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Schweigen, Schande und Scham

Sofi Oksanen: "Stalins Kühe", Kiepenheuer & Witsch, Köln

Von Marie Luise Knott

In den Wettbüros auf der Liste der Nobelpreiskandidaten: Die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen
In den Wettbüros auf der Liste der Nobelpreiskandidaten: Die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen (picture alliance / dpa / Angel Diaz)

Als "Stalins Kühe" 2003 erschien, machte der Roman über das historisch belastete Verhältnis von Finnen und Esten die damals 25-jährige Schriftstellerin Sofi Oksanen über Nacht berühmt. In ihrem Debüt hatte Oksanen bereits alles angelegt, was sie später im Welterfolg "Fegefeuer" meisterlich weiterdachte.

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", lautete Lenins Devise in der jungen Sowjetunion, und es scheint, als habe sich die Protagonistin des Romans "Stalins Kühe" diese Parole auf sehr besondere Weise zu eigen gemacht. Anna, wächst in den 80er-Jahren in Finnland heran, und niemand dort darf wissen, dass ihre Mutter Estin ist. Denn immer noch ist das Verhältnis der Finnen zu den Esten überschattet von den Erinnerungen an die eigene Sowjetbesatzung während des Krieges; noch immer schmerzt der Verlust der Territorien, die sich die Russen im Krieg annektiierten. Kein Finne will die Leidensgeschichte eines Esten hören. Eine estnische Frau, die es schafft, sich einen finnischen Mann zu angeln, das kann nur eine Hure sein, eine "Kommunistenhure". Der Titel des Romans "Stalins Kühe" ruft derartige Vorurteile unmittelbar wach.

Das Mädchen und ihre Mutter, die beiden Hauptpersonen, leben in einer Welt permanenter Verstellung. Schweigen, Schande und Scham sind diffus gegenwärtig. Die Angst, durch eine falsche Geste, ein verräterisches Kleidungsstück oder eine unvorsichtige Bemerkung aufzufallen, wird ebenso detailliert beschrieben wie die Versuche, verbotene - kapitalistische - Lebensmittel nach Estland einzuführen. Selbst die Sommerferien bei der Großmutter müssen verschwiegen werden. Für ein wenig Heimatgefühl in der Fremde sorgen lediglich saure Sahne, Mayonnaise, Schokolade, Sprotten und Sauerkraut. Doch die tragende Handlung des Romans ist die sich entwickelnde Bulimie der Ich-Erzählerin.

Kinder sind bekanntlich spontane, unverstellte Wesen. Also verschreibt sich das Mädchen angesichts dieser Enge aus Nationalismus und Fassadenleben dem Wahn vom vollkommenen Frauenkörper und von der totalen Kontrolle über die eigenen Kurven.

Man kennt den Verlauf der Bulimie. Alles fängt scheinbar pubertär harmlos an, mit Wiege-Tagen und stündlichen Hüftumfangs-Messungen. Irgendwann dreht sich das Leben dann nur noch um das Essensreglement: um die Einteilung in sichere und unsichere Lebensmittel, um Diäten, später um Fress- und Brech-Orgien. Annas "Herr und Meister" – ist die weibliche Vollkommenheit. "Beauty hurts." Detailbesessen lässt die Erzählerin den Leser teilhaben an ihren Manövern und Manipulationen. Ihr Ziel - die totale Kontrolle über Einfuhr und Ausfuhr – nennt sie "Freiheit" und meint damit Autonomie. Einmal heißt es:

"Die Zentimeter eines Frauenkörpers sind ebenso wichtig wie die Staatsgrenzen. Genau definiert und jede Veränderung gibt eine Schlagzeile."

