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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturGeschenke sind nicht umsonst11.07.2016

StiftungenGeschenke sind nicht umsonst

Die Stiftung des Softwaremilliardärs Bill Gates möchte den Klimawandel bekämpfen und ist mit 41 Milliarden Dollar die größte gemeinnützige Stiftung weltweit: Doch sie ist ins Gerede gekommen. Mit dem Schein und Sein gemeinnütziger Stiftungen beschäftigt sich die Journalistin und Soziologin Linsey McGoey in ihrem Buch.

Von Matthias Holland-Letz

 Bill Gates, Vorsitzender der weltweit größten privaten Stiftung, aufgenommen am 11.11.2014 in Berlin während eines Interviews.  (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)
Bill Gates, Vorsitzender der weltweit größten privaten Stiftung, aufgenommen am 11.11.2014 in Berlin während eines Interviews. (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)
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Indien im Jahr 2009. Eine US-amerikanische Organisation namens PATH beginnt, Impfstoffe zweier westlicher Pharma-Konzerne zu testen. PATH bekommt dafür Geld von der Bill-and-Melinda-Gates-Foundation. Die Impfstoffe richten sich gegen Viren, die im Verdacht stehen, Gebärmutterhalskrebs auszulösen. Geimpft werden 23.000 Mädchen im Alter von zehn bis 14 Jahren in den indischen Bundesstaaten Andhra Pradesh und Gujarat. Es ist ein Beispiel aus dem Buch der Soziologin Linsey McGoey:

"Die meisten Impfstoffe gingen an Mädchen in Schulen für indische Ureinwohner, die Adivasi. Wobei man versäumte, das Einverständnis der Eltern für die Impfungen einzuholen. Bis 2010 sorgten Berichte über mysteriöse Todesfälle – vier Mädchen in Andhra Pradesh, zwei in Gujarat – für öffentliche Unruhe."

Die indischen Behörden fanden zwar keinen Beweis dafür, dass die Mädchen durch den Impfstoff starben. Dennoch kam ein Untersuchungsausschuss des indischen Parlaments zu dem Schluss, PATH habe ethische Richtlinien verletzt. So wurde den Test-Teilnehmerinnen gesagt, sie seien durch das Impfen lebenslang geschützt, was nicht stimmte. Auch erhielten die Mädchen eine Informationsschrift auf Englisch, die sie nicht verstanden.

Die Autorin Linsey McGoey, Soziologin an der britischen Universität Essex, berichtet: Allein in den USA existieren über 85.000 Stiftungen. Mehr als die Hälfte von ihnen entstand erst in den vergangenen 15 Jahren. McGoey warnt vor den Folgen dieser "Flut an Philanthropie": Milliardäre wie Bill Gates hätten durch ihre Stiftungen so viel Macht in der globalen Gesundheitspolitik oder im Bildungswesen wie nie zuvor.

Die Autorin, die für die Weltgesundheitsorganisation WHO tätig war, leugnet nicht, dass die Gates-Stiftung Erfolge erzielt. Mehr als 15 Milliarden Dollar investierte die Groß-Stiftung aus Seattle bislang weltweit in Gesundheitsprogramme. Damit half sie zum Beispiel, Menschen vor Malaria zu schützen. Doch erzeuge die Gates-Stiftung politischen Druck, um eigene Themen und Projekte durchzusetzen.

"Wenn Regierungen nicht bereit sind, sich der Gates-Stiftung anzupassen, dann riskieren sie, als kaltschnäuzig und gefühllos zu erscheinen, als Akteur, der die Interessen der eigenen Bevölkerung und das Wohlergehen anderer Nationen vernachlässigt."

