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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSprache als Schlüssel zur Integration02.12.2010

Sprache als Schlüssel zur Integration

Expertentagung in Berlin, 29. November 2010

Der Satz "Sprache ist der Schlüssel zur Integration" prägt die Integrationsdebatte in Deutschland. In vielen Familien mit Migrationshintergrund wird nur unzureichend deutsch gesprochen. Dies ist das ein großer Nachteil, sagt Erziehungswissenschaftler Bernt Ahrenholz. Denn jeder Spracherwerb braucht Zeit – und Praxis.

Von Thomas Gith

Spracherwerb braucht Zeit und Praxis: Eine Türkin beim Sprachunterricht in der Volkshochschule in Berlin Neukölln (AP Archiv)
Spracherwerb braucht Zeit und Praxis: Eine Türkin beim Sprachunterricht in der Volkshochschule in Berlin Neukölln (AP Archiv)

Ein Blick in den Bildungsbericht 2010 gibt der derzeitigen Integrationsdebatte ein solides Fundament: Demnach haben in Frankfurt am Main, München und Stuttgart mehr als die Hälfte der unter 15-jährigen Kinder ausländische Wurzeln. Bei den unter Dreijährigen sind es in Frankfurt am Main sogar 72 Prozent.

Anders ausgedrückt: Zahlreiche dieser Kinder kommen aus Familien, in denen oft nicht oder nur unzureichend Deutsch gesprochen wird. Zum ersten regelmäßigen Umgang mit dem Deutschen kommt es dann häufig in Kita oder Grundschule. Für den deutschen Spracherwerb ist das ein großer Nachteil, sagt der Erziehungswissenschaftler Professor Bernt Ahrenholz von der Universität Jena. Denn jeder Spracherwerb braucht Zeit – und Praxis.

"Voraussetzungen für einen gelungenen Spracherwerb ist intensive, umfangreiche Interaktion. Das heißt, Verwendung von Sprache in sinnvollen Kontexten. Das bedeutet, dass ich auch die Möglichkeit habe, nicht nur Sprache aufzunehmen, Strukturen zu erkennen, sondern auch in der Verwendung von Sprache, wir sagen, Hypothesen zu testen, auszuprobieren, wie Sprache funktioniert und gegebenenfalls eben auch über Bedeutungsaushandlungen das Verständnis von der Sprache zu verbessern."

Ist das Deutsch in dieser Form zu Schulbeginn nicht hinreichend erprobt und erlernt, kommt es zu mehreren Problemen auf einmal. Die Unterrichtsprache Deutsch etwa wird oft nur mangelhaft verstanden. Doch selbst wenn Grundzüge der Sprache vorhanden sind, scheitern viele Kinder. Der Grund: Die Schulsprache hat ihre Besonderheiten – sie setzt beispielsweise voraus, dass die Kinder Deutsch in mündlicher Form beherrschen. Auf dieser Fertigkeit baut die sogenannte Bildungssprache auf, sagt die Pädagogikprofessorin Ursula Neumann von der Universität Hamburg.

"Das, was in der Schule an mündlicher Sprache eine Rolle spielt, ist häufig schriftliche Sprache mündlich produziert. Die Sätze sind nicht so, wie man im dialogischen Gespräch miteinander umgehen würde. Sondern es werden vollständige Sätze gebildet, in der mündlichen Sprache wird normalerweise nicht in vollständigen Sätzen gesprochen. Und die Kinder müssen also mündlich etwas Schriftliches produzieren, das muss man lernen, das ist ein eigener Schritt."

Um die Bildungssprache zu erlernen, braucht es eine ganze Weile: Aktuelle Studien zeigen, dass Kinder allein zwischen 6 Monaten und zwei Jahre benötigen, um alltagssprachliche Fähigkeiten in der Zweitsprache zu erlernen. Um dann noch bildungssprachliche Kompetenzen zu erwerben, braucht es anschließend circa fünf bis acht Jahre. Unklar ist dabei, welchen Lernvorteil es bedeutet, wenn Kinder ihre Muttersprache bereits ausreichend beherrschen. Wenn sie also beispielsweise türkisch oder arabisch altersgemäß sprechen, bevor sie Deutsch lernen. Professor Udo Ohm von der Universität Bielefeld.

