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Simulierte Selbstlosigkeit

Computerexperiment belegt: Evolution führt nicht zwangsläufig zu egoistischer Gesellschaft

Von Ralf Krauter

Computersimulationen legen nahe: Bei passenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gewinnen Individuen die Oberhand, denen das Wohl ihrer Mitmenschen wichtig ist.
Computersimulationen legen nahe: Bei passenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gewinnen Individuen die Oberhand, denen das Wohl ihrer Mitmenschen wichtig ist. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Unfair und auf den eigenen Vorteil bedacht – dieses Zerrbild von der Natur des Menschen ist Basis vieler ökonomischer Theorien. Dass Menschen aber auch selbstlos sein können, wird oft ausgeblendet. Um Denkanstöße für ein ganzheitliches Menschenbild zu liefern, haben Forscher simuliert, wie sich Fairness in der Gesellschaft ausbreitet.

Das Menschenbild vieler Ökonomen ist eindimensional. Seit Jahrzehnten gehen sie in ihren Theorien davon aus, die Menschen seien stets nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. ‘Homo Oeconomicus’, so nennt sich dieses stark vereinfachte Modell der menschlichen Natur. Charakterzüge wie Fairness und Gemeinsinn fallen dabei unter den Tisch, erklärt der Soziologieprofessor Dirk Helbing von der ETH Zürich.

"Und das Argument ist eigentlich ein evolutionäres. Das heißt, die Biologie, die setzt den Menschen quasi unter Druck, über das Prinzip der natürlichen Auslese. Wenn man zu nett ist, dann wird man ausgenutzt und hat selber Nachteile. Folglich würde man nicht so viele Nachkommen haben und allmählich würde das freundliche Verhalten aussterben. Am Ende blieben Egoisten, die strikt auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, übrig."

Um herauszufinden, ob das stimmt, simulierte Dirk Helbing am Computer, ob die Evolution tatsächlich zwangsläufig dazu führt, dass die Egoisten in einer Gesellschaft den Ton angeben. Dazu ließ er fiktive Akteure das sogenannte Gefangenendilemma spielen. Dabei werden soziale Interaktionen zwischen je zwei Individuen nachgestellt. Und zwar so, dass sich das kooperative Verhalten des einen nur dann auszahlt, wenn der andere ebenfalls kooperiert. Andernfalls steht der Kooperative schlechter da als der Egoist, der andere bei jeder Gelegenheit übers Ohr haut. Zu Beginn der Simulation waren alle Mitspieler Egoisten. Durch zufällige Mutation einer Eigenschaft namens ‘Freundlichkeit’ verhielten sich ihre Nachfahren aber manchmal mehr oder weniger kooperativ.

"Die Freundlichkeit entscheidet darüber: Wie viel Gewicht gibt man dem Erfolg des Gegenübers bei den eigenen Entscheidungen und wie viel Gewicht gibt man dem eigenen Erfolg, dem sogenannten Payoff? Und wir nehmen an, dass die Freundlichkeit am Anfang null ist, also wie es dem Homo Oeconomicus entspricht. Also der Kampf um den eigenen Vorteil im Grunde genommen, das ist die Ausgangssituation, die wir annehmen. Und auf wundersame Weise finden wir aber, dass sich ein soziales Verhalten ausbreiten kann. Also ein Homo Socialis entsteht, der Rücksicht nimmt auf die Interessen seines Gegenübers."

Der Homo Socialis ist quasi das Gegenmodell zum Homo Oeconomicus. Neben seinem eigenen Vorteil hat er bei Entscheidungen immer auch das Wohl seines Gegenübers im Blick. Seinen Siegeszug in der Simulation kann der Homo Socialis jedoch nur unter zwei Bedingungen antreten. Es braucht dazu eine kritische Masse kooperationswilliger Akteure in seiner Umgebung und eine Art Initiator, der stets völlig selbstlos agiert.

"Jemand, der also mit guten sozialen Motiven auf die Welt kommt, Mutter Theresa, diese Art von Mensch: Wenn die geboren wird, dann plötzlich kann das ein Umschlagen dieser konditionell kooperativen Menschen zu Kooperation bewirken. Das heißt, in einer kaskadenartigen Art und Weise kann sich jetzt sehr schnell die Kooperation ausbreiten."

Die Computersimulationen aus Zürich legen nahe: Bei passenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gewinnen soziale Individuen, denen das Wohl ihrer Mitmenschen wichtig ist, die Oberhand. Genau wie das in Wirklichkeit oft der Fall ist und wie es die Verhaltensexperimente von Neuroökonomen wie Professor Armin Falk von der Uni Bonn belegen.

"Das Ergebnis, dass wir nicht alle eigennützig sind und dass das auch nicht unbedingt Teil eines evolutionären Gleichgewichtes ist, das kann mich nicht sonderlich überraschen. Einfach, weil wir das im Laboralltag jeden Tag sehen."

Nur wenige Menschen handeln so egoistisch wie das Zerrbild vom Homo Oeconomicus glauben macht. Die Basis vieler Wirtschaftstheorien ist brüchig geworden. Dirk Helbing hofft, den Ökonomen mit seiner Arbeit Denkanstöße für ein ganzheitliches Menschenbild zu liefern.

"Wir haben in der Ökonomie eigentlich die falsche Fährte verfolgt und in der Konsequenz auch in der Weltwirtschaft die falschen Entscheidungen getroffen. Wir haben zu sehr aus der Perspektive des Homo Oeconomicus gedacht und entschieden und dabei letzten Endes die Potenziale zerstört, die ein Homo Socialis, der Rücksicht nimmt auf andere, hätte schaffen können. Und ich denke, es ist nun ein Umdenken erforderlich, um letzten Endes diese Potenziale auch auszuschöpfen."



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