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Staatliche Waldorfschule wird in Hamburg gegründet

Erste Klasse startet 2014 im Stadtteil Wilhelmsburg

Von Verena Herb

Ein Zweitklässler
Ein Zweitklässler (Sascha Schuermann/dapd)

Waldorfschulen hatten bisher immer ihr eigenes Konzept abseits der Regelschulen. Nun wollen im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg eine staatliche und eine anthroposophisch orientierte Grundschule fusionieren.

Der Stadtteil Wilhelmsburg liegt auf der anderen Seite der Elbe: Obwohl nach und nach immer mehr junge Familien dorthin ziehen, sich neue moderne Wohnviertel gründen, leben im Kern des einstigen Arbeiterviertels meist Migranten - häufig sozial schwach und, wie es leider immer heißt - bildungsfern. Genau dort wollte der "Verein für interkulturelle Waldorfpädagogik" eine Privatschule gründen - um auch einmal rauszukommen aus den bildungsbürgerlichen Stadtteilen. Der Antrag wurde von der Schulbehörde abgelehnt, erklärt Norbert Rosenboom, Leiter des Amtes für Bildung in Hamburg:

"In diesem Stadtbereich eine private Schule würde heißen: Unsere Schülerschaft wird auseinandergerissen. Künstlerische Elite geht zur einen Schule, wir behalten den gesamten großen Rest. Und im Grunde wird niemand glücklich dabei und da haben wir den Waldörfern das Angebot gemacht, eine staatliche Waldorfschule zu gründen. Das heißt nicht im privaten Rahmen."

Die Waldorfpädagogin Christiane Leiste kann die Argumentation, dass sich die soziale Spaltung im Stadtteil weiter verschärfen könnte, nachvollziehen. Umso überraschter war sie, als von der Behörde der Vorschlag kam, eine staatliche Waldorfschule in Kooperation mit der vorhandenen Grundschule in der Fährstraße zu gründen. Ab 2014, so ist der Plan, sollen die Lehrer der Regelschule gemeinsam mit Waldorfpädagogen unterrichten. Nach mehrmonatigen Konzeptgesprächen mit der Schulbehörde gab es dann eine gemeinsame Tagung mit den Lehrern der Fährstraße. Der Eindruck, so Christiane Leiste:

"Dort arbeitet ein sehr engagiertes Kollegium, was sehr gute Erfahrungen gemacht hat dort in dem Stadtteil. Und wir als Waldorfpädagogen haben eben wenig Ahnung von solchen interkulturellen Kindern. Muss man ganz einfach sagen oder auch den sozialen Gegebenheiten, die dort vorherrschen."

Man war sich schnell einig: Dieses neue Schulkonzept könnte klappen. Die Waldorfpädagogik könnte für die Kinder des Viertels ein enormer Vorteil sein. Denn nach Erkenntnissen des Kollegiums in der Fährstraße sind die Schüler dort Gleichaltrigen in anderen Stadtteilen von der Bildungsentwicklung bis zu zwei Jahren hinterher.

"Und da kommt die Waldorfpädagogik wie gerufen. Weil im Vergleich zur Waldorfpädagogik sind sie überhaupt nicht hinterher. In der Waldorfschule kann man sich so viel Zeit lassen. was übrigens nicht heißt, dass man am Schluss schlechter lesen oder schreiben kann. Im Gegenteil."

Auch Bildungsamtsleiter Norbert Rosenboom ist überzeugt: Eine staatliche Waldorfschule ist der richtige Weg.

"Weil rauskommen könnte, dass wir was ganz Neues setzen. Und bitte - das klingt jetzt übertrieben. Aber wir sind auf der Spur zu sagen: Hier können wir eine künstlerisch ganzheitliche Erziehungsarbeit von Waldorf, die sehr auf das Jahrgangsalter und -vermögen des Kindes gerichtet ist, mit einer staatlichen Betreuungs- und Leistungspädagogik in Übereinstimmung bringen."

Es soll keine Noten und eine "Entschleunigung" des Lernens geben. Doch wie viel Waldorf letztendlich in der Schule steckt, das wird sich zeigen. Norbert Rosenboom:

"Ich mache das mal gerne an einem Buchstaben deutlich: Und da muss man sich nur streiten: Wer ist Punkt, und wer ist Strich. Also wenn Sie ein I nehmen, dann sage ich, das staatliche Schulwesen stellt das I und Waldorf setzt den Punkt drauf. Und die Waldörfer sagen zu recht: Wir sind das I und ihr setzt den Punkt. Diesen Streit sollten wir auch gar nicht zu Ende führen. Weil wir auch gar nicht streiten."

Sondern gemeinsam eine Lösung finden. Die staatliche Waldorfschule wird ab 2014 als Schulversuch laufen. Das bedeutet: Ab kommendem Monat werden die Kollegen von Fährstraße und Waldorf an einem gemeinsamem Schulkonzept arbeiten. Norbert Rosenboom:

"Wir haben erste Kooperationsmodelle: Wie kann es in der Zukunft aussehen? Wir wissen, dass jetzt vieles aufbricht. Wir haben also ein Coaching-Verfahren gegründet - wie wird das Kollegium moderiert im Gespräch zwischen beiden Gruppierungen. Wir haben eine Abstimmung hinter uns, wo die gesagt haben: Ja, wir wollen starten. Und zwar stark mehrheitlich. Und zwar zu unserer großen Freude."

Trotzdem gibt es noch Diskussionsbedarf: Die Waldorfinitiative wünscht sich, dass die Grundschule in eine Stadtteilschule bis Klasse 13 ausgerichtet wird.

"Für vier Jahre nur Grundschule haben wir das nie angedacht. Das war nie unser Anliegen und ist auch nach wie vor für uns nicht denkbar."

Die Schulbehörde will sich darauf nicht festlegen. Erst einmal gehe es darum, den Diskussionsprozess zum Konzept erfolgreich zu Ende zu bringen und 2014 mit Klasse eins zu starten.

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