiterentwicklungen der Leistungsfeststellung, Konzentration auf soziale Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern vorgenommen, die andere Schularten dann erst von der Hauptschule abgeguckt haben. Das nimmt man nach außen gar nicht so zur Kenntnis."

Mit entsprechenden Unterstützungsmaßnahmen etwa bei der Anbindung an die betriebliche Praxis der Ausbildungsunternehmen, sei die Hauptschule eines der besten Schulmodelle für die Zukunft, sagt Helmut Rau.

Doch gerade diese Unterstützungsmaßnahmen sind für den Schulforscher Ernst Rösner der Beleg dafür, dass das Modell Hauptschule von Anfang an keine Chance hatte.

" Die gibt es, seit es die Hauptschule gibt. Also, kurz nach der Errichtung, seit 1968, wird die Krise der Hauptschule beschworen, und gleichermaßen werden Rettungen angemahnt oder Stärkungen oder Stabilisierungen angemahnt. Und daran hat es wirklich nicht gefehlt, es hat mehr Lehrer gegeben, der Unterricht ist sehr viel stärker berufsbezogen geworden, es hat Schulsozialarbeiter gegeben, in stärkerem Maße Ganztagsschulen freiwillig oder obligatorisch sind eingeführt worden - nichts hat geholfen."

Sein Pessimismus, betont Rösner, beziehe sich aber nur auf die gesellschaftliche Akzeptanz der Hauptschule. Es gebe durchaus Positivbeispiele.

Eines dieser Beispiele ist die Möhnesee-Hauptschule im Sauerland. Die Lehrer dort investieren viel, um ihre Schüler auf die Berufswelt vorzubereiten. Und das fängt schon bei den ganz Kleinen an. Ab dem fünften Schuljahr führen sie eine Mappe mit dem Namen "Starke Seiten", in die sie ihre persönlichen Stärken schreiben und darüber nachdenken, welcher Beruf zu ihnen passen könnte. Nach und nach übernehmen die Schüler eigene Verantwortungsprojekte. Falco Temme, Klassenlehrer der 8a, hat etwa mit seinen Schülern eine eigene Firma ins Leben gerufen.

" Wir hatten erst überlegt, was können wir überhaupt anbieten, was sinnvoll ist, und wir hatten oft das Problem, dass die Schüler Materialien nicht dabei haben. Und wir sind hier im ländlichen Bereich, die Einkaufsmöglichkeiten sind relativ schwierig für manche Schüler, die von den Dörfern kommen, die müssen erst in die Stadt fahren. Und da hatten wir die Idee bekommen, einen Schreibwarenladen aufzumachen."

An einem kleinen Tisch im ersten Stock verkaufen die Schüler nun in jeder großen Pause Schreibhefte, Radiergummis und Stifte. Um das Management und den Einkauf müssen sich die Achtklässler selbst kümmern.

" Das Team besteht immer aus vier Personen. Die wählen einen Personalchef, der ist erstmal verantwortlich für die ganze Sache. Der hat Schlüsselgewalt. Wir haben einen Schrank, der abgeschlossen ist, wo natürlich auch Geld drin ist und auch die Buchführung, wo alles mit kontrolliert werden kann, was ich normalerweise im Rhythmus von ein bis zwei Wochen nochmal nachkontrolliere mit dem Personalchef. Und der Personalchef muss mit seiner Unterschrift täglich dokumentieren, dass das abgenommen ist. Die anderen sind seine Angestellten, in Anführungsstrichen, die überwiegend für den Verkauf zuständig sind und natürlich auch, dass weiter die Buchführung läuft."

Die jungen Unternehmer an der Möhnesee-Schule können also testen, wie eine Firma geführt wird, ohne dem realen Druck der Arbeitswelt ausgeliefert zu sein. Neben diesen Verantwortungsprojekten pflegt die Schule Kooperationen mit verschiedenen Unternehmern aus der Region. Einer von ihnen ist Cölestin Ohrmann, der in Möhnesee eine Firma für Montagetechnik betreibt. Der Geschäftsführer unterrichtet an der Hauptschule technisches Zeichnen und hilft bei den Bewerbungen. Regelmäßig absolvieren Schüler auch ein Praktikum in seinen Produktionshallen.

