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StartseiteKalenderblattStrahlendes Erbe04.04.2007

Strahlendes Erbe

Wie in den 60er Jahren die Atommüll-Lagerung in Deutschland begann

Von einer dauerhaften Sicherung von Atommüll kann bis heute in Deutschland nicht die Rede sein. Die Einrichtung eines zentralen Endlagers in Gorleben stößt weiterhin auf massiven Widerstand. Am 4. April 1967 wurde im ehemaligen Salzbergwerk Asse II in der Nähe von Wolfenbüttel der erste deutsche Atommüll abgeladen und faktisch endgelagert.

Von Irene Meichsner

Ein Frontschaufellader fährt in einem Salzschacht des Erkundungsbergwerkes  Gorleben. (AP)
Ein Frontschaufellader fährt in einem Salzschacht des Erkundungsbergwerkes Gorleben. (AP)

Halbwertszeit nennt man die Zeitspanne, in der die Atome einer radioaktiven Substanz zur Hälfte zerfallen. Sie kann einige tausend, viele Millionen oder sogar Milliarden Jahre betragen - ein strahlendes Erbe ziviler Nutzung von Atomenergie, über dessen Verbleib man sich lange Zeit kaum Gedanken machte. Das erste deutsche Großkernkraftwerk im bayerischen Gundremmingen war schon im Bau, als 1964 in der Asse, einem Höhenzug östlich von Wolfenbüttel, ein altes Kalisalzbergwerk stillgelegt wurde. Im Auftrag der Bundesregierung kaufte die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung GSF, eine gemeinsame Tochter des Bundes und des Freistaats Bayern, die Schachtanlage Asse II, offiziell nur als eine so genannte Versuchsendlagerstätte. Egon Albrecht, der technische Betriebsleiter:

"Die Aufgabe ist explizit ausgedrückt, Einlagerungstechnologien zu entwickeln und zu erproben, um die hier gesammelten Erfahrungen in die Planung, den Bau, auch späteren Betrieb des neuen großen Endlagers im Rahmen des Entsorgungszentrums einzubringen."

Am 4. April 1967 wurde der erste Atommüll in der Asse abgeladen: anfangs nur schwach radioaktive Abfälle wie kontaminierte Geräte, Kleidung und Luftfilter aus kerntechnischen Forschungsbetrieben. Seit 1972 kamen knapp 1300 Fässer mit mittelradioaktiven Abfällen hinzu, die heute etwa 40 Prozent der radioaktiven Strahlung in der Anlage ausmachen. Über 126.000 Atommüllfässer wurden in Asse II deponiert - in Wahrheit keine bloße Versuchslagerstätte, sondern ein echtes Endlager, mit dem umumkehrbare Tatsachen geschaffen worden sind. Als der Radio-Reporter Hermann Rockmann die Anlage 1977 besichtigte, waren einige der 13 Lagerkammern schon bis zur Decke mit Fässern befüllt.

"Sohle auf 490 Meter. Beginn einer Autofahrt durch die Katakomben der Asse, eine überraschend interessante, ein bisschen unheimliche Welt erschließt sich 500 Meter unter Tage. Domähnliche Hallen, 40 mal 60 Meter, bis zu 18 Metern Höhe werden passiert. Die Scheinwerfer des Autos fressen sich in die Dunkelheit hinein, leuchten einen Stapel gelber Fässer an und tasten wieder eine Wand betonummantelter Fass-Ungetüme ab, die wie Reste abgewrackter Dampfwalzen in langen Reihen nebeneinander und übereinander und weit in die Tiefe gelagert sind."

Ende 1978 lief die Genehmigung zur versuchsweisen Einlagerung von Atommüll aus. Nach Inkrafttreten der 4. Atomrechtsnovelle wäre für eine weitere Ablagerung ein ordentliches Planfeststellungsverfahren mit öffentlicher Beteiligung erforderlich gewesen; es wurde für die Asse nie angestrengt. Der Müll sei aber sicher verstaut, beteuerten die Betreiber. Selbst den GAU in Gestalt eines Wassereinbruchs habe man mit einkalkuliert.

Und dann das böse Erwachen im August 1988, als bei einer, wie es heißt, routinemäßigen Befahrung, entdeckt wurde, dass in das Bergwerk eine Steinsalzlösung eindringt. Die Ursache ist bis heute nicht vollständig geklärt, die Bundesregierung vermute:

"fortschreitende Verformungen und stauende Wasserschichten des Deckgebirges"."

Von 1995 bis April 2004 wurden die alten Abbauhohlräume mit Rückstandssalzen aus dem ehemaligen Kalisalzbergwerk Ronnenberg aufgefüllt. Damit war die Gefahr aber noch nicht gebannt. Auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen erklärte die Bundesregierung im Oktober 2006:

""Würde die Schachtanlage Asse im jetzigen Zustand sich selbst überlassen bleiben, könnte das Grubengebäude mit den zutretenden Salzlösungen voll laufen. Zugleich käme es dann zu Umlösungen und Zersetzungen in einigen geologischen Formationen, die in der Folge nicht kalkulierbare gebirgsmechanische Vorgänge auslösen würden, so dass darüber kontaminierte Lösungen aus dem Grubengebäude in das Grundwasser gelangen könnten."

Dem versucht man nun, durch Einspeisung einer Magnesiumchlorid-Lösung vorzubeugen. Sie soll verhindern, dass die einsickernde Steinsalzlauge das gefährdete Grubengestein Carnallitit zersetzt. Den geforderten Langzeitsicherheitsnachweis hat die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung bislang nicht beibringen können. Zuletzt ist die geplante Stilllegung von Asse II auf das Jahr 2017 verschoben worden.

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