"Also es gibt eine gewisse Hoffnung, das haben einige Studien angedeutet, dass man bildungssprachliche Kompetenz, das wäre also zum Beispiel Kenntnis von Textsorten, Fähigkeiten in der Herkunftssprache etwas zu beschreiben, zu erklären, also stark an Schriftsprache orientierte Kompetenzen, dass die möglicherweise leichter übertragbar sind auf die Zweitsprache als etwa grundlegende Sprachkompetenzen. Aber das ist natürlich mit Vorsicht zu genießen. Auf jeden Fall haben diese Personen, die in der Herkunftssprache in diesen bildungssprachlichen Bereich vorgedrungen sind, schon mal einen Vorsprung im Bereich der Textkompetenz allgemein."

Dass es grundlegende Schulprobleme gibt, wenn Deutsch bildungssprachlich nicht beherrscht wird, zeigen einige einfache Beispiele: Selbst die Mathematik, die auf logischen und formalen Operationen beruht, wird oft sprachlich vermittelt. Textaufgaben sind solch ein Beispiel. In ihnen wird eine mathematische Rechnung sprachlich umschrieben. Zahlreiche Schul- und Bildungstests zeigen, dass sprachliche Defizite daher auch zu Problemen in naturwissenschaftlichen Fächern führen können. Ursula Neumann.

"Also wenn sie sich so eine Physikaufgabe oder Mathematikaufgabe in PISA anschauen, dann sind die relativ kompliziert in der Sprache. Wer also nicht bis zu der mathematischen Aufgabe, die da drin steckt, gelangt, weil er schon an der Sprache scheitert, fällt dann auf als jemand, der nicht gut Mathematik kann. Und in gewisser Weise ist das ja auch so. Wissen ist in der Regel sprachlich gefasst. Und wenn jetzt Schülerinnen und Schüler keinen guten Zugang zu Sprache haben, dann haben sie auch Schwierigkeiten beim Zugang zu Wissensbeständen aus der Mathematik, aus der Physik, aus Geschichte, wo immer."

Um solche Defizite gar nicht erst entstehen zu lassen, ist frühes Deutschlernen nach Ansicht der Experten sinnvoll. Denn die Mängel in der Bildungssprache, die zu schlechten Leistungen in allen Fächern führen können, vergrößern sich im Laufe der Bildungsbiografie häufig noch. Im Modellprojekt "Fördern von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund" wurde daher zwischen 2004 und 2009 das Konzept der durchgängigen Sprachbildung entwickelt. Eine wesentliche Erkenntnis war dabei, dass sich die Sprachbildung nicht auf isolierte Förderangebote richten sollte, sondern dass sie als Aspekt der gesamten sprachlichen Bildung zu verstehen ist. Das gilt nicht nur für Kita, Grundschule und Sekundarstufe, sondern teilweise auch noch für die Berufsschule. Bernt Ahrenholz.

"Es ist keine Frage, dass die Sprache eine große Bedeutung spielt hinsichtlich der Partizipationsmöglichkeiten am Bildungssystem und an der deutschen Gesellschaft. Und die Sprachkenntnisse entscheiden ja eben auch über die beruflichen Möglichkeiten, die Schülerinnen und Schüler haben. Und zwar oft in einer unerwarteten Weise. Also zum Beispiel müssen auch Auszubildende in mechanischen Berufen, oder Mechatroniker zum Beispiel oder Bäcker, die müssen in ihrer Ausbildung sehr viel schreiben. Und sie scheitern dann, weil sie das nicht normorientiert genug können."

Bei manchen Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt es eine verzögerte sprachliche Entwicklung bis in die Sekundarstufe hinein. Auch beim Übergang von der Schule in den Beruf ist die Sprachförderung daher wichtig. Und: Bildungssprache wird nicht allein im Deutschunterricht erworben. Sie wird in allen Fächern benötigt – und muss daher auch in allen Fächern vermittelt werden, fordert der Erziehungswissenschaftler Bernt Ahrenholz.

"Die Notwendigkeit besteht, dass die Schule insgesamt umdenkt. Dass sie insgesamt sich mehr auch als Sprachvermittlungseinrichtung versteht. Also das auch die Lehrer, die Fachunterricht geben, in jeder Unterrichtssituation reflektieren, wie kann man sprachliche Kompetenzen hier auch fördern."

Sprache ist der Schlüssel zur Integration – das Motto der Tagung spiegelte sich in den präsentierten Forschungsergebnissen wieder. Erfolg in der Schule beruht demnach ganz wesentlich auf der Sprachfertigkeit. Unabhängig davon, ob nun Physik, Biologie, Deutsch oder Mathematik unterrichtet wird. Und auch der Berufseinstieg ist ohne bildungssprachliche Fertigkeiten nicht zu meistern – ganz egal, welche Lehre begonnen wird.

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