Zusammen mit dem Unternehmer entwickeln die Schüler einen Blick dafür, wie Maschinenbau eigentlich funktioniert. Und der Praktiker kann ihnen die Angst vor dem Schritt in die Arbeitswelt nehmen.

" Ein Vorteil ist, ich kann denen mitteilen, die Hauptschule muss nicht das Ende für euch sein. Ich selber bin diesen Weg auch gegangen. Ich bin über eine Hauptschule auf den Bildungsweg gekommen, habe dann eine Fachoberschulausbildung gemacht, habe dann eine Lehre gemacht, anschließend studiert und dann den Betrieb hier gegründet. Das heißt auch, dieser Weg über die Hauptschule ist keine Sackgasse, keine Einbahnstraße, da stehen alle Wege offen."

Die Fäden in der Hand hält Schulleiterin Birgit Berendes. Sie ist eine engagierte Frau, die jeden Schüler persönlich kennt und auch mal mit einem Matheheft aushilft, wenn eine Schülerin ein neues vergessen hat. Von der Diskussion über das schlechte Image der Hauptschüler hat sie längst genug.

" Im fünften Schuljahr begegnet man ihnen als Kinder und (...) man entlässt die als junge Erwachsene. Das ist eine ganz prägende, sensible Zeit. Wir wissen das ja aus unserem eigenen Schülerdasein auch. Und wenn man dann die Jugendlichen entlässt und sie wirklich gut kennengelernt hat und erlebt, dass das, was man sechs Jahre an Arbeit in sie gesteckt hat, angeblich nicht reicht, um den nächsten Schritt zu gehen, dann stimmt doch was nicht."

Also entwickelte sie an der Möhnesee-Schule ein umfassendes Konzept für die Berufsorientierung - und stieß damit auf fruchtbaren Boden. Schon ihr Vorgänger hatte eine Kooperation mit Handwerkern ins Leben gerufen.

" Und das war natürlich eine Steilvorlage für mich. (...) Und dann haben wir festgestellt, das ist ein starkes Teil hier, und wenn wir das ausbauen, wenn wir darauf setzen, dann sind auch Kollegen nicht verprellt, dass man mit diesen Schnitten kommt, also so wie wir es bisher gemacht haben, das ist es nicht, und alles neu, sondern da war ja was Gutes, und das auszubauen war so eine Idee, die auch gut funktioniert hat. Das trägt uns ja überhaupt, dass wir sagen, an den Stärken andocken und nicht an den Schwächen."

Offenbar mit Erfolg. Die Absolventen der Möhnesee-Schule haben gute Berufsaussichten. 65 Prozent von ihnen bekommen direkt nach der Schule eine Lehrstelle. Zudem wurde die Schule in diesem Jahr mit dem bundesweiten Hauptschulpreis des Bundespräsidenten ausgezeichnet. Weil die Berufsvorbereitung hier weit über das hinausgeht, was eigentlich auf dem Lehrplan steht.

" Es ist wirklich Schulprofil, was dabei entstanden ist. Das ist eigentlich, was meine Vorstellung von Hauptschularbeit ist, die ich hier verwirklicht sehe (...). Es greift bei diesem Programm eins ins andere und dass daraus so eine runde Sache, alles ergreifende Sache entstanden ist, ist glaube ich auch die Begründung für die Preisvergabe. Das ist eben eine Bestätigung von dem, was wir tun."

Auch Bildungsforscher Ernst Rösner lobt die pädagogische Arbeit vor Ort.

" Die Möhnesee-Schule ist sicherlich eine Schule, die wie viele andere Hauptschulen ausgezeichnete Arbeit leistet - also, daran liegt's nun wirklich nicht. Die Möhnesee-Schule ist natürlich ne Schule, die ein wenig bevorzugt ist. Die ist die einzige weiterführende Schule am Ort, sie ist einzügig, hat also nur eine Klasse, hat einen Ausländeranteil von, glaube ich, acht Prozent, und sie ist natürlich eng verwoben mit den örtlichen Unternehmen, so dass die beruflichen Einmündungen dort noch besser sind. Aber auch in der Schule gehen keine 20 Prozent oder knapp 20 Prozent der Grundschulabgänger noch in diese Schule."

