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StartseiteCampus & KarriereSeniorstudenten machen mobil09.06.2004

Seniorstudenten machen mobil

Ältere Kommilitonen wehren sich gegen die Einführung von Studiengebühren

<strong>Patrick Honecker: </strong> Immer mehr ältere Menschen erfüllen sich nach Ende ihres Berufslebens einen lang gehegten Wunsch. Sie gehen noch mal oder auch das erste Mal an die Hochschule und studieren. Sie können sich als Gasthörer einschreiben oder auch ein ordentliches Studium aufnehmen - bislang relativ kostengünstig. Nur das scheint jetzt allmählich vorbei zu sein. Am Telefon begrüße ich Barbara Eifert. Sie berät die Landesseniorenvertretung in Nordrhein-Westfalen. Guten Tag, Frau Eifert.

Moderation: Patrick Honecker

Studiengebühren erschweren ein Studium im Alter. (AP)
Studiengebühren erschweren ein Studium im Alter. (AP)

Barbara Eifert: Guten Tag, Herr Honecker.

Honecker: Frau Eifert, die Senioren haben sich mit dem studentischen Aktionsbündnis gegen Studiengebühren zusammengetan und kündigen Widerstand an. Was passt ihnen denn nicht?

Eifert: Ja, ungerecht sind Studiengebühren für alle, die sie jetzt bezahlen müssen. Das gilt grundsätzlich und im übrigen auch für die, die sie jetzt beschließen und die sie selbst nicht entrichten müssen. Denn wir wissen alle, dass Studiengebühren sozial selektiv wirken. Erkenntnisse dazu sind vorhanden und auch hinlänglich bekannt. Dies gilt natürlich auch für das Alter, aber insbesondere für das Alter auch deshalb, weil die heute Älteren in der Regel in ihrer Jugend sehr viel weniger Möglichkeiten hatten zu studieren.

Honecker: Es hat sich in den letzten paar Jahren ja einiges geändert, was die Gebührensituation angeht. Es gibt Langzeitstudiengebühren. Es gibt in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz das so genannte Studienkontenmodell. Hat das eine direkte Auswirkung auf Ihre Klientel, die Senioren?

Eifert: Viele der Älteren, die ein ordentliches Studium, sprich eines mit Abschluss angestrebt haben, sind von diesen Studiengebühren in dieser Höhe ja wirklich überrascht worden, muss man auch sagen. Insbesondere hat sich die Landesseniorenvertretung gegen diese drastische Summe von 650 Euro ausgesprochen. Das ist für viele, die das tun, schon eine Belastung, denn es ist keineswegs so, dass wohlhabende Ältere in der Regel studieren. Es sind auch Menschen, die diese Bildungsmöglichkeit in ihrer Jugend nicht hatten und das jetzt nachholen, die auch durch diesen Mangel an Bildung nicht zu dem Wohlstand gekommen sind, der ja - zumindest in der Vergangenheit - durch Bildung möglich war.

Honecker: Die Einführung von Bildungsgebühren setzt ja ein Verständnis von Bildung voraus, das sagt, das ist eigentlich eine Ausbildung, die dazu führt, dass man hinterher vielleicht einen Beruf hat und Geld verdienen kann. Man hat also einen Wertvorteil dadurch. Aber Sie sehen Bildung mehr als Teilhaber an einem gesellschaftlichen Prozess, wenn ich Sie richtig verstehe?

Eifert: Es ist so, dass im Moment, natürlich wie in vielen anderen Bereichen, ein rein verwertungstechnischer Begriff oder ein rein verwertungstechnisches Verständnis besteht - auch auf Bildung bezogen. Der Bildungsbegriff ist aber in Bezug auf den demografischen Wandel, der ja gerne und häufig zitiert wird - vor allem in den Sonntagsreden, er ist gerade in Bezug auf diesen demografischen Wandel und seine Gestaltung völlig unangemessen und nicht brauchbar. Denn es gilt ja für viele Menschen, die heute in den Ruhestand gehen - übrigens nicht immer gerne und freiwillig, noch viele Jahre zu gestalten. Es ist ja so, dass man von 20, 30 Jahren, die man nach der Erwerbstätigkeit noch zu gestalten hat, ausgehen kann. Das wird sich eher noch erhöhen. Diese Zeit sinnvoll zu nutzen, dazu ist Bildung auf jeden Fall ein Schlüssel.

Wenn man Bildung in diesem Zusammenhang schon verwertungstechnisch sieht, dann sollte man auch klug genug sein und diese Schlüsselfunktion von Bildung betrachten; auch im Hinblick darauf, dass daraus ja auch gesellschaftliches Engagement älterer Menschen entstehen kann.

Honecker: Aber Fakt ist doch, dass die meisten älteren Studierenden, sprich Seniorstudenten, mehr Geld in der Tasche haben, um das Studium zu bezahlen, als diejenigen, die gerade das Studium anfangen, direkt nach der Schule. oder?

Eifert: Das ist auch ein Punkt, worüber wenig weit reichende und fundierte Kenntnisse herrschen. Da schwirren auch viele Vorstellungen darüber herum, wie so ein älterer Seniorenstudierender aussieht und zu welcher gesellschaftlichen Schicht er gehört. Das müssten wir eigentlich mal genauer wissen, wer da studiert und in welcher Weise sich diese Studienbeteiligung verändert hat. Aber so grundsätzlich, wie Sie es jetzt gesagt haben, kann ich das nicht bestätigen. Dazu liegen einfach nicht genügend Kenntnisse vor.

Honecker: Das heißt, Sie haben auch schon den juristischen Weg eingeschlagen. Was machen Sie? Sie klagen vor Verwaltungsgerichten oder was machen Sie?

Eifert: Seniorenstudierende in Nordrhein-Westfalen haben in einigen Fällen vor den Verwaltungsgerichten - nicht an allen, wir haben ja sieben in Nordrhein-Westfalen, aber in einigen dieser Verwaltungsgerichte - geklagt und haben sich bezogen auf die EU-Richtlinie aus dem Jahr 2000, die ja will, dass Menschen unter anderem nicht auf Grund ihres Alters benachteiligt werden. Das ist eine EU-Richtlinie, die schon längst hätte in Deutschland umgesetzt werden müssen, das heißt, in Recht umgesetzt werden müssen. Das ist noch nicht geschehen. In Deutschland ist es so, dass man sich immer noch über den Diskriminierungsbegriff auseinandersetzt, aber diese Richtlinie noch nicht umgesetzt hat. Diese Richtlinie sieht vor, dass es keine Benachteiligung aufgrund des Alters geben darf.

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