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StartseiteWirtschaft und GesellschaftStrahlender Sonderweg21.10.2013

Strahlender Sonderweg

Großbritannien will seine Atomkraft ausbauen

Nach Fukushima ist die Atomlobby unter Druck geraten. Italien hat ein Atomprogramm gestrichen, Frankreich will ebenfalls weniger AKWs nutzen. Nur Großbritannien tanzt aus der Reihe: Dort soll erstmals seit fast 20 Jahren ein neues Atomkraftwerk gebaut werden.

Von Jochen Spengler

Auch die Briten haben bisher kein Konzept für ihren Atommüll. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)
Auch die Briten haben bisher kein Konzept für ihren Atommüll. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)

In den kommenden 15 Jahren müssen zwei Drittel der britischen Strom erzeugenden Kraftwerke aus Altersgründen ersetzt werden, darunter allein acht von neun Atomkraftwerken. Für die britische Regierung unter Premierminister David Cameron ist die heutige Entscheidung auch wegen der Klimaschutzes alternativlos.

"Das ist ein sehr großer Tag für unser Land. Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass wir ein neues Atomkraftwerk bauen. Andere Regierungen haben es versprochen, aber nicht gehalten. Diese Regierung hat einen langfristigen Wirtschaftsplan, und wir hoffen, dass dies das erste vieler weiterer Atomkraftwerke sein wird, dass es unsere Nuklearindustrie wieder in Gang setzt, Tausende Arbeitsplätze schafft und eine sichere Energieversorgung liefert – weit in die Zukunft hinein."

Nicht der Staat, sondern ein französisch-chinesisches Konsortium wird die beiden Reaktoren bauen. Frankreichs Energieriese EDF ist mit fast der Hälfte beteiligt, zwei chinesische Staatsfirmen kommen auf einen Anteil bis zu 40 Prozent. Der französische Kraftwerkshersteller Areva liefert die Druckwasserreaktoren und ist mit 10 Prozent dabei. Die Bauzeit soll zehn Jahre betragen, sagt der liberale Energieminister Ed Davey:

"Um es klar zu sagen: 57 Prozent dieses Projekts werden an britische Firmen und Arbeiter gehen, allein 5.600 Jobs. Aber das Problem war, dass in den letzten Jahren keine einzige britische Firma mehr am Bau von Atomkraftwerken beteiligt war. Deshalb mussten wir die Franzosen engagieren, aber unsere ganze Strategie läuft darauf hinaus, die britische Nuklearindustrie wieder aufzubauen und Briten wieder das Know-how dazuzugeben; das ist unser langfristiges Ziel."

Prinzipielle Bedenken gegen Atomkraft gibt es in Großbritannien kaum, obwohl auch hier die Entsorgung des Atommülls völlig ungeklärt ist. Große Sicherheits-Bedenken richten sich aber dagegen, China den Schlüssel zur Kontrolle der britischen Stromversorgung zu überlassen. Professor Dieter Helm von der Universität Oxford.

"Es wäre eine Alternative gewesen, dass sich die Regierung selbst beteiligt hätte, ein anglo-französisches Projekt. Aber am Ende waren nur noch EDF übrig und weil die britische Regierung nicht dazu bereit war, die Chinesen."

Die Baukosten von Hinkley C belaufen sich auf rund 19 Milliarden Euro. Erstmals werden sie ohne Subventionen des Staates von den Unternehmen selbst getragen. Allerdings wird der Steuerzahler im Nachhinein zur Kasse gebeten. Denn während der Laufzeit der Anlage wird der Betreiber einen garantierten Abnahmepreis von 109 Euro pro Megawattstunde erhalten – nach Ansicht von AKW-Gegnern wie Theo Simon eine Mogelpackung:

"Die Festlegung auf den Basispreis ist im Endeffekt eine Subvention für die Gewinne von EDF; es bedeutet, dass wir alle das Doppelte des derzeitigen Großhandelspreises zahlen für die nächsten 30 Jahre."

Diese Staatshilfe während der Laufzeit muss noch von der EU-Kommission genehmigt werden. Das Atomkraftwerk soll sieben Prozent des britischen Stroms produzieren und damit rund sechs Millionen Haushalte versorgen. Die heutige Entscheidung fällt in eine Zeit, in der die Stromunternehmen heftig kritisiert werden, weil sie Preissteigerungen von mehr als 10 Prozent angekündigt haben. Der Strompreis in Großbritannien ist aber nur halb so hoch wie in Deutschland.

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