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StartseiteTag für TagSozialkritik aus dem Elfenbeinkirchturm07.11.2013

Sozialkritik aus dem Elfenbeinkirchturm

Impulspapier von Bischofskonferenz und Evangelischer Kirche

Evangelische und katholische Kirche wollen sich in Kürze gemeinsam zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland äußern. Doch schon im Vorfeld hagelt es Kritik. Die Verbände fühlen sich bei der Sozialinitiative übergangen. Ihr Vorwurf: Menschen am Rande kommen nicht zu Wort.

Von Burkhard Schäfers

Auf knapp 30 Seiten wollen die Kirchen in zehn Thesen Position beziehen, unter anderem zur Eurokrise. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)
Auf knapp 30 Seiten wollen die Kirchen in zehn Thesen Position beziehen, unter anderem zur Eurokrise. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

16 Jahre ist es her, dass evangelische und katholische Kirche in Deutschland ein gemeinsames Sozialwort veröffentlichten: 1997 erschien die Schrift "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit". Seither hat sich die Welt massiv verändert, Aktien-Boom und Crash folgten aufeinander, die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hat den Globus im Griff. Höchste Zeit, waren sich Experten aus beiden großen Kirchen einig, erneut Stellung zu beziehen. Die jetzt angekündigte Ökumenische Sozialinitiative soll eine öffentliche Debatte anstoßen, so wünschen es sich die Bischöfe. Was in dem Impulspapier stehen wird, sei innerhalb der Kirchen allerdings zu wenig diskutiert worden, kritisiert Johannes Stein, Bundespräses der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung KAB:

"Weil es ja um Fragen geht, die ganz viele Menschen bewegen, vor allem die Menschen am Rande. Und die haben durch dieses Verfahren eben nicht die Möglichkeit, selber ihre Stimme zu erheben. Deswegen wundert mich total, dass jetzt ein Papier hinter verschlossenen Türen entsteht."

Die KAB betrachtet sich ebenso wie andere Laienverbände als Sprachrohr für die Anliegen benachteiligter Menschen. Zu den Inhalten der Ökumenischen Sozialinitiative seien sie jedoch nicht gefragt worden, sagt KAB-Präses Stein. Nun ist das Papier nahezu fertig. Im Winter wollen es der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, vorstellen. Geschrieben wurde es von Fachleuten, die ausgewählt wurden von der Bischofskonferenz und vom Kirchenamt der EKD. Johannes Stein:

"Ein Mensch, der arbeitslos ist, hat einen ganz anderen Blick und ganz andere Leiden als ein Bischof oder ein Professor oder eine kirchenleitende Person. Die Verbände sind Organisationen von Menschen, die sich für Betroffene in prekären Lebenssituationen einsetzen. Da gibt es ganz viel Expertise und ganz viel Entschiedenheit. Ich befürchte, diese Entschiedenheit und ein profiliertes Eintreten für die Menschen am Rande – dass das vielleicht nicht beabsichtigt ist."

Hinter Steins Äußerung steht die Sorge, die Sozialinitiative wolle niemandem wehtun. Denn selbstverständlich gibt es auch innerhalb der Kirchen verschiedenste Positionen zum derzeitigen Wirtschafts- und Finanzsystem. So hat Professor Peter Schallenberg an dem Impulspapier mitgeschrieben. Der Paderborner Moraltheologe berät den wirtschaftsfreundlichen Bund Katholischer Unternehmer. Vertreter der traditionell eher wirtschaftskritischen Jugendverbände hingegen waren nicht beteiligt, sagt Dirk Tänzler, Vorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, kurz BDKJ:

"Um die Wirkfähigkeit eines solchen Papiers zu erhöhen, wäre es von Vorteil, mit den Organisationen, die sich in der Kirche engagieren, im Vorfeld Kontakt aufzunehmen. Weil die vom Armutsrisiko größte betroffene Gruppe in Deutschland sind Kinder und Jugendliche. Und da können katholische Jugendverbände einiges zu beitragen, dass man sich darüber Gedanken macht."

Das gemeinsame Sozialwort der Kirchen aus dem Jahr 1997 kam anders zustande. Damals wurde breit diskutiert – Jugend- und Sozialverbände, kirchliche Hilfsaktionen und engagierte Christen waren eingebunden, erinnert sich BDKJ-Mann Tänzler.

"Die Frage ist, will ich in eine große, innerkirchliche Debatte über ein Sozialwort gehen? Will ich da Diskurs haben? Ich glaube, in unserer heutigen, postmodernen Gesellschaft ist es absolut notwendig, einen breiten Diskursprozess zu haben, um eine Wirkung zu erfahren. Sonst wird das immer sehr stark als Top Down wahrgenommen, und das ist nicht das, wie sich Gesellschaft derzeit aufstellt."

Allerdings hatten Bischofskonferenz und EKD offenbar Zweifel, ob ein solch breiter Prozess überhaupt ein Ergebnis zutage fördern würde. Schon jetzt vergingen nahezu zwei Jahre, bis die beiden Kirchen ihre Positionen zusammengetragen hatten. Dabei zeigten sich Differenzen zwischen katholischen und protestantischen Auffassungen, sagt Cornelia Coenen-Marx, sozialpolitische Referentin der EKD:

"Ich glaube, es ist kein Geheimnis zu sagen, beim Thema Familie haben wir Unterschiede in der Sichtweise. Wie bewerten wir Pflege und Erziehungsarbeit in dieser Gesellschaft? Das ist spannend zu gucken, wie sehen das die anderen Seiten jeweils."

Spannend und nervenaufreibend – lassen Fachleute durchblicken, die an der Sozialinitiative mitgearbeitet haben. Auf knapp 30 Seiten wollen die Kirchen in zehn Thesen Position beziehen: zur Fortentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft etwa, zur Staatsverschuldung, zu Umweltproblemen und der Verantwortung Deutschlands angesichts der Eurokrise. Mit Blick auf die komplexen Themen wäre es schwierig geworden, die Verbände im Vorfeld einzubeziehen, verteidigt EKD-Referentin Coenen-Marx das Vorgehen. Zumal schon die Abstimmung zwischen den Gremien von EKD und Bischofskonferenz nicht einfach gewesen sei.

"Das führt natürlich auch dazu, dass manche Zuspitzungen dann vielleicht nicht so erfolgen können. Denn das müssen ja Papiere sein, denen dann alle zustimmen. Klar ist, dass es bei einer solchen Breite in unseren Kirche, die es ja politisch immer noch gibt, auch sozialpolitisch, ganz sicher hinterher zu einer Vielfalt, aber wahrscheinlich nicht zu einer einenden Zuspitzung kommen können."

Allerdings zweifeln vor allem die wirtschaftsskeptischen Verbände, ob die Ökumenische Sozialinitiative tatsächlich Akzente setzen kann. KAB-Präses Johannes Stein:

"Die Bischöfe haben ein Bild von einer harmonischen Gesellschaft. Aber die Verhältnisse sind nicht so. Es gibt in unserer Gesellschaft ganz viele Verlierer. Die Rolle der Kirchen sehe ich entscheidend darin, dass sie sich zum Anwalt der Armen, der Benachteiligten und der zu kurz Gekommenen macht. Wozu ist sie sonst da? Für fromme Reden ist sie nicht mehr nötig."

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