Die Parallele zwischen dem Frauenkörper und dem Staatskörper ist im Roman durchaus gewollt. Man versteht schnell, dass "Stalins Kühe" im Jahr 2003 die damals 25-jährige Schriftstellerin Sofi Oksanen über Nacht berühmt machte. Noch nie hatte jemand in Finnland so frei über die tabuisierten Verhältnisse zwischen Esten und Finnen geschrieben. Und auch ihre dem Filmgenre entlehnte Montagetechnik, die zwischen Zeitlupe und Zeitraffer, zwischen Nahaufnahmen und historischen Weitwinkelblicken abwechselt - das war etwas ungeheuer Neues. Momente aus dem Kauf- und Esszwang der Ich-Erzählerin werden geschnitten mit Szenen der Bespitzelung und Erpressung in Estland, und in kurzen Rückblenden wird außerdem der Widerstand der Esten gegen die sowjetische Nachkriegsbesetzung erinnert. Auch diese Geschichte war in Finnland unbekannt.

Hier, in "Stalins Kühe", ihrem ersten Roman, hatte Oksanen bereits alles angelegt, was sie 2009 in dem Roman "Fegefeuer" meisterlich weiterdachte. "Fegefeuer" ist mittlerweile in über 40 Sprachen übersetzt und brachte die knapp 35-jährige Autorin dieses Jahr in den Wettbüros sogar auf die Liste der Nobelpreiskandidaten. Dichter noch als in "Stalins Kühe", erzählt "Fegefeuer" von Männerherrschaft und Männergewalt im Frauenleben - und montiert mit großer Sprachkraft Vergangenes mit Gegenwärtigem, denn Oksanen weiss: Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sie ist vielmehr unter uns. Wenn wir ihr nicht ins Gesicht sehen, wenn wir sie nicht zur Sprache bringen, tendiert die Vergangenheit dazu, uns zu beherrschen, ja: uns zu überwältigen.

Nach dem großen Erfolg von "Fegefeuer" wirkt "Stalins Kühe", Oksanens erster Roman, weniger kraftvoll. Der Wechsel der Lebenswelten und der Erzählperspektiven ist hier langsamer und manches kommt noch belehrend daher. Man merkt: "Stalins Kühe" betrat bei seinem Erscheinen Neuland, und Oksanen musste damals erst einmal viele Tabus durcharbeiten.
Trotz allem Ernst der Sache sind viele der Lebensmittelgeschichten oft dennoch durchaus amüsant, etwa wenn Anna ihren estnischen Verwandten russischen Kaffee aus einer finnischen Kaffeedose serviert und alle Esten die Besonderheit des finnischen Kaffee-Aromas preisen, das doch eigentlich ein russisches ist. Man sieht: Die Autonomie ist eine Selbsttäuschung und der Nationalismus eine Projektion; er hält lauter Ersatz-Sehnsüchte am Leben. Tatsächlich verstrickt sich die Bulimikerin im Roman immer tiefer in ihr Lügengespinst und in den Wahn, sie könne ihre ganze Umwelt manipulieren. Erst Hukka, ihr Geliebter, durchbricht ihr System weil er ihr ohne Vorbedingung Vertrauen gewährt. Als sie ihm gegenüber einmal vorsichtig äußert, dass sie nicht essen könne, antwortet er lakonisch:

Die einen können nicht schwimmen, die andern nicht Auto fahren, manche können nicht umarmen, andere keinen Kaffee kochen.

Anna ist in seinen Augen "eben eine von denen, die nicht essen können". Angesichts einer solchen Freiheit gerät Annas System beinahe ins Wanken. Die Parallele zwischen Bulimie und Nationalismus ist im Roman durchweg gewollt. Auch wenn der deutsche Verlag von einer universalen "Zivilisationskrankheit" spricht, war der Titel 2003 zuallererst ein ironischer Protest - gegen den finnischen Sextourismus, der Estland seit der Unabhängigkeit überschwemmt. Auf der Umschlagrückseite stand, wie zur Erläuterung: "Warum sind alle estnischen Frauen Huren? Liegt es in ihren Genen?" - Soeben ist in Finnland Oksanens nächster Roman erschienen, der von Glück, Liebe, Verrat und Kollaboration im 2. Weltkrieg handelt. Man darf gespannt sein.

Sofi Oksanen: "Stalins Kühe"
Kiepenheuer & Witsch, Köln,
490 Seiten, 22, 99 Euro

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