Selbst gute Hauptschulen, sagt Rösner, hätten deshalb auf lange Sicht keine Chance in Deutschland. Und nicht weil sie schlechte Bildung bieten, sondern weil schlicht die Akzeptanz fehlt.

Eine richtige Analyse, aber eine falsche Schlussfolgerung, sagt Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau.

" Wo wir ein großes Problem sehen, das ist die Frage der Anschlussmöglichkeiten für Hauptschüler. Aber egal, ob sie ein Einheitsschulwesen oder ein gegliedertes haben - es werden immer Schülerinnen und Schüler die Schulen verlassen, die leistungsschwächer sind als andere. Das lässt sich ja nirgendwo so schön belegen wie in Finnland mit seiner dreimal so hohen Jugendarbeitslosigkeit gegenüber Baden-Württemberg etwa. Und wir müssen darum ringen, dass wir gerade auch den Hauptschülern angemessene Anschlussmöglichkeiten bieten können, sei es in der Ausbildung oder sei es in den beruflichen Schulen."

Der Schlüssel für die Weitervermittlung der Schulabgänger in den Arbeitsmarkt liege in der Stärkung der persönlichen Kompetenzen. Rau hat deshalb für die Hauptschulen in seinem Bundesland ein so genanntes Fitnessprogramm auf den Weg gebracht, bei dem so genannte Pädagogische Assistenten, eine Art Aushilfslehrer, schwache Schüler in Deutsch und Mathematik unterstützen sollen. Ein Vorschlag, der ausgerechnet die Hauptschulrektoren in Baden-Württemberg auf die Palme brachte.

Mehr als hundert Schulleiter forderten den Kultusminister in einem offenen Brief dazu auf, nicht nur auf das Fitnessprogramm für die Hauptschulen zu verzichten, sondern lieber gleich die gesamte Schulform abzuschaffen.

Rudolf Bosch ist Hauptschulrektor in Ravensburg und einer der Autoren des Briefs. Als er vom Vorschlag des Ministers in der Zeitung las, sei er entsetzt gewesen.

" Das kann so nicht wahr sein! Dieses Fitness-Programm beinhaltet Dinge, die wir kennen zum einen rein inhaltlich, zum anderen ging's uns aber darum, dass wir gesagt haben: Die Hauptschule braucht keine Fitness-Programme - sie ist eigentlich ziemlich fit - sondern sie bräuchte ne andere Akzeptanz, aber die haben wir über die letzten 20 Jahre nicht erreicht."

Zusammen mit den anderen Unterzeichnern ärgert sich Rudolf Bosch vor allem über die Unterstellung des Ministers, die Lehrer an den Hauptschulen leisteten schlechte Arbeit.

" Ich kann das nur aus der Erfahrung in meiner eigenen Schule sagen: Wir arbeiten sehr intensiv mit verschiedenen Betrieben zusammen, wir haben also einen Fokus auf dem Übergang Hauptschule in die Berufe. Wir machen sehr viel Projektarbeit mit Theaterprojekten, mit Schulsozialarbeit zusammen, und, und, und - das sind alles Maßnahmen, wo wir feststellen: Die Schüler profitieren davon, wir haben auch einen entsprechenden Abschluss bei den meisten Schülern, also es gehen sehr viele Schüler direkt weiter auf die mittlere Reife zu, aber wir haben das grundsätzliche Problem, dass jedes Elternteil, das die Möglichkeit hat, eine andere Form von Beschulung für ihr Kind zu finden, diese auch wahrnimmt."

Der schlichte Grund: Die Eltern wollen einfach das Beste für ihre Kinder, sagt Schulforscher Ernst Rösner.

" Eltern treffen Schulwahlentscheidungen in Abhängigkeit vom eigenen Schulabschluss. Und zwar nicht einfach so, dass die Kinder denselben Schulabschluss erreichen sollen, sondern die Eltern wünschen, dass ihre Kinder einen besseren Schulabschluss als sie selbst bekommen. Dieser Zusammenhang ist hochgradig plausibel, denn die Kinder brauchen für eine Einmündung in einen Beruf heutzutage, wenn sie denselben Beruf erreichen wollen wie ihre Eltern, einen besseren Schulabschluss als ihre Eltern. Und die Eltern registrieren das und treffen entsprechend ihre Schulwahlentscheidung."

