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Sei froh, dass du lebst!

Rowohlt Berlin, 288 S., DM 44,90

Michael Bauer

Was wäre die Literatur ohne die schönen, vor allem aber die grausamen Kindheiten schreibender Erwachsener? Was wäre ein Erich Kästner ohne sein problematisches "Muttchen", was all die leidenden Schüler der Weltliteratur ohne ihre grausamen Lehrer? Asta Scheib hat mit ihrer Romanfigur Agnes jetzt diesen Reigen erlittener Kinder- und Jugendjahre weitererzählt:

Agnes ist ein Kind, das offensichtlich sehr früh gelernt hat, alleine zu sein. Eigentlich auch gern allein war und das auch ausgekostet hat als einen süßen, theatralischen Schmerz. Es ist ein Kind, das auch sehr theatralisch ist und sich dessen sogar bewußt ist. Und ich werde nie vergessen: Wir haben uns zum Fasching verkleidet, der bei uns Karneval hieß, und wir liefen durch die Gassen. Ich lief hinter meinen kleinen Freunden her und hab' gedacht: die sind ganz anders als ich - komisch. Ich bin ganz alleine. Das hab' ich schon als ganz kleines Mädchen gewußt und ich fand das wunderschön.

Agnes ist nicht nur die Ich-Erzählerin aus Asta Scheibs neuem Roman "Sei froh, dass du lebst", sie ist auch deren erinnertes Ich. Die Kleinstadt Attenberg entspricht Bergneustadt im Rheinland, wo Asta Scheib 1939 geboren wurde. Bis 1987 arbeitete sie als Journalistin, Redakteurin bekannter Frauenzeitschriften und Buchautorin. Jetzt leistet sie es sich, nur noch Romane zu schreiben.

Asta Scheib provoziert die Neugier ihrer Leserinnen und Leser. Schon der Buchtitel "Sei froh, dass du lebst!", diese Floskel der Erwachsenen, mit denen sie ihre Kinder von Not und Entbehrungen ablenken wollen, schon dieser Titel verweist auf den Widerstand der Autorin und ihrer Romanfigur - einen verzweifelten Widerstand gegen das scheinbar Schicksalhalhafte:

Mir war das alles zu wenig, was ich fand in dieser Kindheit, in dieser frühen Jugend. Es war mir alles zu wenig. Ich hab' immer gewußt, daß das nicht stimmt und daß das nicht genügt und daß, das nicht alles sein darf.

Agnes fühlt sich von ihrem Leben betrogen. Und Asta Scheib? Hat sie nicht auch schöne Erinnerungen an ihre Kindheit?

Da muss ich wirklich lange überlegen, ob das eine schöne Kindheit war. Also, wenn Schmerz und Trauer und Einsamkeit auch schöne Qualitäten haben, dann war's auch eine schöne Kindheit.

Sätze wie diese machen den Reiz von Asta Scheibs Roman "Sei froh, dass du lebst!" aus. In diesem Buch wird nicht lamentiert, nichts beschönigt. Ein Mädchen, das auf den dreihundert Seiten zur jungen Frau heranwächst, sehnt sich nach Liebe und Anerkennung. Darum geht es - vor allem darum.

Die Handlung des Romans ergibt sich aus einer leidenschaftlichen, doch vergeblichen Jagd nach Liebe. Den zeitlichen Rahmen stecken die Luftangriffe der Alliierten aufs Rheinland und der Tod der Nobelnutte Nitribitt im Jahr 1957.

Zu den ersten Kindheitserinnerungen von Agnes gehören das Heulen der Sirenen und die lieblose Pflichterfüllung ihrer Mutter im Luftschutzraum. Der Vater von Agnes, so heißt es in Attenberg, sei noch in Rußland vermißt. Ein kleiner Trost für dessen Abwesenheit bietet der Großvater. Er war kein Nazi und steht in der Familie für überlegtes Handeln und Aufrichtigkeit.