Umstrittener Einfluss der Stiftungen

Auch im US-amerikanischen Bildungswesen hat die Gates-Stiftung großen Einfluss. So unterstützt sie die sogenannten Charter Schools, die zwar vom Staat finanziert werden, aber große Freiheiten genießen. Sie dürfen ihre Lehrpläne selbst gestalten, suchen sich ihre Lehrer aus und verfügen über eigene Budgets. Sie sind allerdings umstritten, weil sie mitunter von privaten Managementfirmen geleitet werden, die stattliche Honorare kassieren, bezahlt vom Steuerzahler. Ob Charter Schools tatsächlich besser sind als die öffentlichen Schulen, ist unklar. Die Gates-Stiftung fördert zudem das Online-Learning. Dies führte zu einem Projekt, das kommerzielle Lernsoftwareanbieter mit wertvollen Daten versorgen sollte:

"Zusammen mit der News Corporation des Medienmoguls Rupert Murdoch investierte die Gates-Stiftung in eine 100-Millionen-Dollar-Datenbank, die 2013 startete. Sie speicherte personenbezogene Daten von Millionen Schülerinnen und Schülern, einschließlich Namen, Adresse, Ergebnissen von Schultests, Lernschwierigkeiten und, in einigen Fällen, Sozialversicherungsnummer, Berufszielen und außerschulischen Aktivitäten."

Das wurde vielen Eltern dann doch zu viel. Sie protestierten gegen die Schülerdatenbank. Bundesstaaten wie Georgia und New York zogen ihre Unterstützung zurück. Bereits 2014 endete das Projekt. 100 Millionen Dollar – versenkt.

Eindrucksvoll erinnert die Autorin an die Gründerväter der US-amerikanischen Stiftungsszene: John D. Rockefeller und Andrew Carnegie. Auch diese Groß-Stifter taten Gutes. So gründete der Ölbaron Rockefeller im Jahr 1901 ein Forschungszentrum für Medizin. Der Stahlindustrielle Carnegie stiftete ein Netz von öffentlichen Bibliotheken.

Die Leser erfahren allerdings auch, mit welchen Methoden beide ihre gewaltigen Vermögen anhäuften. Rockefeller spionierte Konkurrenten aus, zahlte Schmiergelder und nutzte Tarnfirmen. Carnegie setzte 1892 private Milizionäre ein, um Stahlarbeiter, die gegen Lohnkürzung streikten, zu bekämpfen. Auf beiden Seiten gab es Tote. Linsey McGoey wagt es, Parallelen zu aktuellen Groß-Stiftern zu ziehen:

"Einige der heute weltweit gefeierten Philanthropen, von Bill Gates bis George Soros, verdienten Milliarden durch Geschäftspraktiken, die zu finanzieller Instabilität, ausgehöhlten Arbeitnehmerrechten und globaler wirtschaftlicher Ungleichheit führten. Im Fall von Gates gilt: Die Geschäftspraktiken von Microsoft wurden in einer Reihe von Anti-Trust-Anklagen in den USA und Europa als illegal bezeichnet."

Das Buch beklagt: Wo die Zahl der gemeinnützigen Stiftungen steigt, fällt es schwerer, mehr staatliches Engagement für Gesundheit und Bildung zu fordern. Zugleich seien Spenden und Stiftungen ein willkommenes Argument gegen die höhere Besteuerung von Wohlhabenden, während Stifter und Stiftungen viele Steuervorteile genießen.

McGoey formuliert denn auch als zentrale Frage: "Macht Philanthropie die Reichen reicher und die Armen ärmer?" Ein Buch, das viel Stoff und mutige Thesen enthält – und in den USA und Großbritannien auf erhebliche Aufmerksamkeit stieß. Eine hervorragende Grundlage für eine Diskussion, die auch in Deutschland überfällig ist. Denn auch hierzulande wächst die Zahl gemeinnütziger Stiftungen rasant.

Buchinfos:
Linsey McGoey: "No such Thing as a Free Gift, The Gates Foundation and the Price of Philanthropy, London/New York 2015,Verso, 304 Seiten, Preis: ca. 25,34 Euro

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