Und daran ändert sich nach Meinung der Hauptschulrektoren auch nichts, wenn Bildungspolitiker immer wieder neue Stärkungsprogramme für ihre Schulform entwerfen. Mit ihrem offenen Brief haben die Lehrer offenbar den Nerv der Zeit getroffen. Von Eltern und Kollegen hätten sie jedenfalls eine Menge Unterstützung erfahren, sagt Rudolf Bosch.

" Wir waren natürlich wahnsinnig überrascht über die unglaubliche Resonanz aus allen Bereichen der Gesellschaft. Natürlich war Minister Rau sehr verstimmt darüber, dass wir an die Öffentlichkeit gegangen sind. Wir waren allerdings der Meinung: zu Recht! Weil das ein öffentliches Thema ist, es ist nicht ein schulinternes Thema, sondern es ist ein Thema, was man öffentlich diskutieren muss, und nachdem er immer wieder gesagt hat, er wird über die Dreigliedrigkeit unseres Schulsystems nicht diskutieren, wussten wir, dass wir im stillen Kämmerlein mit ihm nichts erreichen können."

Und das, obwohl die Schulleiter mit Disziplinarverfahren rechnen mussten. Schließlich, sagt Minister Helmut Rau, sei den Beamten eine solche Art des Protests nicht gestattet.

" Ich glaube, dass nicht nur andere von mir, sondern auch ich von anderen eine gewisse Form der Debatte erwarten darf."

Rau hat aber auch inhaltliche Einwände gegen den Vorschlag der Hauptschulrektoren, die für neue gemeinschaftliche Schulen plädieren.

" Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, dass man das alles in schnuckeligen, kuscheligen Dorfschulen machen kann, dass also die Schule auf dem Dorf erhalten bliebe, wenn die nur auch die Realschüler und die Gymnasiasten auf dem Dorf behalten könnten. Das verbirgt sich dahinter, und das ist auch die Erklärung dafür, dass diese Initiative aus dem ländlichen Raum gekommen ist."

Der Dortmunder Bildungsforscher Ernst Rösner beobachtet die Auseinandersetzung in Baden-Württemberg mit großem Interesse.

" Das ist schon erstaunlich, weil man ja immer glaubte, das sei noch ne Idylle, was die Hauptschule angeht. Aber es wird zunehmend deutlich, dass die ganzen Versprechungen mit irgendwelchen Fitness-Programmen, wie sie in Baden-Württemberg angekündigt worden sind, nur noch Verärgerung ausgelöst wird. Es hat sich inzwischen bei den lang gedienten Hauptschul-Experten die Erkenntnis durchgesetzt, wir können machen, was wir wollen - unsere Schule wird nicht stärker, unsere Schule wird nicht massiv nachgefragt."

Alternativen gibt es viele. Ob nun eine gemeinsame Haupt- und Realschule das Modell der Zukunft sein könnte oder eine Gesamtschule, die auch die Gymnasien umfasst, ist noch längst nicht ausdiskutiert. Fest steht nur: Es muss sich etwas ändern. Und Schulpraktiker wie der Ravensburger Hauptschulrektor Rudolf Bosch gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie können sich auch vorstellen, die Trennung zwischen Grund- und weiterführenden Schulen komplett aufzuheben.

" Mein persönliches Ideal wäre natürlich wirklich ein gemeinsames Lernen bis mindestens Klasse acht von allen Schülern - also nicht die Möglichkeit jetzt nach Klasse vier, dass die Gymnasialkinder dann doch schon quasi selektiert werden, und nur die restlichen in eine neue Schulform zusammengeführt werden, also Hauptschule und Realschule zusammenkommen. Sondern meine Vorstellung wäre wirklich alle Schüler bis zur Klasse acht; dann wird selektiert, und das ist dann auch ein guter Zeitpunkt."

Dazu allerdings dürfte die Schulpolitik in Deutschland noch lange nicht bereit sein - vor allem deshalb, weil jedes Bundesland an eigenen und oft genug auch höchst unterschiedlichen Konzepten bastelt. Gemeinsame Entwicklungen sind deshalb nur in winzig kleinen Schritten möglich. Die Leidtragenden dieser Reformunfähigkeit sind die Hauptschüler.

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