Agnes' Mutter hat einen Vater, den sie lieben kann, ihre Tochter hingegen sehnt sich vergeblich nach einem Vater. Sie ist eifersüchtig, verkriecht sich mehr und mehr in sich selbst, flieht in als tödlich geltende Krankheiten, doch ihr Lebenswille ist stärker. Oder ist es nur das Hoffen auf die Rückkehr des Vaters?

Ich habe immer gewartet auf diesen Vater, weil er etwas war, was mir versprochen schien, und je weniger von ihm geredet wurde, desto mehr habe ich auf ihn gewartet. Und ich hab ja auch gespürt, daß da etwas Bedrohliches ist und daß mit diesem Vater... mit diesem Vaterbild etwas nicht stimmt. Das alles hat ihn mir ja nur noch kostbarer gemacht. Ich habe mein Leben lang daran geglaubt, daß - wenn ich diesen Vater gehabt hätte - dann wäre mein Leben wunderschön verlaufen. Dessen war ich absolut sicher - daß er dafür gesorgt hätte. Und so fand ich mich auch immer benachteiligt - und hab das aber auch irgendwo genossen. Das ist ganz schwer zu erklären: Ich fand mich benachteiligt und fand mich zugleich auch bevorzugt, weil ich diesen wunderbaren Schmerz immer hatte - des armen, verlassenen Kindes... Das ist etwas Wunderschönes.

Diesen "wunderbaren Schmerz" genießt Asta Scheibs Agnes wider Willen, so wie ihn ihre Autorin leidend zu genießen versucht hat. Den Kindern der Nachkriegszeit stand eine Front ausgezehrter, verhärmter Erwachsener gegenüber. Nicht alle waren so verständnisvoll wie Agnes' Großvater. Viele Pfarrer, Lehrer und Eltern hatten nur ein Ziel, die Kinder für den Überlebenskampf zu schulen und zu disziplinieren.

Es herrscht Aufbruchstimmung. Man gönnt sich selbst nichts, warum also sollte man seinen Kindern oder Schülern etwas gönnen. Wenn Agnes sich mit der Pfote ihres Kuscheltieres schöne, warme "Gefühle macht", wenn die Heranwachsenden gemeinsam im Wald Verbotenes tun, dann drohen ihnen harte Strafen. Man züchtet Schuldgefühle in den jungen Seelen. Agnes und ihre Verehrer kümmert das allerdings wenig. Ihr ganzer Haß gilt dem neuen Geliebten ihrer Mutter. Jener Friedrich hat den, wie er es nennt, "Zusammenbruch" des Deutschen Reiches nie verwunden. Besoffen grölt er "Deutschland, Deutschland über alles", heimlich trifft er sich mit Gesinnungsgenossen. Er ist der miese, der häßliche Deutsche, der nichts dazugelernt hat, und dennoch versagt sich Asta Scheib weitgehend übliche Klischees. Den Leserinnen und Lesern zeigt sich Friedrich nur aus der Perspektive eines kleinen Mädchens. Agnes haßt ihn, weil er ihrem herbeigesehnten Vater den Platz in der Familie streitig macht. Sie haßt ihn, weil er sich schuldig gemacht - an ihr. Er und die Nazis haben den Krieg begonnen. Sie haben ihr den Vater genommen und die Juden des Städtchens ermordet. Kein Wunder, wenn die reiche Ines Simon mit den Amerikanern zurückgekehrt ist und Rache nimmt für die Morde an ihren Angehörigen. Um sich auch an den Kindern der Täter zu rächen, verkauft die Industrielle ihre inzwischen wieder florierenden Fabrik an die Konkurrenz. Den Entlassungen folgt die Schließung des Betriebes. Viele Attenberger verlieren ihre Arbeit.

