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StartseiteForschung aktuellSimulation im Netzwerk27.03.2009

Simulation im Netzwerk

Physiker untersuchen Instabilitäten im System der Finanzmärkte

<strong>Physik. - Zu klassischen Subdisziplinen wie Halbleiter-, Plasma- oder Hochenergiephysik wird sich im kommenden Jahr ein neuer Fachverband gesellen: Die Physik sozioökonomischer Systeme. Eine noch junge Disziplin, der auf der Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Dresden viel Beachtung geschenkt wurde.</strong>

Von Jan Lublinski

Physiker nähern sich dem Börsengeschehen jetzt auf virtuellem Weg. (AP)
Physiker nähern sich dem Börsengeschehen jetzt auf virtuellem Weg. (AP)

Stefan Thurner fühlt sich in Physik und Ökonomie gleichermaßen zu Hause. Er hat in beiden Fächern promoviert und leitet eine Forschergruppe an der Medizinischen Universität Wien, die sich mit komplexen Systemen befasst. Außerdem verbringt mehrere Monate im Jahr in den USA, am privaten Santa Fe Institute, eine Einrichtung, in der gezielt naturwissenschaftliche, ökonomische und soziale Systeme interdisziplinär untersucht werden.

"Der große Wert von dem Santa Fe Institut ist das Netzwerk, die Möglichkeit, Leute aus verschiedenen Disziplinen kennenzulernen. In meinem speziellen Fall arbeite ich da mit einem Ökonomen zusammen und einem Physiker und wir arbeiten an Themen die den Finanzmarkt und die Stabilität des Finanzmarktes betreffen."

Gemeinsam haben sie eine Simulation des Finanzmarktes entwickelt, die ganz bewusst nicht auf einer übergreifenden ökonomischen Theorie basiert, sondern in der sie die Finanzmärkte in stark vereinfachter Form nachbilden, mit einem so genannten agentenbasierten Modell. Das heißt: Stefan Thurner und Kollegen haben eine Vielzahl von Akteuren auf einem virtuellen Finanzmarkt programmiert. Diese Akteure sind miteinander vernetzt und handeln nach bestimmten Regeln.

"Eine Bank interagiert mit anderen Banken nach gewissen Regeln, eine Bank interagiert mit Hedgefonds nach gewissen Regeln, Hedgefonds reagieren auf dem Finanzmarkt nach gewissen Regeln, indem sie Finanzprodukte kaufen oder verkaufen. Und diese Regeln implementieren wir auf einem mikroskopischen Niveau und lassen das System sich nach diesen Regeln evolvieren oder sich entwickeln."

Es ist also eine Art Laborversuch, den Stefan Thurner auf dem Computer aufgebaut hat. Er kann verschiedene Szenarien durchspielen, Varianten prüfen und Fragen an seinen simulierten Finanzmarkt richten. So auch die entscheidende Frage, unter welchen Bedingungen das System instabil wird.

"Das Neue an dem Ansatz ist, dass wir von mikroskopischen Regeln ausgehen und systemische Eigenschaften des Systems beobachten: Kollabiert das System oder kollabiert es nicht. Wenn ich Parameter so und so setze, ist das System stabil unter gewissen Schocks, die ich von außen an das System anlege, oder bricht das System dann zusammen."

Ein wichtiger Parameter, den Stefan Thurner mit seinen Analysen ausmachen konnte, ist die Höhe der Kredite, die Finanzspekulatoren von den Banken erhalten. Nach den gegenwärtigen Regulierungsmechanismen im Bankensektor ist die Kreditvergabe an ein gewisses finanzielles Sicherheitspolster gekoppelt, dass die Banken bei sich behalten müssen.

"Je höher das Polster ist, desto schlechter ist das für die Bank und desto sicherer ist das für das System. Das würde man intuitiv sagen, das ist der Grund für diese Art der Regulierung. Jetzt können wir zeigen, dass in normalen Zeiten, wenn ich das Liquiditätspolster erhöhe, wird das System sicherer. In Zeiten von Krisen, von großer Volatilität, hat das genau den gegenteiligen Effekt."

Das Geld wird zu stark gebunden und dem gesamten Finanzsystem fehlen die Mittel, um wieder zurück in einen normalen Zustand zu finden. Auch wenn Thurners Computer-Simulation die Komplexität der realen Finanzmärkte nicht vollständig abbildet, so zeigt sich hier schon der Wert seiner Herangehensweise: Die agentenbasierten Netzwerke erlauben es, unerwartete Effekte in einem komplexen System zu erkennen und unter verschiedenen Rahmenbedingungen zu prüfen.

"Was ich ihnen jetzt gesagt habe, da können sie mir sagen, das sagen ja auch die und die Ökonomen. Und da könnte ich Ihnen dann sagen: aber die und die Ökonomen sagen genau das Gegenteil. Der Vorteil von unserem experimentellen, agentenbasierten Modell ist, dass wir einfach zusehen können, was passiert und nicht auf Spekulation basieren."

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