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Stressfreier an der Spitze

Langzeitdaten zeigen: Führende Pavianen leben gesünder

Von Michael Stang

Die Langzeitbeobachtung von Pavianen liefert Einsichten in die Wirkung der Macht.
Die Langzeitbeobachtung von Pavianen liefert Einsichten in die Wirkung der Macht. (picture alliance / dpa)

Verhaltensforschung. - Macht soll ihren Inhaber zeichnen. Ob und wie sich der Stress eines hohen Ranges langfristig auch bei Tieren beobachten lässt, das haben Forscher fast 30 Jahre lang bei frei lebenden Pavianen untersucht. Ihre Ergebnisse stellen sie im Fachblatt PNAS vor.

Seit 1971 beobachten Verhaltensforscher in Kenia konstant drei Paviangruppen. Dazu kommen seit knapp 30 Jahren auch Kotuntersuchungen, die Aufschluss über Verwandtschaftsbeziehungen geben und Einblicke in den Gesundheitszustand und den Hormonhaushalt der Tiere ermöglichen. Elizabeth Archie von der Universität von Notre Dame im US-amerikanischen Bundesstaat Indiana hat nun zusammen mit Kolleginnen in Kenia die Daten von mehr als 630 Steppenpavianen analysiert.

"Wir sind der Frage nachgegangen, inwiefern der soziale Status die Gesundheit eines Tieres beeinflusst, etwa ob sich das langfristig auf das Immunsystem auswirkt. Es gibt ja die Überlegung, wie groß der Einfluss von Stress ist und wie sehr der soziale Status auf die Gesundheit einwirkt."

Ihre Frage war: Was ist das kleinere Übel? Der Stress der Alphamännchen an der Spitze der Hierarchie oder der Stress für die Tiere am unteren Ende der Primatengesellschaft?

"Interessanterweise sahen wir uns darin bestätigt, dass sowohl hochrangige Paviane als auch rangniedere Tiere enormem Stress ausgesetzt waren. Wir wissen, dass Stress unter Umständen das Immunsystem schwächen kann und so haben wir diese Effekte untersucht. Aber dabei sahen wir zu unserer eigenen Überraschung: dieser Stress wirkt sich bei hochrangigen Männchen nicht negativ aus."

Ob und wie sich der Stress auswirkt, haben Elizabeth Archie und ihre Kolleginnen anhand von Faktoren wie Alter, Kondition, Stress, Fortpflanzungserfolg und Testosteronwerten untersucht.

"Wir haben auch festgestellt, dass rangniedere Tiere eher krank werden als hochrangige Artgenossen. Zudem heilen Wunden bei Alphamännchen auch wesentlich schneller als bei Tieren, die in der Hierarchie unten stehen."

Bei schweren Verletzungen dauerte es bei rangniedrigen Tieren 31 Tage bis zur vollständigen Heilung, Alphamännchen waren hingegen schon sechs Tage früher wieder fit. Der soziale Rang hatte auf die Heilungsprozesse demnach einen größeren Einfluss als das Alter der Paviane. Die große Frage ist nun: Was bedingt was? Wirkt sich Macht positiv auf die Gesundheit der Steppenpaviane aus oder schaffen es per se nur gesunde Tiere bis ganz nach oben und sind somit automatisch robuster als die schwächlicheren Untergebenen? Dies könne sie anhand ihrer Daten nicht beantworten, so die US-Forscherin. Unabhängig davon erklären diese Überlegungen aber auch nicht, warum Alphamännchen, die diesem Stress der Macht ausgesetzt sind, den negativen Folgen praktisch entkommen können.

"Dazu haben wir einige Vermutungen. Es könnte sein, dass vor allem junge und kräftige Männchen schnell Karriere machen und dass ihnen diese physische Robustheit bei ihrer Herrschaft hilft, sich schnell zu regenerieren. Ebenso kann es auch sein, dass der Stress, dem die Tiere ausgesetzt sind, unterschiedlich ist. Rangniedrige Tiere stehen permanent unter Strom, weil sie von allen Seiten attackiert werden, wohingegen Alphamännchen nur phasenweise gestresst sind – beides wirkt sich dann unterschiedlich auf das Immunsystem aus."

Dass chronischer Stress langfristig krank machen kann, überrascht nicht, dass kurze Stresssituationen das Immunsystem möglicherweise stärken können, hingegen schon. Genau dies sei der Punkt, auf den sich zukünftige Studien konzentrieren müssen, fordert Elizabeth Archie. Daten dazu könnten schon in wenigen Jahren vorliegen: bei der Langzeitbeobachtung in Kenia, die seit 1971 ununterbrochen läuft, ist noch kein Ende abzusehen.

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