Einfühlsam schildert Asta Scheib Liebe und Haß auf deutschen Trümmern. Dann kommen doch Zweifel auf: Muß das denn sein, daß ein arbeitscheuer, bei jüdischen Kaufleuten hoch verschuldeter Trinker zum SA-Mann wird und seine Wut in der Pogromnacht auslebt? Die weitere Lektüre räumt alle Befürchtungen wieder aus: Der Freitod seiner Frau läßt den SA-Mann umdenken. Er bringt das jüdische Ehepaar zu Menschen, die sie bis 1945 bei sich im Kohlenkeller verstecken.

Als alles vorüber zu sein scheint, die Trümmer fortgeschafft sind und sich die alten Nazis nur mehr heimlich treffen, gönnt man sich auch in Attenberg wieder etwas:

Man konnte sich trotz allem damals an vielem freuen. "Meine Mutter und ihre zahlreichen Cousinen saßen abends zusammen. Eine von ihnen mußte rauchen, obwohl keine von ihnen Raucherin war, und dann hatten sie das Gefühl, es war ein Mann da. Und sie waren fröhlich und sie haben geklatscht. Es gab auch immer irgendeine Süßigkeit, die man sich erspart hatte. Also es war schon auch eine Zeit der kleinen Freuden. Aber für ein Kind - ich hab mir das immer so angeschaut - mich hat das eigentlich nicht so besonders beglückt. Ich kam da auch nicht vor. Ich hab da auch nur gestört.

Den ganzen Roman hindurch begleitet der Leser ein stolzes, trotziges, unbeugsames, ein auf sich konzentriertes Mädchen namens Agnes bzw. Asta:

Es hatte niemand Zeit für ein Kind. Ein Kind galt auch nichts. Ein Kind war ein zu klein geratener Erwachsener. Wir hatten einfach irgendwo am Rande zu funktionieren. Rainer Werner Fassbinder hat mir das bestätigt. Wir sind sogar um 100 Ecken noch verwandt. Meine Großmutter war auch eine Faßbinder. Und er hat gesagt: Er wuchs auf wie ein Blümchen. Schöner kann man es gar nicht sagen. Wir wuchsen alle auf wie die Blümchen - man hat gar nicht so sehr aufgepaßt, ob man eines von uns zertritt. Wir kamen nicht vor.

Agnes' Vater überlebt die Blinddarmoperation nicht. Die Sehnsucht seiner Tochter nach jemandem, der zu ihr steht und ihr durchs Leben hilft - zumindest durch Kindheit und Jugend - diese Sehnsucht erfüllt sich nicht.

Sei froh, dass du lebst! Doch das allein genügte weder Agnes noch genügte es ihrer Autorin Asta Scheib. Sie wollte schreiben:

Ich denke - hoffentlich klingt das jetzt nicht zu dramatisch - es war die absolute Einsamkeit, die mich dazu gebracht hat. Im Zusammenhang mit meiner schweren Krankheit als elfjähriges Kind war ich wirklich sehr lange isoliert. Man konnte mit dieser Krankheit nicht umgehen, die war ja verteufelt ansteckend - und ich war wirklich sehr alleine. Ich blieb auch lange Zeit allein. Ich durfte bei nichts mehr mitmachen. Man hat mich in Watte gepackt - ganz anders als da heute mit umgehen würde - und ich habe einfach geschrieben, um einen Ausweg für mich zu finden, ein Versteck. Ich war halt nu anders als die andern Leute um mich herum. Ich war auch anders als alle andern in meiner Familie. Und ich wußte das. Und ich fand das hervorragend. Ich wollte nicht so sein wie einer von denen. Und so hab ich geschrieben.

Schreiben - Literatur, um sich abzugrenzen und sich dabei selbst zu orten. Dennoch hat Asta Scheibs Roman "Sei froh, dass du lebst!" kaum etwas mit der Selbstfindungsprosa der siebziger/achtziger Jahre zu tun. Agnes ist trotz aller Nähe zu ihrer Autorin eine eigenständige Figur. Asta Scheibs neuer und bislang wohl eindrucksvollster Roman erinnert ein bißchen an Lena Christ, ein bißchen an Irmgard Keun - und ist wie deren Bücher schön zu lesen.

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